Hamburg (dpa) l Werner Otto kam nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtling mit Ehefrau und zwei kleinen Kindern nach Hamburg. Hier gründete er 1949 nach einem missglückten Anlauf als Schuhfabrikant im Alter von 40 Jahren den Otto-Versand - und legte so den Grundstein für einen weltweiten Handels- und Dienstleistungskonzern. Der letzte große Unternehmensgründer der Nachkriegszeit ist vergangenen Mittwoch mit 102 Jahren gestorben.

Die Geschichte von Otto wurde so oft erzählt, dass sie sich inzwischen zum Mythos verdichtet hat. Der erste Katalog von 1950, handgebundene 300 Exemplare mit 14 Seiten und eigenhändig eingeklebten Fotos, ist heute im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen. Otto erinnerte sich lebhaft daran. "1950 gab es ein paar hundert Versandhandelsfirmen; davon war mindestens die Hälfte größer als mein Betrieb." Sie sind entweder verschwunden oder gehören mittlerweile zum Otto-Imperium.

Otto suchte immer neue Herausforderungen. "Wer statisch denkt und aus Angst vor Fehlern keinen Schritt nach vorn wagt, der sollte kein Unternehmer werden", lautete seine Überzeugung. 1966 übergab er die Leitung des Unternehmens an den familienfremden Manager Günter Nawrath, behielt aber bis 1981 die Zügel als Aufsichtsratsvorsitzender in der Hand. Dann übernahm sein Sohn Michael die Otto Group und führte sie bis 2007.

Der Senior hatte sich schon vorher neuen Geschäften zugewandt: Er investierte in nordamerikanische Immobilien und das zukunftsträchtige Feld der Entwicklung von Einkaufszentren. Daraus entstand die ECE, heute führendes Spezialunternehmen in Europa. Sie wird von Ottos jüngstem Sohn Alexander geleitet. Auch privat blieb Otto dynamisch. Drei Ehefrauen schenkten ihm fünf Kinder, die teils unternehmerische und teils künstlerische Talente entwickelten.

Neben seinen unternehmerischen Glanztaten hat sich der gebürtige Brandenburger vor allem als Wohltäter einen Namen gemacht. 1969 gründete er die medizinisch ausgerichtete Werner-Otto-Stiftung, die dort einspringt, wo staatliche Mittel fehlen. Über die Jahrzehnte flossen viele Millionen für medizinische, soziale und kulturelle Zwecke, aber auch in den Städtebau. In seinem Geburtsort Seelow ließ Otto den Kirchturm wieder aufbauen, der durch Kämpfe in den letzten Kriegstagen zerstört wurde.

Für seine Leistungen als Unternehmer und Mäzen ist Otto, den Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen "Titan der Marktwirtschaft" nannte, vielfach ausgezeichnet worden. Zuletzt erwiesen die Spitzen der Republik der "außergewöhnlichen Gestalt der Zeitgeschichte" (Klaus Wowereit) zu seinem 100. Geburtstag im August 2009 ihre Reverenz. Kanzlerin und Bundespräsident gratulierten persönlich, der Berliner Senat ernannte Otto zum Ehrenbürger der Stadt.

Und Otto gründete abermals eine Stiftung, diesmal mit einem Kapital von fünf Millionen Euro, zur Unterstützung armer alter Menschen in Berlin und Brandenburg.

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