Für den Großeinsatz bei einer Facebook-Party im Oktober hat der 20-jährige Lehrling Thomas Lieder eine Rechnung der Polizei über 215.503,30 Euro erhalten. Das Magdeburger Ordnungsamt bittet mit einen Kostenbescheid in Höhe von 2500 Euro zur Kasse. Lesen Sie hier die ganze Geschichte einer außer Kontrolle geratenen Verabredung.

Magdeburg l Thomas Lieder wohnt in einem 500-Seelen-Ort irgendwo zwischen Elbdamm und Wald im nördlichen Landkreis Börde. Dort gibt es vor allem eines nicht: gleichaltrige Freunde. Zumindest keine realen. Virtuell schon. Bei Facebook.

Und so sitzt der 20-Jährige, wie so oft, auch Ende September vor seinem Rechner und verfolgt interessiert eine Einladung zur "Facebook-Party" in Magdeburg. "Ich erinnerte mich dabei gleich an die tolle große Feier im Sommer im Magdeburger Stadtpark mit über 1000 Leuten und dachte, wie geil wäre das denn, wenn es so was wieder geben könnte", erinnert er sich.

Weniger begeistert zeigt sich zu diesem Zeitpunkt bereits die Magdeburger Ordnungsmacht. Sie hatte zuvor die aufbauende Mausklick-Welle verfolgt und die eigentliche Einladende jener "Facebook-Hausparty XD", eine "Sandra Salamandra", ausfindig gemacht. Das war am 26. September 2012.

Noch einen Tag davor hatten sich laut Ermittlungsprotokoll bis 0.26 Uhr 600 Gäste angemeldet. Am nächsten Morgen waren bereits 25000 eingeladen. 2200 "Zusagen" lagen vor.

Der städtische Ordnungsbeigeordnete Holger Platz schrieb später in seinem Kostenbescheid an Thomas Lieder: "In den Beiträgen auf der Pinnwand war eindeutig Gewaltpotenzial zu erkennen." Die Polizei rüstete sich deshalb entsprechend auf und die Stadt verhängte eine "Verbotsverfügung".

Die Einladende, "Sandra Salamandra", distanzierte sich am 26. September 2012 von der Einladung und löschte den Eintrag von der Plattform. Dennoch liefen die Einladungen weiter. Wie die Ermittlungen ergaben, soll dann eine junge Frau alias "anna sophie" die Rolle der Einladenden übernommen haben. Angeblich, so sagte sie später den Behörden, habe sie auf ihrem "Smartphone" nur auf "akzeptieren" gedrückt. Auch sie löschte später den Eintrag. Seit dem 26. September gegen 20 Uhr soll dann zunächst kein "Einladender" mehr sichtbar gewesen sein.

Allerdings haben die Facebook­-Nutzer keine Ruhe gegeben und immer wieder versuchten, über Beiträge die Party doch noch irgendwie zu organisieren.

In dieser Situation kam Thomas Lieder ins Spiel. Er verwendete dabei seinen Klarnamen. "Dass es zu dem Zeitpunkt schon Ärger gab, hab ich gar nicht mitbekommen. Ich klickte einfach nur ,akzeptiert\' und schrieb ,Klasse Party". Anschließend habe er seinen Freunden vorgeschlagen, dass sie sich am Bahnhof treffen könnten, sagt er. Daraufhin lud er über "You Tube" noch einen Hip-Hop-Musiktitel hoch. Dass der Inhalt "Jetzt sind wir da, schlagen ein wie eine Bombe ..." als durchaus gewaltbereit angesehen werden könnte, habe er damals nicht bedacht. "Ich könnte dafür noch immer in die Tischkante beißen", sagt er. Einmal von den "1500 Bullen, die angekündigt sind ..." und dass der Abend "wirklich ein Knaller wird ...." abgesehen.

Zumindest mehreren Gästen "gefällt das" und sie posten ihren eigenen Unsinn dazu. Sie hoffen "dass jetzt nicht alle den Schwanz einknicken, nur wegen ein paar Bullen\'".

Der Facebook-Nutzer "Gehacktes Fabrikant" teilte unter anderem mit, er werde sich selbstverständlich "von seiner besoffenen Seite zeigen".

Die Sache geriet immer mehr außer Kontrolle. Auf der Plattform wurde erst mit einem Bild mit brennenden Müllcontainern und dann mit Autos, die in Flammen stehen, geworben. Thomas Lieder: "Mir ist es dann zu viel geworden. Ich habe mehrmals gepostet, dass die anderen die Sprüche lassen sollen", sagt er mit rotem Kopf. Seine damalige Naivität scheint ihm irgendwie noch immer peinlich zu sein.

Zum Schluss waren über 40000 Facebook-Nutzer eingeladen, 5540 sagten zu. Die Polizei setzte am 5. Oktober deshalb ein Großaufgebot ein und sperrte ein ganzes Viertel ab. Es blieb aber weitgehend friedlich. Am Ende standen die Beamten nur einigen hundert Schaulustigen gegenüber.

Die "Abrechnung" trifft den Lehrling hart. "Das kann ich in meinem Leben niemals abzahlen", sagt der 20-Jährige. Und auch seine Mutter zeigt sich erschüttert. "Ich habe mich zum Anfang gar nicht getraut die Rechnungen meinem Sohn zu zeigen", meint Mutter Ina Lieder. Sie befürchtete, dass er sich etwas antun könnte. Inzwischen hat sich die Familie aber einen Anwalt genommen.

Nach Angaben des Magdeburger Ordnungsamtes sollen sich die Kosten der Stadtordner sowie der "Allgemeinverfügung zu Verbot" über insgesamt 5000 Euro die beiden Facebook-Nutzer "Sandra Salamandra" und Thomas Lieder teilen. Beide haben am 12. Januar bzw. 14. Januar einen Kostenbescheid erhalten.

Stadtordnungsdienstchef Gerd vom Baur gibt aber zu: "Für uns ist das auch Neuland und eine Frage, wie wir künftig damit umgehen."

Wer öffentlich einlade, habe keinen Einfluss darauf, wer und wie viele Teilnehmer tatsächlich kommen. Solche Großveranstaltungen, ohne jegliches Sicherheits- und Verkehrskonzept bzw. Erlaubnis, seien auch unter normalen Umständen nicht zulässig.

Zwar war Thomas Lieder nicht der Anmelder, er habe mit seinem Posten im Netz ergänzend zu einem Treff am Hauptbahnhof aufgerufen und sei damit Mitveranstalter.

Die Behörden sprechen von einem "Zweckverursacher". Dieser ist, ähnlich wie ein Veranstalter, für seine Einladung und alles was dabei passiert, verantwortlich. Gerd vom Baur: "Es spielt auch keine Rolle, ob der Einladende am Ende dabei ist oder nicht." Thomas Lieder hatte nämlich zu seiner Verteidigung angegeben, dass er am 5. Oktober gar nicht mehr nach Magdeburg gefahren war. Doch das Ordnungsamt bleibt eisern. Gerd vom Baur: "Allein in Magdeburg war dies schon der zweite Facebook-Vorfall. Beim ersten Mal haben wir noch ein Auge zugedrückt, obwohl auch schon die Kreide-Aktion auf dem Hasselbachplatz grenzwertig war. Als dann noch die schweren Ausschreitungen in Holland dazu kamen, mussten wir handeln."

Ähnlich sieht es auch die Polizei in ihrer "Anhörung" zur Kostenaufstellung. In dem Schreiben kündigt die Behörde an: "Nach derzeitigem Sachstand werde ich Ihnen Kosten in Höhe der Gesamtkosten der Polizei von 215503,30 Euro sowie eventuell noch weitere dem Einsatz zurechenbare Folgekosten in Rechnung stellen."

Polizeisprecherin Beatrix Mertens relativiert aber auf Nachfrage: "Wir haben insgesamt drei Anhörungsbögen herausgeschickt. Danach wird erst weiter entschieden." Neben Thomas Lieder sollen somit auch "Sandra Salamandra" und "anna sophie" an der Kostenrechnung beteiligt werden.

Ob es am Ende wirklich dazu kommt, bleibt fraglich: Denn unter den zahlreichen Facebook-Partys der vergangenen zwei Jahre ist es schwer, auch nur eine zu finden, bei der die Verursacher tatsächlich belangt wurden. So hat ein Gericht in Saarbrücken mehrere Jugendliche nach einer Facebook-Party freigesprochen, zu der rund 2000 junge Menschen und 160 Polizisten anreisten. Die Angeklagten sollten für Schäden aufkommen. Das Urteil: Die Teilnahme an einer Facebook-Party allein ist nicht strafbar.

Auch die 16-jährige Thessa aus der Nähe Hamburgs zu deren Geburtstagsparty 1600 Gäste im Jahr 2011 kamen, wurde letztendlich nicht zur Kostenerstattung verdonnert.

Wie in Magdeburg will auch die Polizei in Konstanz seit August 2012 rund 227052 Euro von einem 20-jährigen Lehrling einklagen, weil er eine Facebook-Party in einem Schwimmbad organisierte. 12000 Menschen waren eingeladen. 150 kamen trotz eines Verbotes. Fritz Bezikofer, Sprecher der Polizeidirektion Konstanz (Baden-Württemberg): "Da das für uns Neuland ist, haben wir noch keinen konkreten Kostenbescheid verschickt. Da kümmern sich noch die Juristen darum."

   

Bilder

 

Polizei stoppt Magdeburger Facebook-Party-...

Erleichterung bei den Ordnungshütern: Die von manchen befürchtete große Sause in der Großen Diesdorfer Straße 111 ist am Freitag ausgeblieben.

  • Die Polizei darf ohnehin nicht mitfeiern - aber der Andrang für eine verbotene Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg hält sich bislang in Grenzen. Foto: Eroll Popova

    Die Polizei darf ohnehin nicht mitfeiern - aber der Andrang für eine verbotene Facebook-Party ...

  • Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg - der Andrang hielt sich in Grenzen. Foto: Eroll Popova

    Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg - der Andrang hielt sich in Grenze...

  • Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg - der Andrang hielt sich in Grenzen. Foto: Eroll Popova

    Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg - der Andrang hielt sich in Grenze...

  • Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg – der Andrang hielt sich in Grenzen, Stadt und Polizei wollen jetzt zur Kasse bitten. Foto: Eroll Popova

    Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg – der Andrang hielt sich in ...

  • Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg - der Andrang hielt sich in Grenzen. Foto: Eroll Popova

    Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg - der Andrang hielt sich in Grenze...

  • Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg - der Andrang hielt sich in Grenzen. Foto: Eroll Popova

    Facebook-Party in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg - der Andrang hielt sich in Grenze...

Randale nach Aufrufen zu Facebook-Partys

Magdeburg/Schriesheim - Nach Aufrufen zu Facebook-Partys haben in zwei deutschen Städten Hunderte Jugendliche randaliert. In Magdeburg zogen am Freitagabend rund 500 verhinderte Partygäste in die Innenstadt und warfen Steine und Flaschen auf Polizisten und Streifenwagen.

  • Ein Aufkleber an einer beschädigten Fensterscheibe in Schriesheim (Rhein-Neckar-Kreis). Nach dem Aufruf zu einer Facebook-Party hatten rund 250 angetrunkene Jugendliche randaliert.

    Ein Aufkleber an einer beschädigten Fensterscheibe in Schriesheim (Rhein-Neckar-Kreis). Nach d...
    Quelle: Volker Priebe

  • Einsatzkräfte der Polizei vor einer Bannmeile in Magdeburg. Grund ist eine verbotene Facebook-Party in der ostdeutschen Landeshauptstadt.

    Einsatzkräfte der Polizei vor einer Bannmeile in Magdeburg. Grund ist eine verbotene Facebook-...
    Quelle: Jens Wolf

Randalierer von Facebook-Party melden sich...

Amsterdam/Haren - Mehrere Randalierer haben sich nach den Krawallen bei einer Facebook-Party im niederländischen Haren freiwillig bei der Polizei gemeldet. Die genaue Zahl konnte die Polizei am Sonntag noch nicht nennen.

  • Nicht zimperlich: Die niederländische Polizei geht in Haren gegen einen jugendlichen Krawallmacher vor.

    Nicht zimperlich: Die niederländische Polizei geht in Haren gegen einen jugendlichen Krawallma...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Ausschreitungen nach Facebook-Party: In der niederländischen Kleinstadt Haren stehen sich Polizei und randalierende Jugendliche gegenüber.

    Ausschreitungen nach Facebook-Party: In der niederländischen Kleinstadt Haren stehen sich Poli...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Brennende Barrikaden: Eine Facebook-Party im niederländischen Haren ist in der Nacht zum Samstag in Krawalle und Chaos ausgeartet.

    Brennende Barrikaden: Eine Facebook-Party im niederländischen Haren ist in der Nacht zum Samst...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Die niederländische Polizei verhaftet in Haren einen jugendlichen Krawallmacher. Insgesamt nahm sie etwa 20 junge Leute in Gewahrsam.

    Die niederländische Polizei verhaftet in Haren einen jugendlichen Krawallmacher. Insgesamt nah...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Bei Ausschreitungen nach einer Facebook-Party im niederländischen Haren wurden mindestens sechs Jugendliche verletzt, darunter zwei schwer.

    Bei Ausschreitungen nach einer Facebook-Party im niederländischen Haren wurden mindestens sech...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Verbrannte Stühle im niederländischen Haren: Betrunkene Jugendliche hatten nach einer Facebook-Party Straßen, Geschäfte und Gärten der Kleinstadt verwüstet.

    Verbrannte Stühle im niederländischen Haren: Betrunkene Jugendliche hatten nach einer Facebook...
    Quelle: Marcel Antonisse

  • Aufräumarbeiten: Nach Angaben der niederländischen Polizei sind bei den Ausschreitungen betrunkener Jugendlicher in Haren Geschäfte geplündert und Fensterscheiben eingeworfen worden.

    Aufräumarbeiten: Nach Angaben der niederländischen Polizei sind bei den Ausschreitungen betrun...
    Quelle: Vincent Jannink

Randale bei Facebook-Party - Straßenschlac...

Haren - Eine Facebook-Party im niederländischen Haren ist in Krawallen und Chaos ausgeartet. Hunderte Randalierer lieferten sich in der Nacht zum Samstag Straßenschlachten mit der Polizei, verwüsteten Straßen, plünderten Geschäfte und steckten Autos und Schuppen in Brand.

  • Ausschreitungen nach Facebook-Party: In der niederländischen Kleinstadt Haren stehen sich Polizei und randalierende Jugendliche gegenüber.

    Ausschreitungen nach Facebook-Party: In der niederländischen Kleinstadt Haren stehen sich Poli...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Brennende Barrikaden: Eine Facebook-Party im niederländischen Haren ist in der Nacht zum Samstag in Krawalle und Chaos ausgeartet.

    Brennende Barrikaden: Eine Facebook-Party im niederländischen Haren ist in der Nacht zum Samst...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Nicht zimperlich: Die niederländische Polizei geht in Haren gegen einen jugendlichen Krawallmacher vor.

    Nicht zimperlich: Die niederländische Polizei geht in Haren gegen einen jugendlichen Krawallma...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Die niederländische Polizei verhaftet in Haren einen jugendlichen Krawallmacher. Insgesamt nahm sie etwa 20 junge Leute in Gewahrsam.

    Die niederländische Polizei verhaftet in Haren einen jugendlichen Krawallmacher. Insgesamt nah...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Bei Ausschreitungen nach einer Facebook-Party im niederländischen Haren wurden mindestens sechs Jugendliche verletzt, darunter zwei schwer.

    Bei Ausschreitungen nach einer Facebook-Party im niederländischen Haren wurden mindestens sech...
    Quelle: Catrinus van der Veen

  • Verbrannte Stühle im niederländischen Haren: Betrunkene Jugendliche hatten nach einer Facebook-Party Straßen, Geschäfte und Gärten der Kleinstadt verwüstet.

    Verbrannte Stühle im niederländischen Haren: Betrunkene Jugendliche hatten nach einer Facebook...
    Quelle: Marcel Antonisse

  • Aufräumarbeiten: Nach Angaben der niederländischen Polizei sind bei den Ausschreitungen betrunkener Jugendlicher in Haren Geschäfte geplündert und Fensterscheiben eingeworfen worden.

    Aufräumarbeiten: Nach Angaben der niederländischen Polizei sind bei den Ausschreitungen betrun...
    Quelle: Vincent Jannink