Die Ausstellung "Justiz im Nationalsozialismus. Über Verbrechen im Namen des Deutschen Volkes" macht am Amtsgericht Zerbst Station. Recherchierte Schicksale und aufgearbeitete Ereignisse schaffen einen direkten Bezug zur Region.

Zerbst l "Die frühen Schutzhaftlager können wir in Anhalt gut nachvollziehen", sagt Michael Viebig. In der einstigen Zerbster Schlosswache beispielsweise befand sich zumindest von Juli bis Dezember 1933 die so genannte "Zeize". Gleich mehrere Häftlinge sind dort zusammengeschlagen worden. Auch das Beispiel für einen der damaligen Massenprozesse findet sich in der Rolandstadt. 1934 erhielten 37 Mitglieder der hier agierenden kommunistischen Widerstandsgruppe - darunter Otto Braunsdorf und Richard Bläß - wegen Vorbereitung zum Hochverrat Gefängnisstrafen bis zu zweieinhalb Jahren. Unterdessen richtete die Regierung Anhalts in Roßlau ein staatliches Konzentrationslager hauptsächlich für politische Gegner ein, die Aufsicht hatte ein Jurist, Oberstaatsanwalt Erich Lämmler, der - wie sich später herausstellte - eine Großmutter hatte, die "Volljüdin" war.

Diese wenig bekannten Fakten stehen im Mittelpunkt der Ausstellung "Justiz im Nationalsozialismus. Verbrechen im Namen des Deutschen Volkes", die am Montag im Amtsgericht Zerbst, 11 Uhr, im Beisein von Justizministerin Prof. Angela Kolb eröffnet wird. "Das ist jetzt der 16. Standort", weiß Michael Viebig von der Gedenkstätte "Roter Ochse" in Halle. Gemeinsam mit Daniel Bohse (Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg) obliegt ihm die wissenschaftliche Leitung des Projektes, das stetig weiter läuft. Denn für jeden Standort werden basierend auf gemeinsamen Forschungen von Juristen, Historikern sowie Vertretern von Vereinen und Verbänden neue, spezielle Schautafeln erarbeitet. Vier sind es für Zerbst, welche die über 40 thematischen und biographischen Tafeln ergänzen. Neben der Struktur der Nazi-Justiz und der Zuständigkeit der Gerichte verdeutlichen viele Täter- und Opferschicksale die Willkür und Unmenschlichkeit des Hitler-Regimes. Eindrucksvoll wird dargestellt, zu welchen Exzessen die Justiz in einem totalitären Regime fähig ist.

Als erste tauchten gestern 16 Neunt- und Zehntklässler des Gymnasiusm Francisceums und der Ganztagsschule Ciervisti in jene dunkle Epoche deutscher Justizgeschichte ein. Die Schüler ließen sich zu "Guides" ausbilden, um dann Gleichaltrige in Zweierteams durch die Ausstellung zu führen. Diese wird bis zum 10. Juli zu den Öffnungszeiten des Amtsgerichtes zu sehen sein. Darüber hinaus können telefonisch unter (03923) 742 21 58 Führungen vereinbart werden. Ein Begleitprogramm mit Film- und Vortragsveranstaltungen rundet das Ausstellungs- und Bildungsprojekt ab, das vom Ministerium für Justiz und Gleichstellung, der Stiftung Gedenkstätten sowie der Landeszentrale für politische Bildung und der Heinrich-Böll-Stiftung getragen wird.