Kabul (dpa) - Ein als Ärzte verkleidetes Terrorkommando des Islamischen Staats hat in der afghanischen Hauptstadt Kabul ein Militärkrankenhaus gestürmt und mindestens 30 Menschen getötet.

Auch die vier Angreifer kamen bei der Attacke ums Leben, wie der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Daulat Wasiri, sagte. Rund weitere 60 Menschen wurden verletzt, darunter Frauen und Kinder. Fast alle Opfer waren Patienten, Besucher oder Klinikpersonal.

Am Morgen sprengte sich zunächst einer der Islamisten an einem Tor in die Luft. Ein weiterer wurde schnell von Sicherheitskräften erschossen. Aber zwei drangen in die Klinik ein und verschanzten sich.

Die offizielle Opferzahl könnte noch steigen. Der große Sender 1TV und der renommierte Journalist Bilal Sarwary berichteten, dass ihnen Sicherheitskreise von 40 bis 70 Toten berichtet hätten.

Zahlen von Regierungssprechern sind in der Regel niedrig, und schon bei früheren Attacken wurden Todesopfer verschwiegen. Es war zunächst nicht möglich, die Opferzahlen unabhängig zu überprüfen.

Zu dem Anschlag bekannte sich die Terrormiliz IS. Er löste international Empörung aus.

Von den dramatischen Szenen, die sich im Inneren des achtstöckigen Gebäudes abspielten, drang nur wenig nach außen. Sie ließen sich erahnen.

Über dem Gebäude kreisten Militärhubschrauber, die auf dem Dach Spezialkräfte absetzten und Patienten mitnahmen. Fotos zeigten, wie hoch oben drei Menschen aus einem Fenster stiegen und versuchten, sich geduckt auf dem schmalen Sims zu verstecken.

Anwohner berichteten in sozialen Medien von mehreren Explosionen - in der Klinik warfen die Angreifer mit Handgranaten. Ein Pfleger oder Arzt in grüner Krankenhauskleidung namens Abdul Qadir erzählte einem Fernsehsender, wie einer der bewaffneten Männer auf ihn, dann einen Kollegen geschossen habe.

Erst am Nachmittag meldete das Verteidigungsministerium, dass nun alle Patienten, Besucher und Personal aus dem Haus gerettet worden seien. Hinter den Absperrungen standen derweil Hunderte Angehörige.

Dass das Ziel des Angriffs ein Krankenhaus war, rief international sofort Empörung hervor. Die Weltgesundheitsorganisation mahnte, Krankenhäuser dürften keine Ziele sein. Das ist aber schon lange gang und gäbe: Die UN hatten 2015 und 2016 in Afghanistan mehr als 240 Angriffe auf Kliniken und medizinisches Personal gezählt.

In der Stellungnahme von Ärzte ohne Grenze hieß es, dass "jeder Angriff auf eine medizinische Einrichtung, Mitarbeiter oder Patienten einen schweren Bruch des humanitären Völkerrechts" darstelle.

Aus dem deutschen Außenministerium hieß es an Nachmittag, "sich an Wehrlosen in einem Krankenhaus zu vergreifen, ist feige und es ist hinterhältig." Die Bundesregierung werde Afghanistan weiterhin in seinem Kampf gegen den Terrorismus unterstützen.

Der Angriff ist auch ein Beweis dafür, dass die Terrormiliz IS in Afghanistan nicht besiegt ist, sondern im Gegenteil in der Lage ist, immer komplexere Angriffe auszuführen. Der IS will in Afghanistan und Pakistan eine neue "Provinz" namens IS-Khorasan aufbauen. Er ist noch recht neu in Afghanistan und hat seine Präsenz bisher weitgehend auf zwei Provinzen im Osten des Landes beschränkt. Eine große Kämpferbasis hatte er nie, und Hunderte Anhänger waren in den vergangenen Monaten bei Luftangriffen der USA getötet worden.

Trotzdem gibt es im Osten weiter Berichte über Angriffe des IS auf Regierung und Gemeinden. Und auch die Kabuler Zelle wird aktiver. Erst im Februar hatte der IS bei einem Angriff auf das höchste Gericht des Landes mindestens 22 Menschen getötet.

Für Kabul war der Angriff ein Schock. Erst vor einer Woche hatten radikalislamische Taliban bei Anschlägen auf eine Polizeistation und ein Geheimdienstbüro 23 Menschen getötet und 107 verletzt.

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