Wer freut sich nicht schon zu Weihnachten auf seinen nächsten Sommerurlaub? Vor einem Jahr taten dies auch Gisela und Uwe Lutz aus Veckenstedt. Doch statt Palmen gab es im Sommer Pfeifen - nämlich jene der Orgel der St. Pauls-Kirche.

Veckenstedt l Der Sommer des Jahres 2011 war für Gisela und Uwe Lutz ein ganz besonderer. Sie waren weder in den Bergen wandern, noch an der See baden. Sie haben stattdessen eine Kirchenorgel restauriert. Zwar nicht allein, dafür aber mit viel Engagement und Zeitaufwand.

"Mein Urgroßvater war hier der erste Organist"

Uwe Lutz, Orgelbauhelfer

Familie Lutz ist seit vielen Generationen mit der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde des Ortes verbunden. "Mein Urgroßvater Christian Friedrich Ernst Lutz war im Jahre 1876 der erste Organist der im gleichen Jahr errichteten Orgel. Nach familiären Forschungen hat er das Instrument bis weit über seinen 80. Geburtstag hinaus gespielt. Selbst kurz vor seinem Tod durch einen Unfall, ließ er das Instrument noch erklingen", weiß Uwe Lutz.

Seine Familie sieht sich nicht nur der Tradition verpflichtet. Sie gehört auch zu den engagierten Christen der Gemeinde. Gisela Lutz war es, die vor einiger Zeit den Anstoß zur Orgelsanierung gab. "Es war zur Wiedereinweihung der Orgel der Wernigeröder Kreuzkirche. Da kam mir der Gedanke, dass unser Instrument in Veckenstedt auch dringend repariert und überholt werden müsste. So begann ich, mir Gedanken zu machen", erinnert sie sich.

Lange nachgedacht hat sie nicht, dafür um so zielstrebiger. Mit dem Orgelbauer Martin Lodahl wurden erste Verhandlungen aufgenommen. Der zeigte sich grundsätzlich bereit, doch er brauchte Hilfe und stellte die Gemeinde vor die Wahl. Entweder hätte er einen Gehilfen einstellen können, der zusätzlich Geld gekostet hätte, oder er bekommt Hilfe aus der Gemeinde. Und so erklärten sich Gisela und Uwe Lutz bereit, Hilfsorgelbauer zu werden. Die gelernte Zahntechnikerin und der Metallurgie-Ingenieur sattelten im beruflichen Ruhestand noch einmal um. Und das taten sie offenbar mit viel Talent, wie Orgelbauer Lodahl bei der kürzlichen Wiederinbetriebnahme des Instruments erklärte.

Das Ehepaar Lutz war hauptsächlich mit den Hilfsarbeiten beschäftigt. Wenn ihnen die Arbeit einmal zuviel wurde, sprangen andere Gemeindeglieder und freiwillige Helfer ein. Doch den Löwenanteil trug Familie Lutz. Tag für Tag war das Ehepaar nun in der Kirche tätig. Während der Arbeit hatte sich der Weg vom eigenen Haus bis zur Kirche schon so eingeprägt, dass er das Alltagsleben bestimmte. "Ich wollte einmal nach Wernigerode zum Einkaufen fahren. In Gedanken war ich dabei aber immer noch bei einem Problem mit der Orgel und ehe ich mich versah, stand ich mit dem Auto vor der Kirche", berichtet Gisela Lutz. Ihrem Mann erging es ähnlich. Auch er wollte mit dem Auto irgendwo hin fahren, stellte aber in der Garage fest, dass er statt des Autoschlüssels den Kirchenschlüssel gegriffen hatte.

"Über hundertjährige Kerzenstummel aus dem Müll geholt"

Gisela Lutz, Orgelbauhelferin

Aber es gab noch weitere kuriose Begebenheiten. Gisela Lutz: "Bei der Demontage der Orgelpfeifen wunderte ich mich über viele alte Kerzenreste. Ich betrachtete sie als Restmüll und warf sie in die Tonne. Ein paar Tage später fragte der Orgelbauer nach dem Verbleib der Kerzenstummel. Ich erklärte ihm, dass ich sie weggeworfen habe - und er lachte. Es waren jene Kerzenreste, die im Jahr 1876 beim Einbau der Pfeifen für ausreichend Licht gesorgt hatten, denn elektrisches Licht gab es ja damals noch nicht. Angesichts von so viel Geschichte habe ich die Stummel wieder aus dem Müll herausgesucht. So haben sie jetzt - fast 150 Jahre nach ihrem Einsatz - wieder einen würdigen Platz im Instrument gefunden.

Der Sommer wurde aber nicht nur für die Orgelsanierung genutzt. War Martin Lodahl nicht auf seine Helfer angewiesen, dann widmeten sich diese dem Umbau der Sakristei oder dem Renovieren des Kircheninnenraumes. Auch dabei wurde viel Eigenleistung investiert.

Und das Ehepaar Lutz tröstet eines: Während Freunde und Bekannte zumeist von einem total verregneten Sommer berichteten, haben die beiden noch viele Jahre etwas zu erzählen. Denn mit den Geschichten rund um die Veckenstedter Orgel "könnte man ein ganzes Buch füllen", berichten sie voller Stolz.

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