Schüler radeln von Salzwedel in Richtung Lüchow, in Groß Gusborn schnippeln Altmärker Gemüse, auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben sitzt die Osterburger Familie Lessing mit rund 1200 weiteren Demonstranten: Tag drei des zwölften Castortransportes.

Gorleben. "Ich mag nicht mehr schnippeln": Nach sechs Stunden war Uta Thiel erschossen. In den frühen Morgenstunden hat sie angefangen, im Camp der Bäuerlichen Notgemeinschaft in Groß Gusborn Suppe für die Atomkraftgegner zu kochen. Am Abend zuvor, und der war mehr als lang, waren noch schnell sechs Kuchen gebacken worden. Auch das Absichern der Verpflegung von Tausenden Demonstranten kann Stress sein, wenngleich unter anderem der auch in Kalbe/Milde ansässige Fertiggerichte-Produzent Grocholl bereits hunderte Portionen geliefert hat.

Die Altmärker müssen trickreich sein: Straßen werden von Treckern blockiert und die Polizei ist bei den Kontrollen sehr restriktiv. Doch sogar die rund 3000 Schienenblockierer bei Harlingen haben die Altmärker am Sonnabend versorgt. "Nur die Mitternachtstour kam nicht mehr durch. Die Polizei hatte alles abgeriegelt. Das war wohl schon die Vorbereitung zur Räumung der Schiene", schilderte Wolf Warneke. Ein Lob erhielten gestern auch die altmärkischen Landwirte von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. "Es sind viele Trecker mit Salzwedeler Kennzeichen unterwegs", erklärte ein Sprecher. Gorleben lässt die Altmark also doch nicht ganz kalt.

"Wir können ihnen doch nicht so ein Erbe hinterlassen "

Zumindest nicht Familie Lessing aus Osterburg. Sie sitzt seit Sonnabend, 22 Uhr, auf jener Straße, die direkt zum Zwischenlager Gorleben führt. Zu jener großen Halle, in der bereits 91 Castorbehälter mit ihrem hochradiaktiven Inhalt stehen und die nun elf weitere Behälter aufnehmen soll. "Das radioaktive Inventar hat die bislang höchste Strahlungsintensität, die mit einem Castortransport nach Gorleben gelangt ist", erklärte gestern der Greenpeace-Atomexperte Matthias Edler. Ein Castorbehälter, der rund 15 Tonnen Atommüll aufnehmen kann, könnte jene Strahlung freisetzen, die einst beim Supergau von Tschernobyl freigesetzt wurde.

Auch aus diesem Grund demonstrieren Friedemann und Isolde Lessing. Mit dabei ihr 13-jähriger Sohn Jacob. "Wir haben eine Verantwortung unseren Kindern gegenüber. Wir können ihnen doch nicht so ein Erbe hinterlassen", sagt Isolde Friedemann. "Es ist doch wichtig, dass die Kinder beginnen, in diesem Alter politisch aktiv zu werden", betonte Friedemann Lessing, der vor zwei Jahren auch schon an einer Schienenblockade teilgenommen hat.

Mit der Straße zum Zwischenlager haben die Demonstranten einen neuralgischen Punkt besetzt. Hier müssen die elf Schwerlasttransporter mit den Castoren lang. Eine Räumung der Blockade durch die Polizei ist vorprogrammiert. "Es wird eine friedliche Räumung", sagte gestern Torsten Henkel, Pressesprecher der Bundespolizei. Lessings haben davor keine Angst. Nach einer kalten Nacht auf der Straße, auf bis zu minus zwei Grad ging die Temperatur zurück, habe es am Morgen bereits ein Aktionstraining gegeben. "Wir haben den gewaltfreien Widerstand geübt", schilderte Friedemann Lessing.

Er lobte die Organisation während der Sitzblockade. Das Essen sei ausgezeichnet, die Toiletten sauber. Aber viel wichtiger für ihn ist, wer alles links und rechts neben ihm auf der Straße sitzt. "Ob Hartz IV oder Diplomingenieur. Ob reich oder arm. Ob jung oder alt, es findet sich alles hier", sagte er. Auffallend seien die vielen Kinder.

Er bestätigte damit eine Einschätzung von Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg: "Der Widerstand ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen." Lessings wollen so lange ausharren wie möglich. Wegtragen lassen wollen sie sich aber nicht. "Nach der dritten Aufforderung gehen wir", sagte Sohn Jacob. Und sein Vater setzte hinzu: "Auf den Wasserwerfer kann ich verzichten."

Nicht alle werden so einfach der Staatsgewalt weichen. Die Wasserwerfer standen bereits gestern den Demonstranten gegenüber. Es wird maßgeblich von der Polizei-Einsatzführung abhängen, wann und wie die Blockade geräumt wird.

"Eine Sternstunde des zivilen Ungehorsams"

Bei Harlingen, "eine Sternstunde des zivilen Ungehorsams", so Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom- Organisation "ausgestrahlt", lief nicht alles rund.

Trotz Vermittlungsversuchen wurde die Schiene nachts geräumt. Hunderte Demonstranten mussten anschließend stundenlang in einem provisorischen Gefangenensammelpunkt ausharren, ohne dass sie einen Richter sprechen konnten. Für die BI Umweltschutz eine klare Rechtsbeugung. Gestern wurde bereits eine Strafanzeige gegen die Einsatzführung angekündigt. Vorwurf: Freiheitsentziehung. Doch die Einsatzführung will so schnell wie möglich die radioaktive Fracht im Zwischenlager haben. Denn die eingesetzten Polizeibeamten sind teilweise schon jetzt am Ende ihrer Kräfte.