Weihnachten in Familie – dieses Lied, gesungen vor vielen Jahren von Frank Schöbel und seiner Familie, geht mir in diesen Tagen besonders oft durch den Kopf. Es ist schön und mir wichtig, das Fest der Feste in der Familie zu verbringen. Doch das klappt eben nicht immer. Manchmal müssen auch "Ersatzfamilien" herhalten. Familie Noczynski in Osterweddingen ist so eine Familie, sie haben zwei Pflegekindern ein neues Zuhause gegeben.

Osterweddingen. Wenn Marco (38), Beatrice (34), Sabine (13) und Nils (9) Noczynski heute Abend auf den Weihnachtsmann warten, dann warten mit ihnen auch die Pflegekinder Leonie (4) und Jason (7 Monate). Vor einigen Tagen aber hat die Familie im Vorweihnachsstress auch noch die Geburtstage von Nils und Leonie gemeistert. Sie hatten am Dienstag und am Mittwoch Geburtstag. Und man darf nicht vergessen, dass Mama Beatrice eine sehr engagierte Frau ist, sich gerade in den vergangenen Wochen im Rahmen der Elterninitiative "Sülzetal 21" für den Erhalt der Grundschulen im Sülzetal, vor allen Dingen in Osterweddingen engagiert hat. Dass Mama Bea ein großes Herz hat und sich stets auch für andere, vor allem für Kinder, einsetzt, hat sie schon oft bewiesen. Kennengelernt habe ich sie kurz nach Weihnachten 2004, als ein schrecklicher Tsunami in Südostasien zahllose Opfer forderte. In der DRK-Begegnungsstätte Osterweddingen war eine Spendensammelstelle eingerichtet worden. Beatrice und Sabine Noczynski hatten spontan Kuchen gebacken und verkauften diesen dort, spendeten so auf ihre Weise. Ehrenamtlich leitete Bea Noczynski später eine Theater-AG in Osterweddingen, half im DRK-Kinder- und Jugendtreff ebenso ehrenamtlich aus.

Vor allem Kinder haben es Beatrice Noczynski angetan. "Ich hatte zehn Jahre einen An- und Verkauf für Kinderbedarf. Zum Kundenkreis gehörten zahlreiche Pflegeeltern. So hörte ich viel über diese Problematik. Mein Mann und ich beschlossen schließlich, uns als Pflegeeltern beim Jugendamt zu bewerben. Der Zeitpunkt war gut. Ich musste meinen An- und Verkauf aufgeben, Nils kam in die Grundschule und ich war zu Hause. Ich hatte also genug Zeit, mich um Pflegekinder zu kümmern", erinnert sich Beatrice Noczynski an die ersten Schritte auf dem Weg zu Pflegeeltern. Das Ehepaar besuchte die Pflegeelternschulungen des Jugendamtes des Landkreises Börde. Die zuständige Betreuerin des Pflegekinderdienstes, Frau Röhlig, machte Hausbesuche und befragte auch die Kinder der Familie, wie sie denn zu Pflegekindern stehen würden. "Wir gestalteten gemeinsam einen Familienbewerberhefter. Nach Beendigung aller Schulungen waren wir geprüfte Pflegeeltern. Im März 2009 bekamen wir unser erstes Pflegekind Ceciel. Zum September dieses Jahres gab es eine Rückführung zu ihrer Mutti. Im Februar kam Leonie in unsere Familie", berichtet Beatrice Noczynski. Leonie besucht die Kindertagesstätte in Stemmern.

Inzwischen weiß Familie Noczynski, dass alle Pflegekinder einen "Rucksack" mit sich herumtragen. Sie benötigen viel Zuwendung, um Entwicklungsverzögerungen und Defizite aufzuarbeiten. Leonie hat bereits enorme Fortschritte gemacht. Grund dafür sind die gute Zusammenarbeit mit der Kita, regelmäßige Besuche beim Ergotherapeuten und ein sicheres Familienleben. "Als Pflegefamilie musst du kreativ, geduldig und flexibel sein. Jason lebt seit Anfang Dezember bei uns. Das Leben in unserer Familie ist sehr erfüllend," ist bei Familie Noczynski zu erfahren.

Spagat zwischen Harmonie und Chaos

Der ganz normale Alltag ist manchmal ein Spagat zwischen Harmonie und Chaos. Und doch ist die Familie noch stärker zusammengewachsen. "Man wächst mit seinen Aufgaben und wir meistern viele Hürden", meint Mama Bea optimistisch. Nils ist für die kleinen Pflegekinder der große Bruder und freut sich, immer einen Spiel- und Kuschelpartner zu haben. Sabine und Nils finden es jetzt sogar harmonischer zu Hause, weil sie weniger Zeit haben, sich zu streiten. Die Familie unterstützt und hilft sich gegenseitig. Alle Familienmitglieder haben altersgerechte Aufgaben und Pflichten. Wichtig auch für die Pflegekinder: Es gibt einen geregelten Alltag mit Normen, Regeln und Grenzen, in denen sich alle sicher bewegen. Sabine wurde mal gefragt, ob sie nicht eifersüchtig sei, wenn andere Kinder ihre Eltern Mama und Papa nennen würden. Ihre Antwort: "Nein, denn Mama und Papa haben ein großes Herz und da ist Platz für viele Kinder drin." Marco und Beatrice Noczynski waren total stolz und finden es toll, wie super ihre eigenen Kinder mit den Pflegekindern umgehen und so manche Hürde meistern.

"Nils liebt es, uns mit seinem Keyboard und Gesang zu erfreuen. Leonie tanzt dazu und Jason lauscht. Sabine findet es gut, dass wir Kinder aufnehmen und ihnen zeigen, wie ein Familienleben aussieht und was Fürsorge bedeutet. Sollte ihr es mal zu nervig werden, kann sie in ihr eigenes Zimmer flüchten (kam bisher noch nicht vor)", erzählt Beatrice Noczynski.

Papa und Mama sind glücklich zu sehen, wie die Pflegekinder gedeihen und auch die eigenen Kinder davon profitieren. Füreinander da sein, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft sind nur einige Werte, die Marco und Beatrice Noczynski ihren und den Pflegekindern vermitteln.

"Weihnachtszeit ist auch bei uns Bastelzeit. Geschenke und Dekorationen werden gemeinsam gebastelt. Selbstgemachte Futterringe für die Vögel sowie traditionelle Plätzchen gehören dazu. Heiligabend gibt es selbstgemachten Kartoffelsalat mit Würstchen. Aber auch Ente mit Grünkohl und Klöße gibt es Weihnachten. In der Vorweihnachtszeit schauen wir uns immer das Weihnachtsprogramm in der Grundschule Osterweddingen an. Alle Klassen führen etwas vor. Das Programm vor wenigen Tagen war wieder sehr schön. Leonie und Jason konnten sehen und hören, wie ihr großer Bruder beim Programm im Chor mitwirkte. Sabine hatte ihren letzten Schultag auf dem Börde-Gymnasium mit einer Klassenarbeit verbracht. Wir drückten ihr aber alle die Daumen", ist weiterhin aus der Vorweihnachtszeit der Pflegefamilie Noczynski zu erfahren.

Pflegefamilien sind große Familien

Es freut die Familie, wenn Leonie sagt: "Das ist unser Zuhause, stimmt‘s?" Sie nennt Sabine "meine Biene" und Nils "mein Nilsiboy", sie ruft Mama Bea (am Anfang sagte sie Mama Bär und Ehemann Marco war folglich Papa Bär). Jetzt sagt sie aktuell "mein süßer Papi Marco". Der Geburtstag von Leonie am 22. Dezember wurde mit den Pflegeeltern gefeiert, die ihre Geschwister aufgenommen haben.

"Als Pflegefamilie hast du eine sehr große Familie. Die Herkunftsfamilie, die eigene, Pflegefamilien der Geschwisterkinder, Therapeuten, Erzieherinnen der Kindertagesstätten, Mitarbeiter des Jugendamtes und viele Freunde. Im Idealfall arbeiten alle zusammen. Bei uns ist das der Fall. Wir fühlen uns bei Sorgen und Problemen bei Frau Röhlig gut aufgehoben. Wer sich vielleicht mit dem Gedanken trägt, ein Pflegekind aufzunehmen. Dem sagen wir nur Mut, man wächst mit seinen Aufgaben und hilft, die Welt ein bisschen besser zu machen. In diesem Sinne wünschen wir allen besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr, besonders den Mitstreitern von Sülzetal 21", meint Familie Noczynski.