Magdeburg l Fürs Planen und Bauen der Autobahnen waren bisher die Länder zuständig. Ab 1. Januar ist eine neue Mammut-Staatsfirma dafür verantwortlich: die Autobahn GmbH. Zentrale in Berlin, 10 Regionalniederlassungen, 41 Außenbüros, 15.000 Mitarbeiter. Bundesverkehrsminister Scheuer verspricht sich durch die „Bündelung“ in Bundeshand mehr Tempo bei den oft jahrelangen Planverfahren. Doch das könnte nach hinten losgehen.

In Schleswig-Holstein und Hamburg wurde das neue Unternehmen schon dieses Jahr mal als Pilot getestet. Aus Sicht von Baufirmen ist der Pilot abgestürzt. „Mit dem Wechsel brachen die Umsätze ein“, berichtet Carsten Henschke, Regionalchef Nord der Eurovia GmbH. Das Unternehmen (700 Beschäftigte, 200 Millionen Euro Jahresumsatz) baut Straßen und Lärmschutzwände. „Das war ein ganz harter Einbruch, wie ich ihn noch nicht erlebt habe“, berichtet Henschke, der auch in Magdeburg sitzt. Das Auftragsvolumen rauschte in Norddeutschland innerhalb eines Jahres von 60 auf 23 Millionen Euro in den Keller. Ein Minus von fast 40 Prozent. Es hakte mit der Software, es fehlte Personal. „Die Autobahn GmbH ist offenbar zu sehr mit sich selbst beschäftigt.“

Ginge das künftig so weiter, kämen viele ins Schlingern. Denn: Seitdem Bund und Länder wieder mehr investieren, haben viele Firmen ihre Kapazitäten hochgefahren, mehr Leute angestellt, mehr Maschinen angeschafft. Im Corona-Jahr 2020 kriselte es ohnehin schon beim Privatbau. Wenn nun auch noch der Staat schwächelt, sähe es düster aus.

Tolle Tarife, hohe Kosten

Die Autobahn GmbH hat Personalprobleme. Sie wollte die Mitarbeiter eigentlich aus den Landesstraßenbaubehörden rekrutieren. Schließlich sitzen dort die Fachleute. Doch das ging nicht so glatt wie gedacht. Obgleich die GmbH ein Staatsunternehmen ist, das praktisch nicht pleite geht, scheuten viele Bedienstete den Wechsel von der Behörde zur Firma. Also wurden Löhne erhöht, um die Leute zu locken. Bei der GmbH wird nun um 10 bis 15 Prozent besser verdient als in der Behörde.

„Wir konnten viele Dinge durchzusetzen, die wir im öffentlichen Dienst bisher nicht umsetzen konnten“, sagt eine Verdi-Gewerkschafterin aus Berlin erfreut der Volksstimme. Ein Straßenwärter verdient bei der GmbH je nach Erfahrung künftig zwischen 2600 und 3319 Euro monatlich. Bei Ingenieuren reicht die Spanne von 3499 bis 8269 Euro. Es gibt 13 Monatsgehälter und die Leute sind nahezu unkündbar. Doch selbst das war kein Allheilmittel. Gut einen Monat vor dem Start fehlen etwa in der Niederlassung Ost mit ihren Büros in Halle, Magdeburg, Erfurt und Dresden immer noch 150 Mitarbeiter – 1200 Stellen sind eigentlich geplant.

Selbst die Besetzung des Chefstuhls in Halle gestaltete sich schwierig. Der lange Zeit als Direktor gehandelte Staatssekretär Sebastian Putz winkte im Sommer überraschend ab: Er will lieber im Verkehrsministerium in Magdeburg bleiben. Nun wurde ein Pensionär reaktiviert. Klaus Kummer, lange Zeit Amtschef im Landesamt für Vermessung, übernahm mit 68 Jahren den Regionalchefposten.

Die tollen Tarife gehen natürlich ins Geld. Die einst geplanten Startkosten haben sich von 41 Millionen Euro auf 325 Millionen Euro verachtfacht, erfuhr jetzt der Bundestag. Höhere Ausgaben für Personal, Rechentechnik und Investitionen schlagen ins Kontor.

Im Herbst resümierten die Verkehrsminister der Länder auf ihrer Tagung konsterniert, dass die neue Autobahnfirma trotz zweijähriger Vorbereitung nicht so flott ins Laufen kommt wie einst gedacht.

Doch es hapert nicht allein beim Personal, auch die einst geplanten Baugelder reichen nicht mehr, da die Kosten in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt sind. Die neue Autobahn GmbH, die auch für die Kalkulation zuständig ist, hat schon mal durchgerechnet, wie viel Geld nötig ist, um alle vom Bundestag beschlossenen Vorhaben umzusetzen. Für 2021 bis 2025 sind für Neubau und Erhalt fast 30 Milliarden Euro nötig – das sind 5 Milliarden Euro mehr als bislang vorgesehen. Kalkuliert wurde dabei auch ein Risikoaufschlag, da die Baukosten meist deutlich höher liegen als die Schätzpreise aus der Planphase.

Alles wird gut?

Regionalchef Klaus Kummer in Halle wedelt jeden Anflug von Pessimismus davon. „Wir haben volle Kontinuität für Mitteldeutschland“, sagt er der Volksstimme. Die A 14 werde wie geplant weitergebaut. Und auch mit Sanierungen gehe es voran. 2021 soll vor allem die von Betonkrebs befallene A 9 weiter repariert werden und im Jahr darauf komme „mit Sicherheit“ eine größere Maßnahme auf der A2. Dieses Jahr war der Magdeburger Abschnitt an der Reihe, als Nächstes soll die Strecke in Richtung Burg erneuert werden. „Die Unternehmen müssen sich hier keine Sorgen machen“, behauptet Kummer.

Manche Baufirmen hadern mit der neuen Staatsfirma, andere halten sich mit Prognosen zurück. „Ich habe dazu noch keine felsenfeste Meinung, die Autobahn GmbH muss erstmal in Gang kommen“, sagt Thilo Brambach, einer der drei Geschäftsführer des Bauunternehmens Papenburg in Halle. „Da ich ein optimistischer Mensch bin, bin ich voller Hoffnung.“ Und die stirbt bekanntlich zuletzt.