Weiße Weihnachten? Im Oberharz ganz sicher. Im Flachland - ganz sicher nicht. Ja früher, als die Winter noch kalt waren... war das auch nicht viel anders. Sagt die Statistik. Im Gegenteil: In den letzten zehn Jahren lag an den Feiertagen öfter Schnee als zuvor.

Magdeburg l Fünf Millimeter klein und vier Tausendstelgramm leicht sind sie, diese weißen Winzlinge, die wir jedes Jahr zu Weihnachten herbeisehnen, auf dass sie mit vier Stundenkilometern sanft aus dunkler Nacht zur Erde schweben.

Aber daraus wird nichts.

Frau Holle macht in diesem Jahr Weihnachtsferien. Jedenfalls im Flachland. Wie so oft. Die Statistik sagt: In sieben von zehn Jahren weht Ende Dezember ein mildes Lüftchen über Deutschland. Und lässt es regnen oder tauen. Das "Weihnachtstauwetter" ist unter Wetterkundlern ein fester, statistisch untermauerter Begriff. Jedenfalls ist es kein Märchen. Wie auch in der Mär von Frau Holle ja ein Körnchen Wahrheit steckt. Bekanntlich muss sie die Betten im Himmel schütteln, damit es schneit. Aus irdischer Erfahrung wissen wir: Wer Betten macht, wirbelt Staub auf. Und: Ohne Staub kein Schnee. Im Staub stecken Kristallisationskeime, wie Physiker sagen, ohne die es keine Kristalle gäbe. Und mithin keinen Schnee.

Nun - ist unsere Luft in diesem Winter etwa zu rein? Gab es nicht letztens erst Feinstaubalarm? Müsste es nicht schneien wie verrückt?

"Weiße Weihnachten? Haben wir immer."

Das Problem ist ein anderes, erklärt Florian Engelmann vom Deutschen Wetterdienst in Leipzig. Der Kältepol, also der kälteste Punkt auf der Nordhalbkugel, liegt derzeit über Nordamerika. "Und wenn das so ist, entsteht eine starke Westströmung." Heißt: Ein Tief nach dem anderen fliegt über den Atlantik nach Europa und bringt feuchte Ozeanluft mit. Die einfach zu lau ist für Schnee bis in die Niederungen. Liegt der Kältepol über Sibirien - wie im vorigen Dezember - dann kann eisige Ostluft zu uns dringen. "Doch danach sieht es derzeit überhaupt nicht aus", sagt Engelmann.

Voriges Jahr stapfte der Weihnachstmann sogar in der flachen Börde durch 13 Zentimeter tiefen Schnee. Wenn es heute Abend rumpelt, muss es nicht der Alte mit dem weißen Rauschebart sein - sondern ein Gewitter, sagt Mario Brych von der Wetterstation in Magdeburg. "Regenschauer sind möglich, vereinzelt Graupel, auch Donner - so richtiges Aprilwetter." Es zieht zwar eine Kaltfront über uns hinweg, die ihren Namen aber nicht verdient, da die Luft immer noch schneefeindliche 7 Grad mild bleibt. Da hat es sein Kollege auf dem Brocken besser. "Weiße Weihnachten? Haben wir immer", erzählt Marc Kinkeldey, dessen Station auf dem 1142 Meter hohen Harzgipfel liegt. Er muss schon eine Weile blättern, ehe er in den Aufzeichnungen der letzten 60 Jahre ein paar Aussetzer findet: "1987 und 1971 hatten wir nur ein paar Schneeflecken, 2006 lagen nur vier Zentimeter - sonst aber war es immer schön weiß." 1952 waren es 2,33 Meter, heute sind es immerhin 1,20 Meter. Auch wenn das Tauwetter bis in die Höhe kriecht - ab 600 Meter bleibt der Schnee liegen. In Schierke und anderswo im Oberharz sind weiße Weihnachten gesichert.

Aber so schlecht ist das Magdeburger Tiefland ja gar nicht dran. Im statistischen Mittel feiern die Leute in der Börde alle drei Jahre weiße Weihnachten. Das ist laut Wetterdienst genau so häufig wie etwa im 500 Meter hoch gelegenen München. In 19 der vergangenen 61 Jahre war in der Magdeburger Region eingetreten, worauf so viele hoffen. 14mal lag am Heiligen Abend Schnee, fünfmal fing es an den beiden darauffolgenden Tagen an zu schneien. Der Flachlandrekord liegt bei 22 Zentimeter am Heiligen Abend 1969. Die 60er Jahre, ohnehin von einigen kalten Wintern geprägt, dürften die Erinnerungen vieler dominieren - weshalb es einem so vorkommt, dass es früher doch viel öfter geschneit hat. Zumal im harten Kontrast dazu das folgende Jahrzehnt maßlos enttäuschte: Zwischen 1971 und 1980 blieb es zum Fest grün und grau.

Ausgerechnet in den letzten zehn Jahren änderte sich das. Obwohl die meisten Jahre im Mittel nunmehr deutlich wärmer sind als zuvor. "Doch mit steigenden Temperaturen nimmt die Niederschlagswahrscheinlichkeit zu. Und solange die Luft feucht und die Temperatur unter null liegt, fallen diese dann meist als Schnee", erklärt Wetterkundler Brych. Zudem: Magdeburg und das gesamte nördliche Sachsen-Anhalt werden viel öfter vom kalten Kontinentalwetter Osteuropas beeinflusst als etwa Frankfurt am Main oder Köln.

Höhere Temperaturen - mehr Schnee, dieses Phänomen ist auch anderswo beobachtet worden. Professor Andreas Hense vom Meteorologischen Institut an der Universität Bonn sagte: "In den eher milden Wintern der 70er bis 90er Jahre fiel in Norwegen mehr Schnee. Die norwegischen Gletscher wuchsen - im Gegensatz zu den alpinen."

Hense ist überzeugt, dass das Winterwetter in Mitteleuropa - im Gegensatz zum Sommer - ohnehin längst nicht so stark vom Treibhausgas Kohlendioxid beeinflusst wird. Über den Winter bestimmen vielmehr Island-Tief und Azoren-Hoch: Sind beide stark ausgeprägt, wirbeln sie wie zwei Riesen-Ventilatoren feucht-milde Atlantikluft nach Europa. Sind sie schwach (wie im Dezember 2010 oder im Winter 2009/2010), steht der Ventilator fast still und frostige Festlandsluft aus dem Osten hat freie Bahn nach Mitteleuropa. Hense: "Es ist durchaus möglich, dass wir trotz globaler Erderwärmung in den nächsten 20 Jahren einige knackige Winter bekommen."

Grüne Weihnachten - milder Winter? Das kann man nicht sagen. 1978 fiel Heiligabend kein Flöckchen Schnee im Flachland, zum Jahreswechsel ereilte ein Jahrhundert-Schneesturm den Norden Deutschlands. 2009 lagen Weihnachten ein paar Schneereste, Ende Dezember kam der Winter: In Börde und Altmark lag 69 Tage hintereinander Schnee, so lange wie seit 1987 nicht.

   

Bilder