François Werner betreibt mit Tatort-Fundus.de die größte Internetseite von "Tatort"-Fans. Gemeinsam mit vier Mitstreitern hat der 37-Jährige in den vergangenen 13 Jahren ein Kompendium zu allen 793 bislang ausgestrahlten Folgen zusammengetragen. Jeden Monat nutzen über 100000 Besucher diese Datenbank, die 1997 noch vor der offiziellen ARD-Internetseite zum "Tatort" online gegangen ist.

Frage: Die Reihe hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten immer wieder verändert. Was sind für Sie die wichtigsten Schritte in der Entwicklung?

FrançoisWerner: Im ersten Jahrzehnt gab es das klassische Ermittlerduo, bestehend aus älteren Kommissaren mit jungen Assistenten, die nichts zu melden hatten. In den 80er Jahren kamen gleichberechtigte Teams auf, und die ersten Frauen ermittelten. Insgesamt wurde alles schneller und moderner erzählt, und auch an der Kriminaltechnik lässt sich der Fortschritt erkennen. Aber auch die Mordvarianten und -motive wurden vielfältiger. Da sind die Autoren doch sehr erfolgreich auf der Suche nach neuen Möglichkeiten.

Frage: Was macht das breite, nachhaltige Interesse über die Generationen und Jahrzehnte aus?

Werner: Klassische Krimiserien sind immer gleich. Ob "Ein Fall für zwei" oder "Der Alte" – es sind immer die gleichen Orte und Ermittler. Irgendwann wird das automatisch langweilig. Durch wechselnde Städte und Ermittler hält sich der "Tatort" jung und interessant. Zudem greift der "Tatort" immer wieder Themen auf, die gesellschaftskritisch oder zumindest gesellschaftsrelevant sind, sodass sich die Zuschauer immer auch selbst in Bezug zu den Geschichten setzen können, zumal der "Tatort" die unterschiedlichsten Milieus abdeckt. Diese Abwechslung und Vielfalt ist sicherlich auch ein Grund für den Erfolg. Nicht zu vergessen aber ist: Der "Tatort" hatte immer eine hochkarätige Besetzung und die Creme de la Creme der Regisseure und Drehbuchautoren verpflichtet.

Frage: Inwieweit bildet der "Tatort" die bundesrepublikanische Wirklichkeit ab?

Werner: Die Krimis der ARD waren im Gegensatz zu den ZDF-Serien wie "Der Kommissar", "Der Alte" und "Derrick" immer eher der Realität verhaftet. Die Fälle bei der Serie "Stahlnetz", die als Vorläufer des "Tatort" gilt, basierten sogar auf tatsächlichen Kriminalakten. Andererseits ist der "Tatort" in erster Linie Fernsehunterhaltung. Die Polizeiarbeit wird natürlich nie realistisch abgebildet, sondern muss dramaturgisch aufbereitet werden. Trotzdem aber gelingt es dem "Tatort" Themen zu verhandeln, die unserer Gesellschaft und Gegenwart entnommen sind.

Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?

Werner: Als vor ein paar Jahren die Diskussion um Hartz IV aufkam, wurde ein Jahr darauf bereits zu einem Fall im Hartz-IV-Milieu ermittelt.

Frage: Bisweilen haben sich die Macher auch in sonderliche Bereiche gewagt, wie bei dem Mord an einem Science-Fiction-Autor in "Tod im All", der Außerirdische thematisierte.

Werner: Der "Tatort" hat seine bestimmten Regeln und Grenzen, aber diese können auch mal überschritten werden, wie etwa bei den Folgen "Tod im All" mit Nina Hagen und "Weil sie böse sind", die gerade mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Derartige Neuerungen wird es immer wieder geben.

Frage: Was sind in dieser Hinsicht Tops und Flops?

Werner: Der SFB hatte zwölf Folgen mit den Kommissaren Roiter und Zorrowski aus Kostengründen mit Beta-Cam gedreht. Diese Homevideo-Ästhetik kam bei den Zuschauern allerdings überhaupt nicht an. Die "Tatort"-Folgen mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl wiederum sind Publikumslieblinge. Die setzten mehr auf Klamauk statt auf eine logische Geschichte. Für jemanden wie mich, der vor allem auch einen guten und spannenden Krimi sehen möchte, zählen die Münsteraner deshalb nicht unbedingt zu den Favoriten. (dapd)

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