Magdeburg l In der bevorstehenden Silvesternacht werden voraussichtlich wieder mehrere Millionen Euro in Blitz, Knall und Rauch aufgelöst. Leider kommt es dabei auch immer wieder zu Verletzungen. Besonders häufig sind Schäden durch Funken- und Splitterflug, resümieren Augen-, Ohren- und Notfallärzte im Rückblick auf das Silvesterfest 2014. „Besonders tragisch war für uns der Fall eines zwölfjährigen Jungen, der durch die nahe Explosion eines Böllers auf das schwerste am Auge verletzt wurde“, erinnert sich Professor Dr. Hagen Thieme, Direktor der Magdeburger Universitätsaugenklinik. Trotz sofort eingeleiteter Notoperation gelang es nicht, das Augenlicht des Jugendlichen zu erhalten.

Menschliches Auge reagiert zu langsam

Ein menschlicher Augenblick ist weniger als eine Viertel Sekunde lang. Diese kurze Reaktionszeit schützt das Auge vor vielen natürlichen Gefahren - nicht aber vor explodierenden Silvesterraketen. „Wird das Auge getroffen, kann es wie ein Luftballon zerplatzen“, sagt der Magdeburger Augenarzt. Dann ist keine Rettung des Augenlichts mehr möglich. Selbst bei weniger schweren Augen-Verletzungen durch Feuerwerkskörper müssen die zumeist jugendlichen Betroffenen mit bleibenden Seheinschänkungen rechnen.

Böller zerstören Hörzellen

Eine der häufigsten Unfallfolgen von Silvesternächten ist das Knalltrauma. Nach Aussage von Professor Dr. Christoph Arens, Direktor der Universitäts-HNO-Klinik, erleiden jährlich rund 8000 Menschen in Deutschland eine Verletzung des Innenohres durch explodierende Feuerwerkskörper. Damit beschreiben Ärzte die schädigende Wirkung eines unerwartet hohen Schalldrucks auf das Hörorgan. Das Innenohr enthält winzige, haarförmige Sinneszellen. „Deren Bewegung im wechselnden Schalldruck wandelt die akustischen Signale in bioelektrische Botschaften um, die das Gehirn weiter analysieren kann“, so Prof. Arens. Explodiert aber ein Böller in unmittelbarer Nähe zum Ohr, schädigt der extrem hohe Schalldruck die haarförmigen Sinneszellen. Unmittelbar danach ist der Höreindruck verändert, was Betroffene im angetrunkenen Zustand nicht gleich wahrnehmen. Diese Erkenntnis tritt oft erst erst viel später ein. „Betroffene sagen dann, sie könnten ihre Umgebung nur noch dumpf wahrnehmen, so, als wäre das Ohr verstopft“, sagt der Magdeburger HNO-Arzt. Manchmal hören die Patienten danach auch einen dauerhaften hohen Scheinton (Tinnitus) oder sie haben Schwindelgefühle. Beides sind, unabhängig voneinander, Hinweise auf eine mögliche Innenohrschädigung.

Die Gefahr illegaler Silvesterknaller

Magdeburg (fb) l In jedem Jahr gibt es Verletzte durch Silvesterknaller. Gefährlich sind dabei jene Knallkörper, die illegal erworben werden. Die Volksstimme war bei einem Test dabei, der aufzeigt, welch Sprengkraft "La Bomba", "Cobra 11" und Co. haben. Die Verletzungen sind verherrend.

  • Der Dummy im Institut für Brand- und Katastrophenschutz des Landes Sachsen-Anhalt in Heyrothsberge wird präpariert. Die Gurke am Arm symbolisiert einen menschlichen Arm. Foto: Fabian Biastoch

    Der Dummy im Institut für Brand- und Katastrophenschutz des Landes Sachsen-Anhalt in Heyroth...

  • Dieser kleiner Knaller namens

    Dieser kleiner Knaller namens "La Bomba" hat drei Gramm eines Blitzknallsatzes in seinem Inneren ...

  • ... Diesen Schaden hat diese geringe Menge an Knallsatz angerichtet.

    ... Diesen Schaden hat diese geringe Menge an Knallsatz angerichtet. "Wir haben es den Patienten ...

  • Das rosafarbene Papier täuscht über die Gefährlichkeit dieses illegalen Knaller hinweg. Der sogenannte

    Das rosafarbene Papier täuscht über die Gefährlichkeit dieses illegalen Knaller hi...

  • Auf einen Kohlkopf drapiert ist von der eigentlichen Form des Gemüses nicht mehr mehr viel zu sehen. Foto: Fabian Biastoch

    Auf einen Kohlkopf drapiert ist von der eigentlichen Form des Gemüses nicht mehr mehr viel z...

  • Klinikchef Infanger und Frank Mehr, Direktor des Feuerwehrinstituts, begutachten den Schaden durch den Cipolla. Infanger:

    Klinikchef Infanger und Frank Mehr, Direktor des Feuerwehrinstituts, begutachten den Schaden durc...

  • Dieser Böller mit dem Namen

    Dieser Böller mit dem Namen "Cobra 11" hat 90 Gramm Blitzknallsatz in sich. Er ist schon ein...

  • Zur besseren Befestigung wird der Knaller am Kohlkopf festgeklebt. Foto: Fabian Biastoch

    Zur besseren Befestigung wird der Knaller am Kohlkopf festgeklebt. Foto: Fabian Biastoch

  • Die Druckwelle des

    Die Druckwelle des "Cobra 11" ist meterweit spürbar, Teile fliegen bis auf die angrenzenden ...

  • Professor Infanger erklärt, dass allein die Druckwelle für ernsthafte Verletzungen ausreiche. Der Böller hat die Füße des Dummys zerfetzt. Foto: Fabian Biastoch

    Professor Infanger erklärt, dass allein die Druckwelle für ernsthafte Verletzungen ausr...

Kortison-Infusionen können helfen

Lautet die Diagnose Knalltrauma, geben die HNO-Ärzte in den ersten Tagen nach dem Ereignis manchmal Kortison-Infusionen zur Unterstützung der Haarzellen-Erholung. Wurde ein Explosionstrauma diagnostiziert, ist gegebenenfalls auch eine Rekonstruktion des Trommelfells notwendig. Ungeachtet dessen können Böller-Explosionen aber noch viele Jahre nach der akuten Schädigung für eine weitere Hörverschlechterung und zum Ohrensausen (Tinnitus) führen. Im günstigsten Fall helfen dann moderne Hörgeräte.

Um das Gehör zu schützen, muss man nach dem Zünden von Silvester-Raketen und Knallern einen Sicherheitsabstand von einigen Metern einhalten. Deshalb auch unbedingt die Gebrauchsanweisung lesen, rät Dr. Dietrich Eckhardt, Bereichsleiter Explosivstoffe an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin. Leider vernebelt Alkohol das Denken mancher Hobby-Pyrotechniker. Auch in diesem Jahr gilt daher der eindringliche Rat von Feuerwehr, Polizei und Medizinern: Nur mit klarem Kopf an die Zündschnur gehen. Freunde und Bekannte sollten verantwortungsvoll aufeinander achten. Dann bleibt der Jahreswechsel auch in guter Erinnerung.