Auf der ehemaligen Deponiefläche in der Dobritzer Straße soll ein Solarpark entstehen. Bis zu acht Megawatt Strom sollen hier einmal erzeugt werden können. Das vorhandene überregionale Netz jedoch könnte diesen Strom gar nicht mehr aufnehmen.

Zerbst l Vielleicht im Frühjahr wird die "China Solar GmbH" Baurecht für den Solarpark auf dem früheren Deponiegelände bekommen. Solarpaneele mit einer Gesamtleistung von acht Megawatt sollen installiert werden. Nach dem massiv erfolgten Ausbau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen im Bereich Zerbst vor allem im vorigen Jahr läuft die Investition auf der Deponie möglicherweise jedoch zumindest zum beginn ins Leere: Der Strom kann gar nicht abgenommen werden.

Jedenfalls keine acht Megawatt. "Unser Netz wie auch das der eon.avacon als überregionaler Versorger sind grenzwertig ausgelastet", erklärte Jürgen Konratt. Der Geschäftsführer der Zerbster Stadtwerke sieht "dringenden Handlungsbedarf beim Netzausbau. In Zerbst sind größere Projekte schon deshalb nicht umsetzbar, weil die 110-kV-Leitung als nächsthöhere Netzebene dafür nicht mehr ausreicht. Die große umfassende Diskussion um Energiewende und erneuerbare Energien und Standorte läuft momentan ins Leere, denn der Strom kann nirgendwohin eingespeist werden." Wie einem Volksstimme- Bericht in der gestrigen Ausgabe zu entnehmen ist, wird längst sogar bundesweit in Deutschland erzeugter Strom in das europäische Verbundnetz weitergeleitet, weil ein leistungsfähigeres Höchstspannungsnetz in Nord-Süd-Richtung fehlt. Stattdessen findet der Strom über das Ausland zurück nach Deutschland (aus dem Nordosten Deutschlands über Polen, Slowakei, Tschechien nach Bayern), oder er reduziert die Stromproduktion des Auslands. Und wäre zugleich in Deutschland subventioniert worden. Konratt: "Netzausbau, selbst wenn er nur regional vorgenommen wird, braucht Planungszeiträume von acht bis zehn Jahren. Nun hat die große Politik die Energiewende beschlossen. Dem steht die regionale Politik bisweilen mit ihren konkreten Vorstellungen zu Trassen, zu Schutzgütern, zu Standorten entgegen. So kann das in der eigentlich knappen Zeit nichts werden", meint der Praktiker.

Tatsächlich hat Deutschland ein gewaltiges Infrastruktur-Problem. Die auf zentrale, große Kraftwerke ausgerichtete Netzstruktur passt nur ganz selten optimal zu den entstehenden dezentralen "ökologischen Kraftwerken". Die Energiewende könnte zügig nur dann funktionieren, wenn die Windräder und Solarparks in unmittelbarer Nähe abgeschalteter Kernkraftwerke errichtet würden. Dies jedoch widerspricht dem Prinzip der dezentralen Anordnung solcher Anlagen.

Zurück auf die Deponiefläche in der Dobritzer Straße und zu dem Projekt, dort ein Solarfeld zu errichten. Das Vorhaben war von Dessauer Architekten entwickelt und im vorigen Jahr an die deutsche Dependance des chinesischen Unternehmens verkauft worden. 2010 wurde bei der Stadtverwaltung ein vorhabenbezogener Bebauungsplan eingereicht. Aktuell hat der Plan Erörterung, öffentliche Auslegung und Stellungnahmen-Abwägung hinter sich. Es fehlt der Durchführungsvertrag, als letztes schließlich der Satzungsbeschluss. Dann könnte der Investor bauen. "Wir werden damit beginnen, sobald die Genehmigung vorliegt", versicherte Projektkoordinator Li Wang von der China Solar GmbH in Eschborn bei Frankfurt/Main.

Das Unternehmen hat Anspruch auf Einspeisung. Erfüllen müssen diesen Anspruch die Netzbetreiber. Die Stadtwerke als unterste Ebene müssten den Einspeisepunkt in das eigene Mittelspannungsnetz festlegen. Sollte der Strom im Zerbster Netz nicht verbraucht werden, muss er ins Hochspannungsnetz des überörtlichen Versorgers gelangen können. Dies wäre hier e.on avacon. Wang hat mit beiden Unternehmen engen Kontakt, rechnet in der kommenden Woche mit Klarheit. Und wenn das Netz seinen Strom nicht mehr aufnehmen kann? "Wenn es mit dem Netzausbau dauert, dann werden wir dennoch die Anlagen errichten. Es wird dann einen nach dem Erneuerbare Energien-Gesetz vorgegebenen Test geben, so dass die Anlage als errichtet gilt." Mit diesem Schritt sind dann auch erste Vergütungen gesichert.

Abschaltungen

Was geschieht eigentlich, wenn zuviel Strom in das Netz drängt? "Das wird durch automatische Abschalt-Regularien unterbunden", erklärt Konratt. Schalt-elemente schützen die höhere Netzebene vor Einspeisungen. In die unteren Ebenen hinein wird abgeschaltet. Dies geschieht nach ausgeklügelten Verfahren. Wird etwa auch das Zerbster Blockheizkraftwerk abgeschaltet, falls die Solarfelder und Windräder, die hier einspeisen, volle Leistung bringen? "Da gibt es Rangfolgen. Das BHKW steht darin ziemlich weit hinten." Immerhin wird hier neben Strom auch Wärme produziert. "Sollen die Leute etwa frieren? Das wird nicht geschehen." Eher stehen Windräder trotz Wind still. Auch Biogasraffinerien könne man nicht so einfach abschalten. Und falls doch? "Da müssten beispielsweise Vorkehrungen zum Verbleib des Gases getroffen werden. Das wäre dann vielleicht vor Ort einfach nur abzufackeln."

Aktuell werden rund 25 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien bereitgestellt. "Das politische Ziel ist, 80 Prozent des Stromes aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Hier bei uns belasten die aktuell gerade einmal 25 Prozent die Netze bereits grenzwertig. Der Netzausbau ist also dringend nötig. Zugleich gibt es aber auch hohe Unwägbarkeiten hinsichtlich der Strompreisentwicklung." Jüngstes Beispiel: Stromverbrauchsintensive Unternehmen können von der Zahlung von Netznutzungsentgelten befreit werden. Bereits jetzt liegt auf jeder Kilowattstunde Strom ein EEG-Zuschlag von 3,62 Cent. Die den großen Stromkunden künftig ersparten Netznutzungskosten würden sich bei allen anderen Endabnehmern wiederfinden. Aktuell wird mit 0,151 Cent pro Kilowattstunde gerechnet. Diese Kosten werden wahrscheinlich 2013 auf der Jahresrechnung 2012 sichtbar, so Konratt.