Fonds zur Unterstützung ehemaliger Heimkinder

Der Fonds umfasst 40 Millionen Euro, die jeweils zur Hälfte vom Bund und den ostdeutschen Ländern finanziert werden. Sachsen-Anhalt steuert bis 2016 rund 3,6 Millionen bei. Rein rechnerisch könnten Hilfen im Land für 7,2 Millionen Euro gewährt werden.

Warum wurde der Fonds eingerichtet? Er soll helfen, Spätfolgen zu überwinden. Die Beratungsstelle Sachsen-Anhalts hat fünf Mitarbeiter. Sie sind unter Telefon (0391)?72?73?99?20 erreichbar.

Welche Hilfen werden geleistet? Damit sollen zum Beispiel therapeutische Behandlungen, Beratungen und Rentenersatzleistungen bezahlt werden. Auch andere Sachleistungen für Wohnumbauten und Renovierungen können übernommen werden. Die Höchstsumme beträgt pro Person 10.000 Euro.

Magdeburg/Wernigerode l Seit mehr als einem Jahr gibt es einen Entschädigungsfonds für Kinder aus DDR-Heimen in Höhe von 40 Millionen Euro. Doch über die Hälfte der rund 1200 Antragsteller in Sachsen-Anhalt warten noch auf ihre Entschädigung. Sie beklagen einen enormen bürokratischen Aufwand.

Der 40-jährige Mike Then hebt seinen dicken Aktenordner auf den Tisch. Darin befindet sich reichlich Briefverkehr, unter anderem mit der Beratungsstelle "DDR-Heimkinder- fonds Sachsen-Anhalt". Die Hürden für die im Sommer vergangenen Jahres vom Bundeskabinett und den Ostländern beschlossene Opferhilfe für etwa 400.000 Betroffene sind hoch gesetzt.

Der Wernigeröder liest in seinen nur teilweise einsehbaren Akten aus dem Jugendamt, dass er bereits in der 2. Klasse als "verwahrlost" eingestuft worden ist. Er muss in eines der Spezialkinderheime der DDR in Sachsen. "Neues Leben" stand über dem Eingang der ehemaligen Villa. Dort, wo mit militärischem Drill die Mädchen und Jungen zum sozialistischen Idealmenschen getrimmt werden sollten. Zum Ende der DDR gab es 38 solcher Heime mit 3760 Plätzen. Daneben gab es noch mehr als 50 Jugendwerkhöfe. Der berüchtigste befand sich in Torgau in Sachsen.

"Wer einmal da war, überlebt auch die Hölle." - Mike Then, ehemaliges DDR-Heimkind

Mike Then verbringt bis 1988 in dem Heim. Danach wird er als "schwer erziehbar" eingestuft und kommt zunächst in den Jugendwerkhof Gebesee.

Er beginnt eine Lehre als Betonierer in Leipzig, wird dann aber recht schnell wieder zurück in den Werkhof geschickt. In Gebesee startet er später erneut eine Ausbildung, diesmal als Maurer.

Doch im Heim selbst hat Then immer häufiger die Nase voll von den Erziehungsmaßnahmen wie "Zivilsachenentzug". Die Jugendlichen mussten dann den ganzen Tag lang in Arbeitsbekleidung herumlaufen.

Er erinnert sich: "Es gab auch Urlaubs- und Ausgangssperre, oder das Taschengeld wurde gestrichen." Auch an Situationen könne er sich erinnern, dass er ins Erzieherzimmer bestellt und die Gardinen zugezogen wurden. "Dann gab es eine vor den Turm", sagt er. Als er einmal aus dem Heim flüchtet und kurze Zeit später wieder eingefangen wird, muss er in den Jugendwerkhof nach Torgau. Eine besondere Erziehungsmaßnahme.

"Wer einmal da war, überlebt auch die Hölle", sagt er. Sein Glück ist der Zusammenbruch der DDR.

Mit der Schließung des Jugendwerkhofs darf er wieder zurück zu seinen Eltern. Allerdings kann der damals 17-Jährige seine Lehre nicht mehr rechtzeitig abschließen. Trotz des unglücklichen Einstiegs in das Berufsleben schafft es Then. Mit 18 Jahren zieht er endgültig aus seinem Elternhaus aus, nimmt sich eine Wohnung in Leipzig, später in Hannover. Dort lernt er seine heutige Frau aus Wernigerode kennen, mit der er einen zweijährigen Jungen hat.

Das damalige DDR-Heimkind wollte die Zeit eigentlich längst hinter sich lassen, doch immer wieder kommen Erinnerungen hoch. Er sagt: "Das kann man nicht vergessen."

Im Juli 2012 erfährt er vom Entschädigungsfonds und stellt in Magdeburg einen Antrag. "Damals wurde versprochen, es werde schnell und unbürokratisch gehandelt. Doch das Gegenteil stellte sich heraus", beklagt der Wernigeröder. Für seine beantragten Sachleistungen muss der inzwischen 40-Jährige jeweils drei Kostenvoranschläge einholen und zur Beratungsstelle nach Magdeburg schicken. Er hat Glück, dass er im Sommer 2012 einer der ersten Antragsteller ist. Seine beantragten Sachleistungen, unter anderem für das Kinderzimmer, ein gebrauchtes Auto und eine Vater-Kind-Kur, bekommt er erst nach Monaten genehmigt.

"Auf die Antwort eines Antrages warte ich noch immer", sagt er. In der zentralen Geschäftsstelle des Fonds "Heim-erziehung" in Köln erfährt er, dass sich das noch bis zum Herbst hinziehen kann. Von anderen ehemaligen Heimkindern erfuhr Then, dass sie sogar noch weit länger auf ihre Entschädigung warten. Auch bei der Rentenersatzleistung hat er reichlich Schriftverkehr.

"Eine Vielzahl der Vorgänge sind in der Aktenrecherche." - Hermann Thies, Sozialministerium

Nach Auskunft des Sozialministeriums Sachsen-Anhalts haben in der Anlauf- und Beratungsstelle bisher 1200 ehemalige DDR-Heimkinder einen Antrag auf eine Entschädigungsleistung gestellt. Erst 465 "Vereinbarungen über Hilfen an Betroffene" seien abschließend bearbeitet worden. Darunter waren 40 Rentenersatzleistungen. Sprecher Hermann Thies: "Darüber hinaus sind eine Vielzahl der Vorgänge noch in der Aktenrecherche."

Das Problem: Ansprüche werden nicht nur durch das Land geprüft, sondern auch durch das Bundesamt für Familie in Köln. Erst wenn alle Seiten dem Antrag des Betroffenen zustimmen, werden die Kostenvoranschläge bestätigt. Immerhin erhielt jeder Antragsteller 250 Euro vorab für seine Auslagen, wie zum Beispiel Anreisekosten zu den Anlaufstellen.

In Sachsen-Anhalt erfolgen die Beratungen grundsätzlich nach dem Eingang des Antrages. Allerdings werde bei älteren ehemaligen Heimkindern und prekärem Gesundheitszustand eine Ausnahme gemacht. Sprecherin im Bundesamt für Familie Antje Mäder: "Für Sachsen-Anhalter sind 700.000 Euro ausgezahlt worden. 120.000 Euro machen davon Rentenersatzleistungen aus." Die 40 Millionen Euro (für alle Ostländer) stehen während der gesamten Fondslaufzeit bis Juni 2017 zur Verfügung. Anträge können noch bis Juni 2016 gestellt werden.