Frankfurt/Main l Zins-Talfahrt und kein Ende: Wer eine Wohnung oder ein Haus kaufen will, findet immer billigere Immobilienkredite. Schon gibt es erste Gedankenspiele für negative Bauzinsen – auch weil die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Strafzinsen für Einlagen von Banken verschärft hat. Der Druck auf die Geldhäuser steigt damit weiter. Was heißt das für Verbraucher?

Was würden negativ verzinste Immobilienkredite konkret bedeuten?

Angenommen, Wohnungs- oder Hauskäufer nehmen Baugeld mit einem Minus-Zins auf, dann bekommen sie einen Rabatt von der Bank: Statt Zinsen auf ihr Darlehen zu bezahlen, müssten sie den aufgenommenen Immobilienkredit nicht einmal komplett zurückzahlen: Bei 200.000 Euro aufgenommener Summe wären es zum Beispiel nur 199.000 Euro. Und die Zinslast auf Tilgungen würde komplett der Vergangenheit angehören.

Gibt es schon Minus-Bauzinsen in Deutschland?

Noch nicht, sagen Experten. Doch die Zinsen für Kredite mit zehnjähriger Bindung sind bei guter Bonität unter die 0,5-Prozent-Marke gefallen, beobachtet Interhyp. Der Vermittler von privaten Immobilienkrediten hat die Konditionen von mehr als 400 Banken verglichen. „Kreditnehmer erleben in diesen Wochen eine nie da gewesene Entwicklung“, sagt Interhyp-Vorständin Mirjam Mohr. Bei guter Bonität seien schon rund 0,4 Prozent pro Jahr drin.

Werden negativ verzinste Immobilienkredite bald eingeführt?

Laut Recherchen des Branchenportals „Finanz-Szene.de“ stellen sich Banken schon darauf ein. Bisher halten sich große Geldhäuser aber bedeckt. Die Deutsche Bank etwa erklärte, sie plane „derzeit nicht, negative Zinsen für Baufinanzierungen einzuführen“. Die Commerzbank teilte mit, dies sei aktuell „nicht vorstellbar“. Wenn es zu negativen Immobilienzinsen hierzulande komme, dann wohl nur in Einzelfällen, glaubt Mohr von Interhyp. Etliche Banken hätten schon Mindestzinsen im positiven Bereich eingeführt. In Dänemark gebe es dagegen bereits negative Bauzinsen.

Was haben Banken von möglichen negativen Bauzinsen?

Negativ verzinste Immobilienkredite könnten für Banken das kleinere Übel sein. Horten sie über Nacht Geld bei der EZB, zahlen sie erhöhte Strafzinsen – statt 0,4 Prozent wie bisher nun sogar 0,5 Prozent. „Der Druck wird größer“, sagt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung. „Die Banken wollen ihr Geld loswerden, weil die EZB ihnen zu teuer wird.“ Als eine Lösung böten sich große Baufinanzierungen an, die Banken selbst bei niedrigen Zinsen so gut wie ohne Risiko vergeben könnten.

Was bedeuten extrem niedrige Zinsen für den Immobilienboom?

Sie können Bürger ermuntern, mehr Kredit für den Wohnungskauf aufzunehmen und den Boom noch antreiben: Je niedriger der Zins, desto kleiner die Schuldenlast. „Ein Ehepaar, das vor zehn Jahren eine Monatsrate von 1000 Euro zur Finanzierung übrig hatte, kann heute mit der gleichen Summe einen weit höheren Kredit stemmen“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Wie sollten Verbraucher handeln?

Wohnungsinteressenten sollen nicht kaufen, nur weil die Bauzinsen verlockend niedrig seien, warnt Verbraucherschützer Nauhauser. Den geringeren Zinsen stünden weit gestiegene Preise gegenüber. Wenn negative verzinste Immobilienkredite kommen, dann wohl zunächst im Nachkommastellen-Bereich. Geschenkt würde einem also wenig – und ihren Kredit müssten Verbraucher ja trotzdem fast ganz zurückzahlen. Meinung

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