Mit 58 Jahren wurde sie arbeitslos. Doch statt regelmäßig an die Tür des Jobcenters zu klopfen, ging Christa Thonagel einen mutigen Weg: Mit ihrer Seniorenassistenz wagte sie Neues und wurde Existenzgründerin.

Stendal l "So willst\'e nicht weiterleben", hatte Christa Thonagel damals gedacht, als sie vor mehr als drei Jahren arbeitslos wurde und den obligatorischen Weg über das Jobcenter gehen musste. Die Lebensumstände zwangen sie, ihren Beruf als Erzieherin aufzugeben. Und das in einem Alter - mit 58 Jahren - mit dem Arbeitgeber nicht gerade liebäugeln. Denn, so die allgemeinen Vorurteile in der Gesellschaft: Ältere Arbeitnehmer sind öfter krank, weniger leistungsfähig und unflexibel.

Um diese Vorurteile aus dem Weg zu räumen, hat das Bundeministerium für Arbeit und Soziales das Programm "Perspektive 50plus" gestartet. Bereits seit 2005 wird es in 78 Projekten regional umgesetzt. Mit dem "Netzwerk-Altmark-50++" engagieren sich der Landkreis Stendal und der Altmarkkreis Salzwedel für ältere Arbeitnehmer. Und Marion Emmer, Geschäftsführerin des Jobcenters Stendal, begründet auch, warum: "Ältere sind leistungsfähig und für den Arbeitsmarkt unverzichtbar. Wir wollen ihnen eine Perspektive geben."

Immer mehr Ältere sind heute im Berufsleben

Ein Todesfall in ihrer Familie eröffnete Christa Thonagel eine Perspektive. Sie kümmerte sich um den zurückgebliebenen Ehepartner, nahm sich vor, einmal im Monat mit ihm wegzufahren. Aus dem ¿Wenig\' wurde mehr: Die Tangerhütterin machte sein Auto fit, fuhr mit ihm an den Elbstrand oder in seine alte Heimat Magdeburg. Und bemerkte dessen Verwandlung. "Ich habe meinen Verwandten aus seinem Loch rausgeholt." Und schließlich meldeten sich Senioren bei der 58-Jährigen: "Könnten Sie auch für mich da sein?"

Christa Thonagel fing an. Sie informierte sich im Internet, machte eine Ausbildung in der Seniorenassistenz und gründete schließlich damit ihre eigene Existenz. Dass Thonagels Existenzgründung nicht der gängige Weg aus der Arbeitslosigkeit ist, ist Marion Emmer klar. "Aber es ist ein Beispiel dafür, dass man mit über 50 noch längst nicht zum alten Eisen gehört", so die Geschäftsführerin. Denn heute stehen immer mehr ältere Arbeitnehmer im Berufsleben, sogar über 75-Jährige, sagt sie. Und Emmer ist überzeugt: "Sie bringen Erfahrungen und Motivation mit." Gerade weil die Bevölkerung immer älter und Fachkräfte mehr und mehr gesucht werden, soll die ältere Generation nicht ausgegrenzt sondern eingegliedert werden.

Die Idee zu Hause ist aufgegangen

Christa Thonagel hatte Glück. Ihre Idee, Senioren auch zusätzlich zur Pflege und Hausarbeit Zuhause zu betreuen, ist aufgegangen. "Ich habe nie Zeit. Ich bin die Einzige in der Region, die sowas macht." 30 Senioren hat sie in ihrer Obhut, manche regelmäßig, manche gelegentlich. Sie geht mit ihnen zum Arzt, in die Kirche, zum Friedhof oder begleitet sie auf kulturelle Veranstaltungen. Dass die Seniorenassistenz bezahlt werden muss, ist kein Hinderungsgrund für ihre Kunden. "Ich gebe ihnen ein Stück Lebensqualität. Wenn wir zum Beispiel an der Elbe sitzen, sind wenigstens mal ihre Schmerzen weg." Die ehrenamtlichen Institutionen, die Nachbarschaftshilfe anbieten, sieht die Unternehmerin nicht als Konkurrenz. "Im Gegenteil, der Bedarf hier ist hoch."

Die Seniorenassistenz - ein möglicher Weg für die über 50-Jährigen. Das Projekt "Netzwerk-Altmark-50++" kooperiert mit mittelständischen und kleinen Unternehmen. Vor allem in Zeitarbeit, Niedriglohnsektor und Helfertätigkeiten konnten die Älteren integriert werden. Für Marina Kermer, Chefin der Arbeitsagentur, leistet das Projekt eine wichtige Vorarbeit: "Ältere sollen so erstmal aus der Arbeitslosigkeit rausgeholt werden. Dann müssen wir über weitere Qualifizierungen nachdenken."

Mehr Infos zum Programm unter www.netzwerk-altmark.de und zur Seniorenassistenz unter Tel. (0173) 2114492