Viele ehemalige Francisceer kehrten vorgestern an ihre einstige Lernstätte zurück. Anlässlich der traditionellen Schulfesttage schwelgten die früheren Abitur-Jahrgänge in Erinnerungen und gingen im historischen Gemäuer auf Entdeckungsreise.

Zerbst l "Schön, dass wir uns sehen." Vielfach ist dieser Satz am Sonnabend im Francisceum zu vernehmen. Herzlich begrüßen sich ehemalige Mitschüler und geraten sofort in angeregtes Plaudern. Alljährlich zieht es zahlreiche Frauen und Männer zu den Schulfesttagen an den Ort zurück, an dem sie wie tausende Jugendliche zuvor, das Rüstzeug für ihr späteres Leben erhalten haben, wie es Schulleiter Hans-Henning Messer in seiner Rede während der Festveranstaltung formuliert.

Als "Stätte der Bildung, Erziehung und Begegnung" bezeichnet er das vor 210 Jahren durch Fürst Leopold III. Friedrich Franz neu begründete Gymnasium, dessen Wurzeln bis zur Reformation zurückreichen. Viele kluge Köpfe bekamen hier Grundlagenwissen vermittelt. Als ein Beispiel erinnert Messer an den Sinologen Professor Dr. Otto Franke (1863-1946), dessen fünfbändige "Geschichte des chinesischen Reiches" heute noch zu den Standardwerken gehört. 1882 legte Franke sein Abitur am herzoglichen Francisceum ab, das er als humanistisches Gymnasium alten Stils beschrieb. "Törichte Jugendstreiche" ließen ihn wiederholt im Karzer verweilen, sogar der Ausschluss von der Schule drohte ... Direktor war zu seiner Zeit Dr. Gottlieb Stier, ein respektierter Mann.

Inzwischen hätten sich die Bildungsanforderungen wie auch die Schülergenerationen verändert, blickt Messer auf die heutige Situation. Er spricht von Schlüsselqualifikationen und Methodenkompetenz, von selbständigem und fächerübergreifendem Lernen. Er erwähnt das Konzept der Ganztagsschule, das bereits in den Klassen 5 bis 7 umgesetzt wird.

Zugleich nutzt der Schulleiter die Gelegenheit, um den Wunsch nach einer dringend benötigten Turnhalle zu äußern. Entstehen soll sie auf dem Gelände der inzwischen abgerissenen einstigen Sekundarschule Nord am Wegeberg - wann genau der Bau dort Gestalt annimmt, ist noch offen. Fest steht derweil, dass am 13. Mai der Startschuss für den neuen, gläsernen Eingangsbereich am Francisceum fällt. So entwickelt sich der traditionsreiche Schulstandort stetig weiter.

Markante Eckpunkte der Geschichte greift die Führung auf, bei der Schüler in historische Rollen schlüpfen. Begeistert verfolgen die Teilnehmer die Monologe und szenischen Darstellungen, bei der sie ins frühere Franziskaner-Kloster abtauchen, einer Lehrerkonferenz bewohnen oder auch auf Ida Möhring treffen, dem ersten Mädchen am Francisceum.

Doch zurück zur Festveranstaltung, die gesanglich vom Kammerchor Zerbst und durch Kaja Papenroths Rezitation von Schillers Gedicht "Hoffnung" bereichert wird. Für den musikalischen Auftakt sorgen Ida Lindemann und Klara Marie Rohrer als Harfen-Duo, bevor Klara am Ende des gut 90-minütigen Programms noch als Solistin am Klavier beeindruckt.

Neben den Gedenken an die Verstorbenen darf die Ehrung der Frauen und Männer nicht fehlen, die vor 50 und 60 Jahren ihr Abi machten. Torsten Huß, Vorsitzender des Fördervereins des Francisceums, überreicht ihnen Anstecknadeln. Dann ergreift Dr. Kurt Erxleben stellvertretend für die Goldabiturienten das Wort. "Wir waren die Kriegsjahrgänge 44/45", schildert der gebürtige Güterglücker, was seine Generation geprägt hat.

Er erzählt von der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, dem "unfassbaren Ereignis" des Mauerbaus und der republikweiten Einführung der Jugendweihe zur Erziehung sozialistischer Persönlichkeiten. ",Weltall, Erde, Mensch\' hieß die neue Bibel." Zur Wende "war in unserem beruflichen Leben gerade Halbzeit." Mancher wurde plötzlich zum "Wirtschaftsüberflüssigen", mag er nicht von Arbeitslosen sprechen. Schmunzelnd geht Erxleben schließlich auf das Kfz-Kennzeichen "ABI" ein, das ihn stets an sein Abitur denken lässt.

   

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