Sankt Andreasberg/Wernigerode (dpa) l Nicole Kochanowski rückt den Helm zurecht und bringt das integrierte Mikrofon in Stellung. „Hört ihr mich? Ich komm‘ jetzt raus zu euch.“ In der Ferne kreischt eine Kettensäge. „Das Team ist mit Wegesicherungsmaßnahmen beschäftigt“, sagt die 40-Jährige, während sie in ihrer Schutzmontur die Kleine Bodestraße am Achtermann – den mit 925 Metern dritthöchsten Berg Niedersachsens – entlangläuft. Dann biegt sie auf einen Waldweg ab und das Wasserwerk für die Stadt Braunlage kommt in Sichtweite. „Wir machen um das Haus herum etwa eine Baumlänge frei“, sagt sie. „Ich will kurz mit den Männern die Lage besprechen.“ Die scharen sich sofort um die „Chefin“, obwohl sie das nicht gern hört. „Ich bin zwar Fortwirtschaftsmeisterin, aber wir sind eine Truppe.“

Kochanowski ist Forstwirtin im Nationalpark Harz, der in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt liegt. Die einzige Frau unter 55 Männern – und nicht nur seit 2011 Meisterin ihres Fachs, sondern auch Fortbildnerin und Beauftragte für Arbeitssicherheit. Seit ihrer 1997 begonnenen Ausbildung zur Forstwirtin übt die Frau mit der blonden Bobfrisur den körperlich schweren und durchaus gefährlichen Beruf aus. „Ich liebe das einfach“, sagt die gebürtige Goslarerin, die bis heute in ihrer Geburtsstadt lebt. „Ich bin ein Harzkind und wollte nie weg.“ Einen forstlichen Hintergrund in der Familie gibt es nicht. „Aber wir waren viel im Wald unterwegs.“

Unbedingter Wille

Ihre Lehre absolviert sie bei den Niedersächsischen Landesforsten. Im Jahr 2000 wird sie fertig und bewirbt sich auf eine von damals fünf ausgeschriebenen Stellen im rund 25 000 Hektar großen Nationalpark Harz – einer der größten Waldnationalparks in Deutschland. „Ich wollte das unbedingt“, sagt die fröhliche Frau, die ihren Hund liebt, gern joggt und Mountainbike fährt. Über der Entscheidung schwebt damals schon die Frage „Wie lange kann ich das als Frau körperlich durchhalten?“ – „Im Idealfall kann ich dann als Nationalpark-Rangerin weitermachen“, sagt sie. Zukunftsmusik, denn noch steht sie fast jeden Tag im Wald, der auf beiden Seiten des 1141 Meter hohen Brockens unübersehbar von Stürmen, Dürren und dem Borkenkäfer gezeichnet ist. Zu sehen ist viel Braun statt Grün.

Kochanowski steht seit 1. Juli im Dienst der Revierförsterei Torfhaus. Zuvor war sie im Revier Rehberg im Einsatz, aber das wurde im Zuge einer Strukturreform ebenso aufgelöst wie das Revier Plessenburg in Sachsen-Anhalt. Zehn Nationalpark-Reviere gibt es aktuell noch. „Wir sitzen schlussendlich alle in einem Boot und gehen jeden Tag für dieselbe Sache zur Arbeit.“

Im Dauerkrisenmodus

Gerade heißt die „Sache“ Waldumbau – und der ist in vollem Gange. Kochanowski blickt zurück. „Früher waren wir manchmal wochenlang im Holzeinschlag und haben viel gepflanzt. Mittlerweile sind wir in einer Art Dauerkrisenmodus, bekämpfen massiv den Käfer, sichern Wege und organisieren Laubbaumpflanzungen mit Lohnunternehmern.“ Ein Wald im Wandel bedeutet eben auch einen Job im Wandel.

Im Büro in Oderhaus ist die 40-Jährige nur dann, wenn es unbedingt sein muss. „Ich muss raus und mit Sprühflasche, Kettensäge und Schälgerät hantieren.“ Auch deshalb, weil sie für ihre Fortbildungen „im Saft bleiben muss“, wie sie sagt. „Sonst würde ich mich ja auch vor meinen Schülern unglaubwürdig machen“, sagt sie und lacht. Dass sie tatkräftig anpackt und tatsächlich Holz- und nicht nur Zettelwirtschaft betreibt, hat ihr den Respekt der Männer eingebracht. „Ich kann mich an keinen blöden Spruch erinnern.“ Zum Team des Fachbereichs Waldentwicklung und Wildbestandregulierung gehören neben den 55 Forstwirten noch elf Förster und zwei sogenannte Funktionsbeamte – eine Männerdomäne.

Kochanowski genießt Ansehen und wird wertgeschätzt – auch in der Chefetage. Sabine Bauling ist stellvertretende Parkleiterin und kennt Kochanowski seit 2012. „Sie war da schon bestellte Forstwirtschaftsmeisterin. Für mich damals ein Novum“, sagt Bauling. Kochanowskis Wissen und Können ist in beiden Bundesländern gefragt. „Der Umstand, dass sie sich in ihrer Position in der Männerwelt nicht als etwas Besonderes sieht, macht das Besondere aus“, sagt Bauling.