"Das gibt einen Eintrag ins Klassenbuch!" Wer hat diesen Satz zu Schülerzeiten nicht gefürchtet... Bei Annedore Utke aus Uenglingen sorgen solcherlei Einträge nun für große Entdeckerfreude. In einem Klassenbuch aus dem 19. Jahrhundert fand sie Namen ihrer Familie.

Uenglingen. Wird das Wort Klassenbuch erwähnt, löst das bei so manchen Schülern nicht gerade Freude aus. Aber auch bei Erwachsenen werden dabei Erinnerungen an die eigene Schulzeit wach, die vielleicht mit negativen Einträgen und Ungehörigkeiten zusammenhängen. Denn im Klassenbuch werden nicht nur die Lernleistungen, sondern auch so manche persönliche Aspekte über viele Jahre festgehalten.

Hält man aber zwei historische Klassenbuchexemplare aus dem Jahr 1884 und aus den Nachkriegsjahren in den Händen, wie es Annedore Utke aus Uenglingen vergönnt ist, lösen diese Dokumente nicht nur Neugierde aus, sondern sind auch ein geschichtliches und schulpolitisches Abbild.

Für ehemalige Lehrerin ist das Buch ein Schatz

Als Wilfried Rogge aus Schinne, der sich seit etlichen Jahren mit der Historie der Region beschäftigt, diese Klassenbücher beim Herumstöbern entdeckte, war er sich unschlüssig, was er mit diesem Fund machen sollte. Schließlich gab er sie Annedore Utke in Uenglingen. "Da in den Büchern überwiegend Schülernamen aus Uenglingen standen, erinnerte er sich an mich", erzählt die 74-Jährige, "denn ich war etliche Jahre als Lehrerin in Schinne tätig, wuchs in Uenglingen auf und wohne noch jetzt hier."

So kam sie also in den Besitz dieser interessanten Klassenbücher, die demnächst dem Stendaler Stadtarchiv übergeben werden sollen. Bevor es aber soweit ist, reizt es Annedore Utke immer wieder, einen Blick in die beiden "Classenbücher" - so wurde das Wort in früheren Zeiten geschrieben - zu werfen.

Nicht in Zahlen, sondern in der immer wieder schön anzusehenden Sütterlinschrift wurden die Leistungen unter anderen in den Rubriken und Fächern Fleiß, Betragen, Rechnen, Weltkunde, Gesang, sittliche Führung, Turnen, Deutsch, Rechnen beschrieben und beurteilt. In späteren Jahren wurden statt der Worturteile Zensuren verwendet. Aber auch die Berufe der Eltern finden sich in den Büchern wieder. "Besonders beeindruckt bin ich, dass unter den Schülernamen auch die von meinem

Großvater, der 1874 geboren wurde, von meinen Tanten, den Schwestern und meinem Vater, der 1906 eingeschult wurde, mit deren Zensuren und Einschätzungen zu finden sind."

Außerdem erfuhr Annedore Utke, dass die heutigen Räume der Uenglinger Kita "Spatzennest" nach dem Krieg für kurze Zeit als Schule genutzt wurden. Nahe der Kirche im Ort gab es dann eine dreizügige Schule, die in den siebziger Jahren aufgelöst wurde, so dass die Schüler in Schinne zur Schule gingen.

Einstige Flüchtlinge sind in Uenglingen geblieben

Klassenbilder sagen aus, dass die Klassenstärke um die Jahrhundertwende oft bis zu 80 Schüler betrug, wobei die älteren Jahrgänge die jüngeren Schüler unterstützen mussten.

Im zweiten Klassenbuch aus der Nachkriegszeit stehen auch die Namen von Flüchtlingskindern, von denen heute noch etliche in Uenglingen leben. "Da ich viele Namen, die im Klassenbuch aufgeführt werden, kenne, war für diese Einwohner der Blick in die Klassenbücher nicht nur sehr interessant, sondern rief auch so manche Erinnerungen wach", erzählt Annedore Utke. Das historische Dokument sorgte also für reichlich Gesprächsstoff und Erinnerungen - und das Klassenbuch hat seinen Schrecken für die Ehemaligen natürlich längst verloren.

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