Magdeburgs derzeit größte freie Kunstschau belebt seit Freitag einen totgeglaubten Raum. Im ehemaligen Krankenhaus Altstadt zeigen 200 Künstler Kreatives in eigenwilliger Umgebung. Die Volksstimme mischte sich unter die ersten Besucher.

Altstadt l "Ich lag mal selber hier auf der C1." Joachim Gast schlendert durch den Flur des ehemaligen Krankenhauses an der Erzbergerstraße und ist mit diesen Gedanken nicht allein. Wo derzeit Fotos hängen, Videoinstallationen laufen und knallbunte Bilder den Besucher förmlich anspringen, wurden noch vor fünf Jahren Kanülen gelegt, Verbände gewechselt - und, ja auch, mancher mit den Füßen zuerst wieder aus dem Zimmer geschoben.

Es ist diese seltsame Mischung aus unguter Erinnerung und unbändiger Neugier, die plötzlich auf eine schrill-bunte Welt prallt. Ausstellungsmacher Dr. Karsten Steinmetz weiß, "dass nicht jeder mit diesem (Kranken)Haus gute Erinnerungen verbindet." Steinmetz hat in aufwendiger Kleinarbeit und mit vielen Mitstreitern des Vereins Kulturanker "Romantik 2.0" installiert - und es ist ihm wahrlich Großes geglückt. Es ist eben auch die Aufgabe der Kunst, sich mit Erinnerungen auseinanderzusetzen. "Romantik 2.0" gelingt das - wenngleich jeder der 200 Räume für sich eine Kunstausstellung wert wäre - die Fülle ist vielleicht das einzige Manko, kaum in einem Rundgang zu bewältigen. Tür an Tür reiht sich Expressives, Kreatives, Depressives, auch manch Unverständliches, aber immer ein Stück Ausdruckskultur vornehmlich junger Leute.

So fällt dann auch das Fazit vieler Besucher aus, die die Volksstimme am ersten offiziellen Tag der Ausstellung trifft. "Viele sagen, die jungen Leute sitzen nur noch hinter dem Computer. Hier wird der Gegenbeweis angetreten. Eine ganz tolle, eindrucksvolle Ausstellung", sind sich beispielsweise Constanza und Michael Heinke aus Magdeburg sofort einig, obwohl sie zum Zeitpunkt des Interviews noch längst nicht alle Räume gesehen haben.

Und noch eine Erkenntnis stellt sich beim Besucher ein. Magdeburg und freie Kultur - ein Widerspruch? Mitnichten. Das stimmt schon seit Jahren nicht mehr - zumindest für den aufmerksamen Beobachter. Allen anderen wird mit dieser Schau gezeigt, dass Magdeburg und (freie) Kultur weitaus enger verbunden sind, als es so manchem Magdeburger präsent ist.

Nirgends vorher - und vermutlich auch so schnell nicht wieder - bietet sich eine derartige Chance, einheimische Kunst konzentriert und differenziert anzunehmen, gemischt aus lokalem und globalem Kunstflair. "Romantik 2.0" ist - für den Magdeburger ein Pflichttermin - auch und gerade für den, der einfach nur mal das alte Krankenhaus von innen wiedersehen will. Er wird das Haus anschließend verlassen und zu seinen alten neue Erinnerungen mitnehmen - an ein Kunstprojekt, das es so in der Stadt noch nicht gegeben hat. 20 Tage läuft es noch, die Zeit sollte genutzt werden.

Öffnungszeiten bis 24. Juni: montags bis freitags: 15 bis 22 Uhr, sonnabends/sonntags: 11 bis 22 Uhr, Eintritt 5 Euro/Studenten 4 Euro. Details unter www.kulturanker.de