Seit einem Jahr lebt der gebürtige Zerbster Steffen Schümann mit seiner Familie in Afrika – in Botswana. Während seine Frau Martina Luis für das Programm weltwärts des Deutschen Entwicklungsdienstes vor Ort tätig ist, ist Steffen Schümann zu Hause für Tochter Frida da, engagiert sich in einer Kinder-HIV-Klinik und betreut Seniorexperten.

Zerbst. Wenn Steffen Schümann über Botswana spricht, über die Menschen dort, das Leben in diesem afrikanischen Land, hat er stets ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Zumal seine gesunde Gesichtsfarbe in dieser Jahreszeit verrät – der Mann hat noch vor wenigen Tagen Sonne satt gesehen.

"Wir haben versucht Setswana zu lernen, aber es ist nicht so einfach."

So entspannt und relaxt wie die Einheimischen sind, so entspannt spricht Schümann während eines Heimatbesuches über sein Leben in Botswana – mit seiner Frau Martina und Tochter Frida. Seit rund einem Jahr ist das Trio auf dem afrikanischen Kontinent zu Hause. "Meine Frau ist in der Entwicklungshilfe tätig und ich bin im Moment Hausmann und habe kleinere Projekte am Laufen", erzählt der 33-jährige Zerbster, der nach dem Abitur in Zerbst und einer Lehre in Coswig gen Westen zog.

Als er 2003 seine heutige Frau in Bonn wiedertrifft, stellen sich ungeahnt die Weichen für Botswana. Während Martina Politik studiert, absolviert Steffen Schümann eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann in einem internationalen Unternehmen. Reisen nach Spanien, Portugal und Russland gehören dazu.

2007 erblickt Töchterchen Frida das Licht der Welt. Während Steffen Schümann die Elternzeit wahrnimmt und halbtags arbeiten geht, findet seine Frau Anstellung beim Deutschen Entwicklungsdienst – genauer gesagt in dem Programm weltwärts. Die Organisation, die jungen Deutschen die Möglichkeit gibt, für ein Jahr als freiwillige Helfer die Entwicklungshilfe in vielen Ländern der Welt zu unterstützen und dort an einem interkulturellen Austausch teilzunehmen, bot Martina Luis an, für zwei Jahre in Botswana tätig zu sein – den Freiwilligen vor Ort zu helfen, Unterkünfte bei Gastfamilien zu besorgen. Sie ist dazu Ansprechpartnerin bei Fragen, Sorgen und Problemen.

"Also sind wir nach Botswana gezogen", fasst Steffen Schümann kurz und bündig zusammen und lehnt sich gemütlich in seinem Sessel zurück. Da die wirtschaftliche Situation in seinem Unternehmen ohnehin damals schwierig war, fiel der Schritt zu kündigen nicht schwer. Und so begann im November 2009 das Abenteuer. "Aber wenn ich zurückdenke, gab es nie einen Punkt, den wir benennen könnten, dass wir dann und dann richtig angekommen sind", sagt Schümann.

Das Einleben war ein stetiger Prozess – mit dem einen oder anderen Zweifel, ob die Ausreise nach Botswana die richtige Entscheidung war. Doch mittlerweile hat sich die Familie einen größeren Bekanntenkreis aufgebaut. Ein finnisches und kanadisches Ehepaar zählen dort zu den engeren Freunden. Und in der Nachbarschaft geht es ebenso international weiter. Inklusive vieler Spielkameraden für die dreijährige Frida, die dort unten zweisprachig aufwächst. "Zuhause sprechen wir Deutsch, im Kindergarten wird Englisch gesprochen", erklärt Schümann. Mit Englisch käme man ohnehin weit in Botswana. "Es ist nicht notwendig, Setswana zu erlernen. Aber wir haben es versucht, es ist nicht so einfach." Doch auch wenn die Sprache kompliziert scheint, die Einwohner sind es nicht.

"Die Menschen dort unten sind sehr entspannt und wenig aggressiv."

"Die Menschen dort unten sind sehr entspannt und es gibt auch keine Spannungen zwischen Schwarz und Weiß", berichtet er. Botswana war nie eine Kolonie – vielleicht ist das ein Grund. Und: Dem Land geht es wirtschaftlich vergleichsweise gut. "Dreiviertel des Geldes, das dort im Umlauf ist, stammt aus den Diamantenminen", erzählt Schümann. Etwa 50 Prozent der Arbeitnehmer seien Staatsbedienstete. "Dadurch sind die Leute sehr gelassen, wenig aggressiv, aber haben auch eine gewisse Nehmermentalität an sich", ist seine Beobachtung.

Allerdings sind nicht nur die Menschen beeindruckend, auch der Kontrast zwischen unberührter Natur und moderner Metropole. "In der Hauptstadt Gaborone gibt es alles – vom Fußballstadion über Golfplätze, Kinos, Internet." Also fast wie zu Hause, aber eben doch ganz anders. Das Grundstück der Familie ist von einer hohen Mauer umrahmt. "Das sind Vorgaben vom Deutschen Entwicklungsdienst. Wir haben auch einen elektrischen Zaun auf der Mauer und das Straßentor muss automatisch zu öffnen sein." Auch wenn die Situa-tion in Botswana mit der in Südafrika beispielsweise nicht vergleichbar sei, steht die Sicherheit der DED-Mitarbeiter trotz allem an erster Stelle. "Deshalb auch die Alarmanlage."

Natur pur verspricht da- gegen das Umland. Die Kalahari-Wüste hat die Familie bereits besucht und ist 700 Kilometer zu einem besonderen Kuru San Dance-Festival von Buschmännern gereist. "Als sie im Staub tanzten, bei Sonnenuntergang und das Lagerfeuer … Wunderschön." Genauso beeindruckend präsentiert sich die Tierwelt. "Da laufen Elefanten einfach lang, Giraffen, Impalas und Paviane. Nashörner sind nur in wenigen Reservaten zu sehen. Leoparden haben wir auch schon gesehen. Und vor allem die Geschichten von unfreiwilli-gen Treffen mit Löwen haben bei Schümann Eindruck hinterlassen. "Ich habe leider erst einen gesehen. Die sind riesig, aber wunderschön." Doch vielmehr noch beeindruckt Schümann die Vogelwelt. Schließlich ist er nicht nur Chormitglied, sondern auch Mitglied bei Birdlife Botswana. "Im südlichen Afrika gibt es knapp 1000 Vogelarten, die mich eigentlich noch mehr interessieren als Elefanten und Giraffen."

Doch in erster Linie ist sein Leben in Afrika vom Alltag geprägt. Wenn Steffen Schümann morgens seine Tochter in den Kindergarten bringt, führt ihn sein Weg danach einmal in der Woche in ein Kinder-HIV-Hospital. In der sogenannten morning play group (morgendliche Spielgruppe) lenkt er die kleinen Patienten mit Spielen vom Behandlungsalltag ab oder gibt ihnen mit einigen Übungen Selbstvertrauen. "Wir fordern sie manchmal auf, einfach ihren Namen laut zu sagen. Das ist in Botswana eher unüblich, da dort die Alten das Wort und die Jungen eher weniger zu sagen haben."

"Wir wollen definitiv wieder zurück nach Deutschland."

Nicht mit Kindern, sondern mit pensionierten Senioren arbeitet er in seinem zweiten Projekt zusammen. Er knüpft Kontakte und betreut sogenannte Seniorexperten, die von einem gleichnamigen Service nach Botswana vermittelt werden, um ihr Know-how dort unten in der Entwicklungshilfe in kleinen und mittelständischen Unternehmen einzusetzen.

Doch so sehr sie das Leben in Afrika genießen, steht für die Familie fest, dass sie nach den zwei Jahren wieder nach Deutschland zurückkehrt. "Aber Gedanken, wo und wie es hier dann weitergeht, machen wir uns nicht", erzählt Schümann. Vielmehr sei die Frage, wie lange sie sich Zeit nehmen wollen, danach noch durch Afrika zu reisen und wohin. "Wir wollen aber definitiv wieder zurück. Die Freunde sind doch hier", sagt Steffen Schümann und atmet tief die frische Herbstluft ein. "Das war so toll, als wir aus dem Flieger gestiegen sind. Diese frische, klare, kühle Luft." In Botswana gibt es keine kalte Jahreszeit. Es ist warm – immer.

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