Stendal. "Ich bin am 23. Juni 1915 als Kriegsfreiwilliger mit noch nicht ganz 18 Jahren in das zweite Bayerische Feldartillerie-Regiment eingetreten und habe insbesondere an den schweren Kämpfen dieses Regiments in der Somme-Schlacht teilgenommen", schreibt Dr. Julius Charig am 27. April 1933 an den Oberlandesgerichtspräsidenten in Naumburg und bittet darum, seine Zulassung als Rechtsanwalt beim Land- und Amtsgericht Stendal aufrecht zu erhalten. Er habe das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhalten, sei stets patriotisch eingestellt gewesen und habe es stets abgelehnt, Kommunisten in politischen Prozessen zu verteidigen.

Doch alle Beteuerungen des einzigen jüdischen Anwalts in Stendal führen nur zu einem Aufschub. Ab 1933 sind ihm das Betreten des Gerichtsgebäudes und das Verhandeln vor Gericht verboten; am 24. Oktober 1938 wird ihm seine Zulassung als Rechtsanwalt entzogen.

Wer war dieser Julius Charig, für den und seine Frau Ilse in der vergangenen Woche Stolpersteine in der Beckstraße und der Karlstraße (die Volksstimme berichtete) gesetzt wurden? In der Schrift "Anwalt ohne Recht. Verfolgte Rechtsanwälte jüdischer Herkunft im Oberlandesgerichtsbezirk Naumburg (1933-1945)" widmet ihm Autor Georg Prick ein längeres Kapitel.

Am 26. Juni 1897 im bayrischen Obslaufen geboren, legt er nach seinem freiwilligen Kriegsdienst 1921 am Kammergericht in Berlin sein Referendarexamen ab. Im Jahr danach promoviert er in Breslau und besteht 1924 die Große Staatsprüfung. Als Syndikus in der Geschäftsstelle des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Hannover ist er mit dem Rechtsschutz von Juden befasst. Nachdem er 1925 als Anwalt in Emden zugelassen worden ist, nimmt er es mit dem Pfarrer Ludwig Münchmeyer auf der Insel Borkum auf, der durch antisemitische Aktivitäten auf sich aufmerksam macht. Charig verbreitet eine Kampfschrift gegen den Pfarrer, wird zwar wegen Beleidigung zu einer Geldstraße verurteilt, bleibt aber am Ende moralischer Sieger: Münchmeyer muss seinen Pfarrdienst aufgeben.

Allerdings bleibt ihm nach dem Prozess die Klientel aus, sodass er 1927 zunächst nach Berlin wechselt und sich am 13. August 1929 schließlich in Stendal niederlässt. Mit dem Machtantritt der Nazis setzen die anfangs beschriebenen Repressalien ein. Julius und Ilse Charig - die 1904 geborene Ilse Mosheim heiratete er 1925, die Ehe blieb kinderlos - versuchen, zu Verwandten in die USA auszuwandern, doch der Plan misslingt. Am 14. April 1942 wird das Ehepaar Charig beim Einwohnermeldeamt in Stendal "nach unbekannt abgemeldet". Sie sind am Tag zuvor ins Warschauer Ghetto deportiert worden. Mit dem 16. April 1942 ist die letzte bekannte Nachricht Julius Charigs an Verwandte datiert. Über das Rote Kreuz teilt er aus Warschau mit: "Ilse arbeitet in der Gemeindeküche. Ich im Büro einer deutschen Firma."

Dann verliert sich die Spur von Ilse und Julius Charig. Erst im Jahr 1950, als am Amtsgericht Stendal ein Todeserklärungsverfahren ansteht, wartet eine Stendalerin, die wohl Briefkontakt zum Ehepaar Charig hatte, mit Informationen auf. Sie erklärt vor Gericht, dass sie am 25. März 1943 von einer Mittelsperson die Nachricht erhalten habe, dass Julius Charig im Warschauer Ghetto verstorben und seine Frau Ilse verschleppt worden sei. Auf diesen Informationen basierend, setzt das Gericht den Todestag von Julius Charig auf den 25. März 1943 und den für Ilse Charig auf den 1. April 1943 fest.

Der 2006 vor ihrer letzten Stendaler Wohnung gesetzte Stolperstein verschwand. Daraufhin finanzierte die Altmärkische Anwaltsvereinigung in diesem Jahr die drei neuen Steine.