Die Heimatstube in Barleben hat ein neues Kinderzimmer bekommen. Und das Beste daran ist: Kinder, die die Heimatstube besuchen, dürfen dieses Kinderzimmer benutzen. Vorsichtig.

Barleben l Für hemmungslose Nostalgiker ist die Barleber Heimatstube ein Himmelreich. Das kleine Fachwerkhaus neben dem Rathaus beherbergt so viele Dinge aus dem Alltag vergangener Generationen, dass man gerne vergisst, dass dieses Leben oftmals körperlich mühsamer war, als unseres. So, wie die Heimatstube eingerichtet ist, wirkt sie durch und durch anheimelnd. Und jetzt ist zur Stube, Küche, Schlafstube und anderen Räumen auch noch ein Kinderzimmer dazu gekommen. Ein Puppenbettchen steht drin, ein Puppenwagen, eine große Puppenstube und der Mittelpunkt ist ein Hochbett. Das Holz ist blaugrau gestrichen, das Bettzeug mit rotkarierter Bettwäsche bezogen, rotkarierte Vorhänge schützen vor allzuviel Licht.

Alte Häuser sind Schatzgrube für die Heimatstube

"Das Bett haben wir aus der alten Apotheke geholt", erzählt Heike Hildebrandt. Die Vorsitzende des Heimatvereins streicht über das Holz, zuppelt liebevoll das dicke Federbett zurecht, und zieht dann doch die Puppe heraus, die im Bett das Kind mimen soll. Heike Hildebrandts achtjährige Enkelin Sara ist gerade auf Weihnachtsbesuch und ist mit Oma in die Heimatstube gekommen. Und als Sara die große Puppe sieht, lässt sie die kleinen Püppchen der Puppenstube stehen und nähert sich der großen Puppe mit der altmodischen Wellenfrisur. So richtig gefällt sie ihr nicht, also kehrt sie zur Puppenstube zurück und stellt die Möbel um.

"Bei uns dürfen Kinder alles anfassen und ausprobieren", sagt Heike Hildebrandt, "Natürlich achten wir darauf, dass sie vorsichtig sind, denn die kommenden Generationen wollen ja auch noch etwas davon haben."

Die Sache mit den kommenden Generationen ist überhaupt der Kernpunkt der Heimatstube. Obwohl viele Dinge "erst" aus der Nachkriegsgeneration stammen, erscheinen sie uns schon jetzt seltsam fremd und gar besonders wertvoll. So wie das Diadem und die Anstecknadel aus Silber. "Das trugen Paare früher zu ihrer Silbernen Hochzeit", erklärt Heike Hildebrandt ihrer Enkelin, "dann wurde es für die nächste Generation aufbewahrt." Sara findet, dass das Diadem ein bisschen pikt, wenn man es auf den Kopf setzt, huscht in die Küche und entdeckt einen alten Schnellkochtopf, Gelatine-Tüten und gusseiserne Backförmchen.

Die Dinge in der Heimatstube stammen aus Barleben, sind über die Jahre zusammengesammelt. "Wir nutzen jede Möglichkeit, unseren Fundus aufzufüllen", sagt Heike Hildebrandt, "zuletzt waren wir sehr froh, als wir in die alte Apotheke durften." Die Gemeinde hat das Haus, das einst dem Apotheker Dr. Hentrich gehörte, in diesem Jahr erworben und der Heimatverein durfte nach Utensilien für die Heimatstube suchen. "Wir haben neben dem Hochbett auch eine Babywiege und die Bettwäsche gefunden", sagt Heike Hildebrandt.

Die Wiege wird in diesen Tagen liebevoll aufgearbeitet

Eine Babywiege? "Die wird noch aufgearbeitet", sagt Heike Hildebrandt, "erst wenn die Babywiege fertig ist, weihen wir das Kinderzimmer offiziell ein." Annelie Frase hat das gute Stück unter ihre Fittiche genommen. "Die Babywiege ist wunderschön", schwärmt Annelie Frase, aber eher fließt die Elbe rückwärts, als dass sie verrät, wie die Wiege am Ende aussehen wird. Nur soviel: "Ich richte sie nicht allein her, sondern habe große Unterstützung von Heinz Heinze, einem Maler aus Magdeburg, der auch wunderbar schnitzen kann."

So ist das immer im Heimatverein, es wird viel selbst gemacht, in Heimarbeit und aus Spaß an der Freude. Annelie Frase näht außerdem Vorhänge, auch die karierten des Kinderzimmers sind unter ihrer Nadel entstanden. Selbst die Wände der Heimatstube gestalten die Mitglieder selbst. Wilfried Dugs hat sich mit den alten Techniken beschäftigt. "Das Holz in den Wänden arbeitet, da kann man nicht mit jeder Farbe draufgehen",weiß er. Also wird Schlämmkreide angemischt und das Muster anschließend mit einer Rolle draufgebracht. Für die Feinarbeiten, wie Linien, die sich über die gesamte Wand ziehen, führt Erich Wehner den Pinsel.

Heimatstube ist jeden Dienstag geöffnet

Die Heimatstube gibt es seit 1999, im Jahre 2003 wurde sie dem damals gerade gegründeten Heimatverein übergeben. Damit haben die 34 Mitglieder eine - wenn auch schöne - Verpflichtung übernommen. Es kostet Zeit, die Dinge zusammen zu tragen und zu pflegen. Der schönste Lohn ist ein reges Leben in dem alten Haus und damit die Besucher sich einen festen Zeitpunkt merken können, ist die Heimatstube auch regelmäßig geöffnet, und zwar jeden Dienstag zwischen 15 und 18 Uhr.

Und es ist längst nicht so, dass es nur um Kinderzimmer und Küche geht, sondern für Menschen mit schaurigen Ambitionen ist der Keller einen Besuch wert. Die kleine Sara jedenfalls bekam ganz große Augen, als sie um die Ecke eines Gewölbes guckt. "Da liegt ein Gerippe", rief sie. Das Gerippe liegt in einem Kasten mit gläsernem Deckel und ist ein Mensch, der in der Karolingerzeit lebte. "Wir arbeiten eng mit den Museen in Halle, Magdeburg und Wolmirstedt zusammen", sagt Heike Hildebrandt, "vieles von dem, was hier steht, sind Leihgaben." Scherben, Werkzeuge, aber auch echte Barleber Mammutknochen. Und das Beste ist, selbst die urzeitlichen Knochen kann man anfassen. Das Hochheben ist schon schwieriger, jedenfalls für Leute, die nicht regelmäßig mit Hanteln trainieren.

"Der Renner für Jungs ist eine Bohrmaschine, mit der per Muskelkraft Löcher in Steine gebohrt werden". Heike Hildebrandt zeigt, wie es geht und es quietscht fürchterlich. Sara jedenfalls ist froh, wieder oben in der Küche zu sein.

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