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Brandkatastrophe Trauer, Wut, Vorwürfe nach Brand-Inferno von Crans-Montana

Unsägliche Schmerzen, tiefe Trauer und viele offene Fragen: Wer trägt Schuld an der Brandkatastrophe in der Neujahrsnacht?

Von Christiane Oelrich, dpa 27.02.2026, 11:44
Für Überlebende und Angehörige ist nichts, wie es vor der Brandnacht von Crans-Montana war. (Archivbild)
Für Überlebende und Angehörige ist nichts, wie es vor der Brandnacht von Crans-Montana war. (Archivbild) Cyril Zingaro/KEYSTONE/dpa

Crans-Montana - Zwei Monate nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana kämpfen sich viele Schwerverletzte weiter mühsam ins Leben zurück. Den Familien der 41 meist jungen Todesopfer geht es ähnlich. Der Horror der Neujahrsnacht hat ihr Leben für immer verändert. 

Die Staatsanwaltschaft ermittelt, nachdem Funken aus Partyfontänen die Bar „Le Constellation“ im Skiort Crans-Montana in Brand gesetzt hatten. Formelle Anklagen gibt es bisher nicht. Empörung und Wut sind bei Angehörigen und Anwälten groß. Ein Überblick: 

Die Opfer 

„Mein Körper ist zu einem Schlachtfeld geworden“, schreibt die schwer verletzte Überlebende Mélanie Van de Velde aus Crans-Montana auf Facebook. „Es ist ein Leid, das kein Wort wirklich übersetzen kann, aber mein Körper wird niemals vergessen.“ Viele müssen sich wie Van de Velde immer wieder schmerzhaften Hauttransplantationen unterziehen. 

Von den ursprünglich 115 Verletzten waren am 23. Februar noch fast 60 in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken. 28 wurden im Ausland behandelt, vier davon in Deutschland. Neben Schweizern sind vor allem Franzosen und Italiener betroffen. 40 Menschen sind in der Nacht umgekommen, ein Schwerverletzter starb vier Wochen später an einer Infektion.

Die Angehörigen 

Familien leben im Ausnahmezustand - wie Leila Micheloud. Zwei ihrer Töchter sind bei der Katastrophe verletzt worden. Über den Gang ins Krankenhaus berichtet sie in einer Fernsehdokumentation: „Ich fand meine Tochter vor, aber sie war nicht meine Tochter, es war ein verbrannter Körper.“ 

Familien erleben neben der Trauer und dem Schmerz auch Wut. Vor einer Vernehmung der Betreiber der Bar, Jacques und Jessica Moretti, haben Angehörige die beiden vor dem Gebäude in Sitten bestürmt und beschimpft. „Ich bin hier, um Jessica Moretti zu zeigen, dass sie Familien zerstört hat“, sagte Tobyas (14) dort, dessen Bruder Trystan ums Leben kam. 

Die Beschuldigten 

Im Visier der Staatsanwaltschaft sind die Morettis. Es geht etwa darum, ob Notausgänge richtig gekennzeichnet waren, ob die Verengung einer Fluchtweg-Treppe auf 1,37 Meter rechtens oder ob der Schaumstoff an der Decke, der in Brand geriet, regelkonform war. Sie sind gegen Kaution auf freiem Fuß. Sie hätten sich nichts zuschulden kommen lassen, sagen ihre Anwälte, Nicola Meier, Yaël Hayat und Patrick Michod.

Die Anwälte kritisieren die Hetze, der ihre Mandanten ausgesetzt seien. Dazu beigetragen hätten Falschbehauptungen, etwa, dass Jessica Moretti sich nach dem Brandausbruch mit der Kasse aus dem Staub gemacht habe, aber auch Äußerungen von Opferanwälten, sagten die Anwälte der Zeitung „Le Nouvelliste“. Das schüre Hass auf die Morettis, obwohl es sich um einen Unfall gehandelt habe.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen den aktuellen und den ehemaligen Sicherheitsbeauftragten der Gemeinde, weil in der Bar seit 2019 keine der jährlich vorgeschriebenen Brandschutzkontrollen stattfanden. 

In der Kritik steht auch Gemeindepräsident Nicolas Féroud, der nicht erklären konnte, warum die Kontrollen nicht stattgefunden haben. Im Gesetz stehe nichts über eine Kontrolle von Materialien wie Schaumstoff, und für den Innenumbau der Bar mit Verkleinerung der Treppe sei keine Genehmigung nötig gewesen, sagte er. Er wurde zum Buhmann, weil er sich nicht öffentlich bei den Opfern entschuldigte.

Nach Medienberichten hatte ein IT-Fachmann, der die Feuerwehr-Software im Kanton betreute, Vorgesetzte erpresst, die ihn entlassen wollten. Er sei 2023 festgenommen worden. Weil die Software erneuert werden musste, seien Daten verloren gegangen und Kontrollen vernachlässigt worden.

Die Ermittlungen

Im Strafverfahren geht es um fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Brandstiftung. Angehörigen kommt die Arbeit der vier Staatsanwältinnen viel zu langsam voran. Oberstaatsanwältin Beatrice Pilloud informiert wenig. „Das Verfahren findet im Sitzungssaal statt, nicht in den Medien“, sagt sie. 

Die 50 Anwälte, die rund 130 Opfer und Angehörige vertreten, werfen Pilloud vor, Beweise nicht gesichert und Jacques Moretti zu spät festgenommen zu haben. Sie habe keine Durchsuchung bei der Gemeinde angeordnet. 

Dass Moretti gegen Kaution auf freien Fuß kam, empörte die Italiener derart, dass sie ihren Botschafter aus der Schweiz abzogen. Inzwischen hat Pilloud italienischen Behörden direkte Zusammenarbeit zugesichert. Unter Hinweis auf die Versäumnisse verlangt ein Rechtsanwalt, die Staatsanwältinnen von dem Fall abzuziehen. Darüber muss nun das Kantonsgericht entscheiden. 

Die „Walliserei“ 

Die Barbesitzer waren mit den meisten Amtsträgern in Crans-Montana auf Du und Du. Das ist üblich in kleinen Gemeinden im Kanton Wallis, wo praktisch jeder jeden kennt und viele über Vereine oder Parteizugehörigkeit vernetzt sind. Das erhöht die Gefahr von Filz, sagen Anwälte. Im Wallis gibt es einen spöttischen Begriff dafür, die „Walliserei“. 

Zwei Beispiele: Die Oberstaatsanwältin und der Gemeindepräsident sind in derselben Partei und derselben Weinbruderschaft „Orden der Kanne“, in der sich Würdenträger aus Gesellschaft und Politik zum zwanglosen Austausch treffen. Der ehemalige Datenschutzbeauftragte des Kantons will auf die fehlende Datensicherheit bei der Feuerwehr-Software hingewiesen haben, heute vertritt er als Anwalt Opferfamilien.