Für Niklas Otto ist das schönste Weihnachtsgeschenk schon eingetroffen. Er bekam eine Einladung zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten - und wollte sie vor Schreck gar nicht annehmen.

Wolmirstedt l Die Einladung ist förmlich und offiziell: "Zum traditionellen Neujahrsempfang lädt der Bundespräsident Christian Wulff neben Repräsentanten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens auch Bürgerinnen und Bürger ein, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht haben."

"Ich war erst einmal völlig geschockt", sagt Niklas Otto, "alleine wollte ich auf gar keinen Fall dort hin." Doch schnell haben sich die Wogen geglättet und der 16-Jährige sprudelt vor Vorfreude nur so über. Inzwischen ist er stolz, dass er nicht nur seine Schule, sondern auch das Bundesland am 12. Januar im Schloss Bellevue vertreten darf.

In der Tat, Niklas darf diese Einladung als Auszeichnung für sich selbst verstehen, aber ebenso für die Projektgruppe seiner Schule, die er repräsentiert. Sie heißt: "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". In Deutschland tragen inzwischen über tausend Schulen diesen Titel, vier davon wurden ausgewählt, durften jeweils einen Vertreter zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten entsenden. Vier von tausend. Welch eine Ehre für die Kurfürsten! "Ich habe Niklas Otto vorgeschlagen", begründet Lehrerin und Projektgruppenleiterin Andrea Schlaugat, "weil er von Anfang an sehr engagiert dabei ist." Er ist nicht der einzige. "Eddie Kuczyk und Erik Niemietz arbeiten ebenso", betont Niklas. Aber nur einer darf fahren.

Niklas Otto besucht die elfte Klasse des Gymnasiums, arbeitet seit der fünften Klasse in der Projektgruppe "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", ist einer der Gründungsmitglieder. Der Grundstein dieses Projekts, von Schülern in Ungarn gelegt, breitete sich über Europa aus

Um diesen Titel zu bekommen, müssen ein paar Vorraussetzungen erfüllt sein. Mindestens 70 Prozent aller Schüler, Lehrer und Mitarbeiter müssen dafür unterschreiben und ein Pate gefunden werden. War das für die Kurfürsten zunächst der SCM-Handballer Joél Abati, so hat diese Patenschaft inzwischen SCM-Teamkollege Fabian Van Olphen übernommen.

Die Projektgruppe um Andrea Schlaugat hatte die Hürden gemeistert, und eines Tages wurde das schwarz-weiße Schild über dem Eingang angebracht. Damit begann der Weg für die "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", der bis heute mit vielen Aktionen gepflastert ist.

Bei allen mischt Niklas Otto engagiert mit, organisiert, beteiligt sich zumeist musikalisch, ist aber auch an jedem Informations-oder Verkaufsstand zu finden. Mit großem Erfolg lief das Konzert "Benefiz für Hospiz" zugunsten des "Luisenhauses" der Pfeifferschen Stiftungen. Ebenso erfolgreich endete der Benefizlauf, an dem sich die allermeisten Schüler der Schule beteiligten und dessen Erlös Projekten der Arbeitsgruppe "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" zugute kam. Zwei Handballturniere und ein afrikanischer Abend stehen ebenso auf der Haben-Seite.

"Das intensivste Projekt war jedoch der jüdische Abend", erzählt Niklas. Unter dem Titel "Geschichte findet Stadt" erforschten Schüler die Geschichte des jüdischen Friedhofs, setzten ihm einen Gedenkstein, gaben der jüdischen Familie Herrmann in der Öffentlichkeit ein Gesicht, einer Wolmirstedter Familie, von der fast niemand die Nazizeit überlebt hatte.

Alle Projekte fanden viel Beachtung in der Öffentlichkeit. Während der Aktionen war Niklas einer von vielen Schülern, engagierte sich mitten in seinem Alltagsbereich. Die Einladung stellt ihn darum erst mal vor eine ganz andere Herausforderung. "Jetzt muss ich mir wohl erst einmal einen Anzug kaufen", überlegt er. Schließlich ist der Anlass einer der würdigsten, die man als Normalsterblicher erleben kann. "Wir Vier, die für dieses Projekt dort stehen, werden sogar persönlich betreut." Das beruhigt Niklas ungemein. Schon am 11. Januar dürfen sie anreisen, werden durch Bellevue geführt, über den Ablauf des Neujahrsempfangs informiert und übernachten im Vier-Sterne-Hotel.

Niklas\' Freude ist sogar noch ein bisschen gewachsen. "Inzwischen weiß ich, dass ich eine Begleitperson mitnehmen darf." Er hat sich für Projektgruppenleiterin Andrea Schlaugat entschieden. Sie darf beim gesamten Rahmenprogramm dabei sein, nur zum Empfang, da geht Niklas wirklich allein.