Magdeburg l Mit einem nicht enden wollenden Applaus und Standing Ovations ist die Premiere der Sommerfolge von „Olvenstedt probiert’s“ im Forum Gestaltung abgeschlossen worden. Die Kammerspiele Magdeburg haben sich mit Text, Spiel, Kostümen und Bühnenbild dabei selbst übertroffen. Es scheint, als hätte die lange Pause durch die Corona-Pandemie dem Team Flügel verliehen. Oder gibt es dafür noch einen weiteren Grund? Am Sonntag, 9. August 2020, verkündete Schauspielerin Susanne Bard auf der Kulturpicknick-Wiese der Festung Mark, dass die Kammerspiele eine eigene Spielstätte gründen wollen. Seit ihrer Rückkehr nach Magdeburg pendeln sie zwischen Feuerwache Sudenburg und Forum Gestaltung. Dass sie nun ein eigenes Haus gründen wollen, noch dazu in Zeiten von Corona und als freies Theater, zeigt, dass sie in Magdeburg verwurzelt sind und von ihrem Publikum geliebt werden.

Das spiegelt sich auch in der neuen Olvenstedt-probiert’s-Folge wider, in der die Kammerspiele einmal mehr den Klischee-Olvenstedter überzeichnen und damit für allerhand Lacher auf Seiten des Publikums sorgen. Das Premieren-Publikum nahm die Vorlagen dankbar an, agierte mit den Schauspielern, wenn Achim (Michael Günther Bard) etwa sagt: „Morjen, ihr Säcke!“ und das Publikum erwidert: „Morjen, du Sack!“ oder es in Beates (Susanne Bard) Klassiker-Satz: „Ich moach mick moal de Hoare“ fröhlich mit einstimmt.

Laienspielgruppe am Rande des Abgrunds

Kammerspiele-Autor Dirk Heidicke ist mit „Rusalka & Arielle“ seinem Prinzip treu geblieben, Weltliteratur zu verarbeiten, und stellt die Theater-Gruppe „Braune, Sommer, Wiese“ vor viele Herausforderungen, führt sie immer wieder an den Rand des Abgrunds, wo die Gruppe um ihre Existenz bangt. Die größte Herausforderung besteht wohl aber in den zwischenmenschlichen Verwicklungen zwischen den Figuren.

Dass den Akteuren, eine Mischung aus Profis und Laien, ihre Rollen auf den Leib geschrieben sind, kommt ihrem Spiel entgegen. Urkomisch wirkt es, die gehobene Sprache im Rusalka-Teil der neuen Folge in Magdeburger Dialekt zu hören. Allerlei Vorlagen bot auch die Corona-Pandemie, die selbstverständlich in die Inszenierung eingeflossen ist. So wird das Publikum zu Beginn des Stücks von Kiosk-Betreiber „Appel“ (Falko Graf) gleich mit desinfiziert, ebenso wie der Kiosk auf dem Campingplatz am Ehle-Strand und die FCM-Fahne, die traditionell zu Beginn jeder Sommerfolge gehisst wird. Schilder am Kiosk, die auf die geltenden Abstandsregeln hinweisen, wären in dieser Hinsicht noch das i-Tüpfelchen gewesen, kommen aber in den Dialogen immer wieder zum Tragen.

Regisseur Oliver Breite ermutigt die Schauspieler zu einem befreiten Spiel, lässt sie Gefühlsregungen teils übertreiben, teils in feinen Nuancen zeichnen. Auffallend dabei das Spiel von Susanne Bard, die im Arielle-Teil der Inszenierung eine fantastische Meerhexe mimt, einmal mehr ihre markante Stimme zum Tragen kommen lässt und völlig ungehemmt sowohl in der Rolle der Beate als auch in deren Rolle als Meerhexe versinkt. Friederike Walter, die die Luise Baum spielt, könnte in dieser Hinsicht noch nachlegen, scheint stimmlich aufgrund der geforderten Lautstärke an Grenzen zu stoßen, beeindruckt aber mit ihren gesanglichen Musical-Fähigkeiten im Arielle-Teil. Beeindruckend auch Kevin Schulz, der es schafft, nicht aus seiner Rolle als neunmalkluger Pinsel zu fallen und damit ein neues Unikum in der Reihe der Charaktere, allesamt außergewöhnliche Typen, schafft. Michael Ruchter, er stellt den Regisseur Mark Busch dar, geht in dieser Rolle nicht nur auf, sondern auch über Tisch und Bänke, und lässt damit das Überhebliche seiner Figur umso deutlicher zum Tragen kommen.

Meyke Schirmer als Ausstatterin der Kammerspiele setzt auf Gewohntes, wie etwa Achims Outfit aus Westover und Jogginghose, bei dem man sich fragt, ob die Oberbekleidung mit den Jahren eingelaufen ist, scheint sich aber an den Kostümen für den Arielle-Teil richtig ausgelebt zu haben.

Neue Gast-Darstellerin sorgt für Verwicklunge

Übrigens: Achims Bauchumfang ist kleiner geworden, ist dem Programmheft zu entnehmen. In der Sommerfolge im vorigen Jahr betrug er 1,26  Meter, inzwischen liegt er bei 1,24 Metern. Gast bei der jüngsten Inszenierung ist Tänzerin Samanta Hinz. Sie war bereits für den Falko-Abend „Jeanny“ gebucht, und weil sie den Kammerspielen so gut gefallen hat, sorgt sie nun in „Olvenstedt probiert’s“ als Vicky für gesteigerte Testosteron-Spiegel unter den männlichen Figuren.

Wer Klamauk mit Lokalkolorit im Hinblick auf die Kulturhauptstadt-Bewerbung, die Diskussion ums Domplatz-Open-Air und die Drittklassigkeit des 1. FCM mag und bereit ist, die Magdeburger Eigenarten aufs Korn nehmen zu lassen, dem sei die neue Folge von „Olvenstedt probiert’s“ wärmstens empfohlen. Allerdings: Alle Vorstellungen sind nahezu ausverkauft. Für die Winterfolge in der Feuerwache lohnt es sich, beizeiten Karten zu reservieren. Und sofern sie coronabedingt stattfinden kann, heißt es dann: „Wir sehen uns!“, was bei den Kammerspielen schon zum geflügelten Wort geworden ist.