Magdeburg l Am Ende des Gespräches stand Bernd Stumpe mit Händen in den Hosentaschen im Flur des Bootshauses Seilerwiesen. Sein Blick hatte etwas von Traurigkeit. Vielleicht auch von schlechtem Gewissen. Er hatte gerade zwei Stunden lang unzählige Anekdoten aus seinem Leben als Ruder-Trainer erzählt. Und womöglich befürchtete er nun, den Autoren dieser Zeilen völlig überfordert in die Informationsverarbeitung zu schicken.

Seine Erinnerungen füllen ein silohohes Gedächtnisalbum. Wer in 42 Jahren beim SC Magdeburg als Nachwuchscoach in der Regel alle zwei Jahre neue Sportler zum Rudern und zu menschlichen Normen und Werten anleiten durfte, der muss am Ende sein Leben in mehreren Bänden erzählen. Dabei sagt Stumpe: „Ich messe mir selbst gar keine Bedeutung bei, außer: Ich habe in all den Jahren das Notwendige getan, und auch das, was andere nicht wollten.“ Jetzt allerdings ist seine Mission beendet.

Stumpe ist nämlich kein Nachwuchscoach und kein Landestrainer mehr, seit dem 1. Dezember ist er Privatier, das klingt schöner als „Rentner“, sagt der 64-Jährige lachend. Er kann sich dem Zeichnen und seiner Honda Shadow 750 VT widmen. Er kann an Ski-, Rad- und Laufmarathons teilnehmen. Auch dazu gibt es Anekdoten, allerdings eher wenige: „Trainer ist der schönste Beruf der Welt“, sagt Stumpe, „aber wenn es keinen privaten Sonnabend, Sonntag und Feiertag mehr gibt, dann hinterlässt das auch Spuren. Trotzdem möchte ich die Zeit nicht missen.“

Stumpe war als Coach so rau wie ein Ozean bei schwerem Wellengang. Aber Stumpe war auch immer der Lehrer, der auf sehr charmante Art und Weise Niederlagen erklären konnte. „Einige Sportler werden sagen, das war eine schöne Zeit“, meint er. „Viele werden denken: Mann, war das ein Arschloch.“

Jürgen Grobler, damals Chef am Stützpunkt Magdeburg, hatte den 22-jährigen Studenten zur Sportwissenschaft zum 1. Januar 1974 ins Trainerboot geholt. „Da habe ich mich sehr geehrt gefühlt“, sagt Stumpe. Grobler war sein Mentor, Sympathie und Respekt sind bis heute groß. Kürzlich ist Grobler, heute 70 und längst eine Trainerlegende in Großbritanniens Ruder-Dynastie, auf der Insel für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden. „Völlig zurecht“, betont Stumpe, dem selbst zum Hochleistungsruderer die Maße und der Ehrgeiz fehlten, der aber junge Sportler motivieren konnte, Gold zu gewinnen. Und der mit ihnen die Freude darüber teilte.

Zwischen 1983 und 1989 war er sogar Chefcoach in Magdeburg. Die ihn damals aufs Podium gehievt hatten, sägten ihn auch wieder ab. Begründung: „Fachlich ungeeignet, menschlich eine Katastrophe.“ Es gibt viele Ruderer, die das völlig anders sehen: Marcel Hacker hatte in Stumpe immer seinen Ziehvater gesehen. Stumpe hat aber auch Marko Neumann, Max Planer oder Mathias Rocher (und tausend andere) in der wichtigsten Phase ihrer Karriere, die sich mit 15, 16 Jahren entscheidet, als Trainer begleitet. Alle waren bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen dabei.

Zum Abschied Stumpes, den sein ehemaliger Schützling Paul Zander als Landestrainer beerbt hat, hat Planer (25) einen Brief verfasst, mit Hand geschrieben, in dem es heißt: „Lieber Herr Stumpe, Sie haben in Magdeburg den Grundstein gelegt, dass nicht nur super Talente den Sprung ins Nationalteam schafften, sondern auch weniger talentierte Sportler, in denen Sie das Feuer entfachen konnten. Zur zweiten Kategorie zähle ich auch mich. Und immer wieder frage ich mich, wie ich das schaffen konnte. Bei dieser Frage komme ich dann auf den Ursprung meiner Laufbahn zurück.“ Der Ursprung heißt: Bernd Stumpe.