Die närrischen Tage sind im vollen Gange. Doch es kann ein hartes Los sein, als Karnevalshasser in einer Stadt wie Köln zu leben. Denn 95 Prozent der Kölner sind bekennende "Pappnasen". Aber irgendwie geht es doch.

Köln (dpa). Die "närrische Session" hat begonnen. Schluck. In karnevalsfreien Zonen des Nordens und Ostens mag man es vielleicht nicht glauben, aber auch in einer Hochburg wie Köln ist nicht jeder ein Jeck.

Jedes Jahr beginnt es mit der Nachricht: "Pünktlich um 11 Uhr 11 haben die Narren in den Karnevalshochburgen die fünfte Jahreszeit eingeläutet." Ein Satz, dessen Neuigkeitswert der Aussage gleichkommt: "Auch dieses Jahr haben sich zu Heiligabend wieder Millionen Menschen in Deutschland unter dem Christbaum Geschenke gemacht."

"Der Kölner glaubt, Köln ist ‘ne Scheibe. Und dahinter ist nichts"

Bundesweit bekennt sich nur jeder Dritte zur kalendarisch vorgeschriebenen "Witzischkeit". Die Jecken stellen also eine Minderheit dar. Wären sie politisch organisiert, hätten sie vermutlich noch mit sämtlichen Halloween-Anhängern und Sankt-Martins-Umzüglern keine Mehrheit im Bundestag.

In einer "Hochburg" wie Köln ist es allerdings anders. Gefühlte 95 Prozent der "Kölschheit" sind bekennende Pappnasen. Genaue Zahlen gibt‘s nicht. Wozu auch? In dieser Stadt haben es die Karnevalisten geschafft, dass die Polizei keine eigene Schätzung zur Besucherzahl am Rosenmontag mehr abgibt. Bei solchen Massenevents fallen die Angaben der Polizei erfahrungsgemäß deutlich niedriger aus als die des Veranstalters. Aber in Köln verweist die Polizei nur auf das Festkomitee.

Ortsfremde Humorfeinde – als nichts anderes sieht man die Kritiker in Köln – werden ignoriert. Seit dem Kabarett-Duo Missfits weiß man: "Der Kölner glaubt, Köln ist ‘ne Scheibe. Und dahinter ist nichts."

Man muss sehr stark sein, um sich dem entgegenzustellen. Mit Karnevalshass ist man in Köln ungefähr ebenso richtig wie mit Höhenangst in Manhattan. Zumal es in der Domstadt schon immer so war. Im Jahre 1800 schrieb ein durchreisender Bayer: "Alle Wirtshäuser ertönten von Musik und Gläserklang und dem Brüllen und Jauchzen des besoffenen Pöbels."

Zu den wenigen Kölnern, die sich als nicht karnevalisierbar erwiesen, gehörte Heinrich Böll: "Humor verpflichtet, und ich kann mir keine schrecklichere Pflicht vorstellen als die Pflicht zum Humor." Heute feiern, morgen wieder in der Reihe tanzen.

"Der Trick ist, dass man sich verpisst, bis widder Aschermittwoch ist"

Was aber ist die Alternative? Eine Büttenrede der etwas anderen Art, die unter Kölner Karnevalshassern konspirativ von Hand zu Hand geht, empfiehlt: "Am besten ist, man bleibt zu Haus, und sperrt den Wahnsinn einfach aus. Der Trick ist, dass man sich ver-pisst, bis widder Aschermittwoch ist." Das dauert diesmal allerdings bis zum 9. März.

Vielleicht gibt es ja doch noch einen Ausweg. Die Wahl-Kölnerin Elke Heidenreich (67) findet den "Sitzungskarneval mit Mützenzwang" nach wie vor ebenso furchtbar wie den Rosenmontagszug "mit Pappkameraden, Gejohle" und Balgerei um die Kamelle. Und doch steht sie dem Treiben nicht mehr so ablehnend gegenüber wie am Anfang: "Seit ich in Köln bin und in meiner Stammkneipe alles kopf steht, seitdem mach ich da auch langsam mit", gesteht sie der dpa. "Alles, was unorganisiert ist, was tief aus dem Volk kommt, zieht mich an." Mit der Zeit – sagen die Narren – findet jeder den Karneval, der zu ihm passt.