Schach in Sachsen-Anhalt

Im Schachverband Sachsen-Anhalt sind rund 2700 Mitglieder organisiert. 2009 waren es 2300.

Bundesweit ist die Zahl der organisierten Spieler hingegen rückläufig. Der Deutsche Schachbund zählte 2009 noch 94.000 Mitglieder, 2012 waren es nur 91.000.

Zum Landesverband gehören 87 Vereine. Besonders viele gibt es in Anhalt-Bitterfeld (10) und im Harz (9). Im Jerichower Land hingegen findet sich nur einer. Viele Vereine in Anhalt-Bitterfeld und der Altmark sind allerdings sehr klein.

40 Prozent der Mitglieder in Sachsen-Anhalt sind Kinder, 40 Prozent sind zwischen 18 und 60 Jahre alt, 20 Prozent sind Senioren.

Der weibliche Anteil der Spieler im Land liegt bei zehn Prozent.

2012 starteten aus Sachsen-Anhalt drei Schachspieler bei der Welt- und vier bei der Europameisterschaft. Einen sachsen-anhaltischen WM-Starter in der Klasse der Unter-Acht-Jährigen gab es schon seit Jahren nicht mehr. Bei der Weltmeisterschaft 2013 treten in dieser Klasse zwei Deutsche an. Neben Ole startet ein Junge aus Hessen.

Schach ist - gemessen an der Zahl der Vereinsmitglieder - das populärste Brettspiel Europas. Es wird als Sportart eingestuft.

Magdeburg l Ole Zeuner setzt Kinder in ganz Deutschland matt. Der achtjährige Magdeburger hat sich jetzt für die Schach-Weltmeisterschaft qualifiziert. Talente wie ihn sucht der Landesverband mit viel Aufwand in Kitas und Schulen - und trotzt so dem Mitgliederschwund in Deutschlands Schachvereinen.

"Kleiner Körper, großer Denker", steht auf dem quietschgrünen T-Shirt. Darin steckt ein 1,36 Meter hoher Blondschopf. Was in seinem Köpfchen vorgeht, davon verrät Ole immer nur ein kleines bisschen. Aber dort muss schon eine Menge passieren. Auf jeden Fall so viel, dass der T-Shirt-Spruch voll und ganz gerechtfertigt ist. Schließlich gehört der Achtjährige in seiner Altersklasse zu den vier besten Schachspielern in Deutschland.

Als Dreijähriger spielte Ole Schach mit Gummibärchen

Vor ein paar Wochen hat er nun auch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft geschafft. Im Dezember fliegt der Magdeburger in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Al-Ain. Bei den Unter-Acht-Jährigen (Ole startet dort, weil er Anfang 2013 noch sieben war) hat außer ihm nur ein Junge aus Hessen ein WM-Ticket gelöst.

Wie es war, als er seine ersten Schachzüge machte? "Daran kann ich mich nicht erinnern", sagt der kleine Kerl verträumt. Ist auch kein Wunder. Damals war er nämlich gerade mal drei Jahre alt. Vor das Brett gesetzt hat ihn Papa Michael Zeuner. Der ist nicht nur Trainer im Schach, sondern auch Geschäftsführer des sachsen-anhaltischen Landesverbandes.

Als alter Hase wusste er ganz genau, wie er seinen Sprössling ruck-zuck ans Brett fesseln kann: mit Gummitieren. Man verteile ein paar Fruchtbären auf den Feldern, stelle einen Turm dazu und lasse den Knirps damit nacheinander jedes einzelne Gummitier einsammeln - natürlich nur mit horizontalen und vertikalen Zügen.

Drei Jahre nach dieser leckeren Einführung gewann Ole sein erstes Turnier. Später wurde er zweimal Landesvizemeister. Für die WM 2013 hat er sich bei zwei Turnieren qualifiziert - eines in Magdeburg, das andere in Österreich. Das Prozedere erklärt er ganz profimäßig: "Das ging über die DWZ. Ich hab\' zweimal wie eine 1200 gespielt." Für Laien reinstes Schach-Chinesisch.

Übersetzt heißt es in etwa Folgendes: Bei Turnieren tritt jeder mit einer Zahl behaftet an, die seine Spielstärke ausdrückt - die sogenannte Deutsche Wertzahl, kurz DWZ. Umso mehr Gegner man besiegt und um so höher deren DWZ ist, desto mehr steigt die eigene DWZ. Verliert man, sinkt sie. Ole hat also bei zwei Turnieren so viele gute Gegner geschlagen, dass er zum Schluss immer eine Wertungszahl von mindestens 1200 hatte.

Schachtrainer unterrichten Kinder in 13 Schulen und acht Kitas

Bei der Weltmeisterschaft trifft Ole auf starke Konkurrenz. Vor allem die Teilnehmer aus Russland haben einiges auf dem Kasten, erklärt sein Papa. Schließlich hat das Land schon einige Top-Spieler hervorgebracht. Auch aus der Türkei kommen gute Spieler. Dort gibt es den Sport an jeder Schule.

Um sich auf sie alle vorzubereiten, trainiert Ole mit Vater Michael dreimal in der Woche. Meist spielen die Zwei Partien aus vergangenen Turnieren nach. Denn die hat der Achtjährige größtenteils noch im Kopf. Zug für Zug schauen die beiden dann, wie man Bauern, Königin und Co. noch gewiefter hätte platzieren können.

Außerdem übt Ole jeden Dienstag mit Gleichaltrigen. Dann kommen in Magdeburg die größten Talente der "Schachzwerge" zum wöchentlichen Spezialtraining zusammen. Insgesamt zählt der Verein knapp 400 Mini-Mitglieder. Damit ist er mit Abstand der größte Kinder-Schachverein in Deutschland. Um die Geschäftsführung kümmert sich - man ahnt es schon - Michael Zeuner.

Der Verein darf sich ein dickes Bienchen eintragen für seinen Anteil daran, dass Sachsen-Anhalts Schachverband im Gegensatz zum bundesweiten Trend stetig Mitglieder gewinnt. Während in Deutschland die Zahl der organisierten Spieler binnen drei Jahren von 94.000 auf 91.000 zurückging, wuchs sie in Sachsen-Anhalt auf mittlerweile 2700.

Hinter dem Mitgliedergewinn steckt eine Menge Aufwand. Denn bis auf die Talente, die dienstags nach Magdeburg kommen, erhalten alle Kinder ihre Schachlektionen in ihrer Kita oder Grundschule. Trainer des Vereins besuchen jede Woche 13 Schulen und acht Kitas in Magdeburg, Börde und Jerichower Land. Dort führen sie die Kleinen Schritt für Schritt an den Denksport heran. Die meisten der sieben Trainer sind Studenten, die eine Aufwandsentschädigung erhalten. Für sein Engagement beim Nachwuchs wurde der Verein vergangene Woche mit dem Deutschen Schachpreis ausgezeichnet.

Das Angebot der Schachzwerge spricht sich immer mehr herum. Während bei der Gründung vor vier Jahren sie es waren, die bei Kitas und Schulen anfragten, ist es mittlerweile andersherum. Eltern sind am Schachtraining für ihre Sprösslinge nicht zuletzt deshalb interessiert, weil der Sport aus ihnen bessere Schüler machen kann.

Das sagt zumindest eine Studie der Universität Trier. Dabei wurde in einer Schule Schach als Unterrichtsfach eingeführt, in einer vergleichbaren hingegen nicht. Das Ergebnis: An der Schachschule verbesserten sich Wahrnehmungsvermögen, Konzentrationsfähigkeit und schulische Leistungen in Mathe und Deutsch.

Kinder wird so eine Studie wohl weniger vom Hocker hauen. Für sie hat Schach einen ganz anderen Reiz, erklärt Michael Zeuner: "Viele kennen es schon von ihren Großeltern und Eltern. Außerdem merken sie schnell, dass sie einfach Ältere schlagen können. Das ist anders als beim Rennen oder Fußball." Ole ist sogar ziemlich optimistisch, was seinen Großmeister betrifft: "Vielleicht kann ich Papa schon in einem Jahr schlagen."