Krimi „Morden im Norden“ - Leben mit dem ungeheuerlichen Verdacht
Der Serienhit „Morden im Norden“ gönnt sich einen vertrackten Fall in Spielfilmlänge. „Weil du böse bist“ spürt einem Mord über eine längere Zeitspanne nach.

Hamburg/Lübeck - Die Ermittler der Vorabendserie „Morden im Norden“ dürfen wieder in Spielfilmlänge ran: Der Fall mit dem Titel „Weil du böse bist“ (heute um 20.15 Uhr, Das Erste) trägt seine moralische Haltung schon im Titel. Um Gut und Böse geht es, der Fall soll vielschichtiger sein als die üblichen 45 Minuten am Vorabend, wenn es heißt „Morden im Norden“. Einmal im Jahr gönnen sich die Ermittler eine schwierige Tätersuche im Hauptabendprogramm.
Diesmal finden die Kommissare Finn Kiesewetter (Sven Martinek) und Lars Englen (Ingo Naujoks) ein Blut beschmiertes Boot, ein Messer mit Initialen – aber die Leiche bleibt verschwunden. Das Blut gehört zu der jungen Anja Liebke (Valerie Stoll). Sie wurde gesehen, wie sie sich mit ihrem Freund Patrick Holthusen (Valentino Dalle Mura) bei einer feuchtfröhlichen Tanzparty in einem Club heftig gestritten hat. An Indizien herrscht kein Mangel, doch Holthusen wird zum allgemeinen Entsetzen freigesprochen.
Viele Gefühle und Ansichten bei Familien von „Opfer“ und „Täter“
Das aber setzt erst allerlei Dynamiken in Gang, sowohl bei seiner Familie, wie bei jener des Opfers. Die Holthusens sind eine Patchworkfamilie. Patrick versteht sich gut mit seiner Halbschwester Kristina (Elsa Langnäse). Der Stiefvater Hanno (Thomas Lawinky) hält ihn für „böse“. Die schwache Mutter versucht, ihn zu schützen.
Kiesewetter wiederum hat über die Jahre eine enge Bindung zu den Eltern der Vermissten - Detlef (Thomas Sarbacher) und Grit Liebke (Karoline Eichhorn) - aufgebaut und versucht, ihren Schmerz mitzutragen. So dreht sich einige Zeit alles im Kreis, der Verdächtige ist frei, doch ein Neuanfang ist erschwert, wenn einen alle für einen Mörder halten.
Kollegen ermitteln emsig im Hintergrund und sorgen für Bewegung
Der Fall dümpelt dann eine ganze Weile ein wenig dahin. Eingebettet in Bilder von Bootsanlegern, Strandabschnitten, Möwen und der nicht ganz so idyllischen Weite des Nordens. Einmal sieht man Patrick, wie er am Strand ins Wasser läuft und sich, ja was, den Frust von der Seele schreit.
Die Einzigen, die das Geschehen vorantreiben, sind die Kollegen Gregor Michalski (Jonas Minthe) und Nina Weiss (Julia E. Lenska). Von der Öffentlichkeit scheinbar unbemerkt leisten sie detaillierte Ermittlerarbeit hinter den Kulissen. Martineks joviale Art wirkt manchmal allzu behäbig, und auch Naujoks sitzt hier meist nur stumm vor dem Rechner. Bis eines Tages doch noch Spuren von Anja Liebkes Leiche mit sichtbarer Gewalteinwirkung auftauchen.
Da kommt auf einmal Leben in den Fall. Die beiden Familien beschuldigen sich gegenseitig. Die Liebkes sind verzweifelt, weil ein freigesprochener Mörder nicht ein zweites Mal für die gleiche Tat anklagbar ist. „Halt Dich da raus, lass uns unsere Arbeit machen“, schärft Kiesewetter Detlef Liebke ein. Patrick wiederum versucht, den Verdacht subtil auf die Opferfamilie zu lenken.
Ermittler-Duo kommt an seine Grenzen
Aber auch das Ermittler-Duo kommt an seine Grenzen, die Nähe zur Opferfamilie führt zu manchem Missverständnis. Fragen von Gerechtigkeit und Schuld stehen im Raum. Und dann ist auf einmal Patricks Halbschwester Kristina verschwunden, die ihm einst ein hilfreiches Alibi gegeben hatte.
Am Ende fällt die Auflösung nur halb befriedigend aus und ist wohl auch nur teilweise glaubwürdig zu nennen. Immerhin erfährt man in diesem Fall, der sich wohltuend Zeit lässt und nicht in 45 Minuten abgehandelt werden muss, ein paar wesentliche, teils überraschende Aspekte des deutschen Rechtssystems. Und das ist auch schon etwas.