Korridore durch die DDR

Der Transit unterlag speziellen, wechselnden und anfangs unklaren Vorschriften. Erst durch das Transitabkommen von 1972 wurde die Durchfahrt geregelt.Es war das erste deutsch-deutsche Regierungsabkommen überhaupt.

Für den Straßenverkehr waren von Berlin ausgehend drei Strecken freigegeben: Richtung Hamburg im Norden, südlich nach Franken bzw. mit einem Abzweig nach Hessen sowie Richtung Westen nach Hannover via Helmstedt. Dies war die kürzeste Verbindung, Die Fahrt dauerte etwa zwei Stunden.

Die Strecken waren flächendeckend von der Staatssicherheit überwacht, Kontakt zu DDR-Bürgern war Westdeutschen ebenso verboten wie das Verlassen der vorgeschriebenen Routen.

Für den Bau und Erhalt der Straßen zahlte die westdeutsche Regierung seit 1972 etwa zehn Milliarden D-Mark. Nach dem Abkommen verdoppelte sich die Zahl der Transitfahrten von zuvor zehn auf etwa 20 Millionen pro Jahr. Im Sommer 1990, am 30. Juni, wurden die innerdeutschen Grenzkontrollen offiziell eingestellt.

Berlin/Helmstedt l „Jenau hier“, entfährt es Ingrid Stechow. Sie deutet auf ein Stückchen Land neben einem gottverlassenen Parkplatz an der Autobahn. Vor der Wende noch gerade so Westen, West-Berlin. Da, wo sich jetzt vergilbtes Gras ausbreitet, stand ihr Kiosk. Nicht ihr eigener. Sie aber war die Seele hinterm Tresen, „die Inge“. So nennen sie die Trucker bis heute. Die Trucker, die auf den Transittouren zu einer eingeschworenen Gemeinschaft wurden. „Inge“ gehörte dazu, als hätte auch sie täglich am Steuer eines Lasters zwischen Helmstedt und Berlin gesessen. Bei ihr machten die Fahrer Halt nach der Fahrt durch die DDR – auf ein „Befreiungsbier“. Oder zwei. Ingrid Stechow, kurze Haare, roter Blazer, lacht, als sie davon erzählt, während sie am Berliner Stadtrand direkt am einstigen Grenzübergang nach Spuren der Vergangenheit sucht. Hier war ein Nadelöhr raus aus der Inselstadt. Davor ihr Kiosk.

Weg ist sie zwar, die Bude, aber nicht die Geschichte einer Sangerhäuserin, die es an die Transittrasse verschlagen hatte. An eine Verkehrsader, die das Verhältnis beider deutscher Staaten immer auch in ihrem Antlitz widerspiegelte. Die Strecke von Helmstedt nach Berlin, vorbei an Magdeburg, Burg und Potsdam, und umgekehrt war die kürzeste, die Durchreisende nehmen durften. Ingrid Stechow hat an ihren beiden Enden Brötchen, Bier und Bockwurst serviert – erst in einer Raststätte bei Helmstedt, später in Berlin-Dreilinden, wo heute nur noch das trockene Gras wuchert.

Für Westdeutsche war der Transit ein seltsamer Zwischenraum, wie es der Schriftsteller Friedrich C. Delius einmal beschrieben hat: „Trennung von der DDR – und distanzierte Berührung“. Für Sachsen-Anhalter galt das ähnlich, nur andersrum. Die Autobahn teilten sich zwar alle. Bei Eilsleben fuhren die Ostdeutschen aber runter, während der Transit weiter bis zum Grenzübergang Marienborn führte. Dort arbeiteten bis zu 1000 Menschen, Stasi, Zoll und Helfer der Grenztruppen. Für die paranoide Stasi war der Transit ein Einfallstor des Klassenfeinds. Wie ein Leck.

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Mit dem Brummi ging es zum Gurkenholen

Ingrid Stechow war 14 Jahre alt, als sie ihre ostdeutsche Kindheit verließ, von der Ernst-Thälmann-Schule in Sangerhausen abging und die Freunde zurücklassen musste. Ihre Eltern hatten sich zur Flucht entschlossen. 1960, da war die Mauer noch nicht gebaut. Der Vater war Chef eines Edeka-Auslieferungslagers – bevor die Enteignungen kamen. Bei den Brummi-Touren durfte sie in den Ferien mitfahren. „Brause holen nach Sömmerda oder Gurken aus dem Spreewald.“ Das muss sie mit der Fernfahrerei infiziert haben, sagt die 69-Jährige heute.

In Helmstedt wurde sie erwachsen, lernte Verkäuferin in einem Feinkostgeschäft und landete schließlich ab 1967 im „Express Imbiss“ an der A2.

Der „Express Imbiss“ war Pflichthalt für einen anderen gebürtigen Sachsen-Anhalter, den Trucker Dieter Buschendorf. „Transit Westberlin“ war Jahrzehnte sein Revier im Dienst der Schnapsbrennerei Hasebrink, seit 1971. Noch heute sitzt er auf dem Bock.

Die Angst fuhr mit

Er hatte das Fernfahren zwar mal an den Nagel gehängt. Aber das war nichts für ihn. Der 74-Jährige ist schon lange wieder auf Achse, inzwischen für eine Firma aus Haldensleben. Wer ihn anruft, erwischt ihn beim Ein- oder Ausladen an seinem Laster, mal in Bochum, mal in Kassel, mal daheim bei seiner Frau im Bergischen Land.

Ursprünglich aus Schönebeck, von wo seine Eltern 1949 mit ihm weggingen, kehrte Buschendorf als Fernfahrer mit jeder Tour für einen kurzen Moment zurück in die alte Heimat. Trotzdem blieb für ihn immer das Gefühl, in ein anderes Land zu kommen, obwohl es ja irgendwie auch seines war. Wer einmal fuhr, sagt er, hatte Angst: bewaffnete Grenzer, die misstrauischen Blicke, die Kontrollen. „Mit der Zeit wurde man abgebrüht.“ Für viele blieb es immer beklemmend. Seine Sorge war vor allem, einfach nicht mehr reingelassen zu werden. „Dann hätte ich kündigen müssen.“

An den Grenzen demonstrierte die Diktatur von nebenan ihre Macht. Buschendorf: „Ich musste mich innerlich damit abfinden, dass die DDR ihre Vorschriften hatte. Dann hatte ich keine Probleme.“ Wenn es mal Schwierigkeiten gab, jemand aufgehalten wurde, war das spätestens am nächsten Tag Gesprächsstoff unter den Fahrern. Entweder per Funk oder bei „Inge“ am Tresen.

Für die Liebe zog Inge von Helmstedt nac

Ingrid Stechow weiß noch, wie die Fahrer ihr Fehlen in Helmstedt bemerkt hatten – und aus allen Wolken fielen, sie plötzlich am anderen Ende der Strecke anzutreffen. Das war im Sommer 1975. Für die Liebe zu einem Fernfahrer – was sonst – war sie nach Berlin gezogen. Buschendorf sagt, jeder Trucker habe „Inge“ gekannt, und nennt sie „einen richtigen Kumpel“. Der Kiosk hieß bei ihnen nicht Dreilinden, sondern „Bei Inge“. Sie hinterlegten Dokumente bei ihr, fanden zusammen. Sonst hörten sie sich über Funk, warnten sich vor Kontrollen und teilten bei Pannen ihre Pausenbrote. Die Transitstrecke zu verlassen, war verboten. An dieser Solidarität wuchs die Gemeinschaft – und hält bis heute. Buschendorf hat schon vier Ehemaligentreffen organisiert. Zuletzt in Helmstedt mit 80 Leuten und Besuch der Gedenkstätte Marienborn. „Inge“ war immer dabei.

Beide besuchten nach der Wende wieder ihre Geburtsorte. Dieter Buschendorf fuhr kurz darauf nach Schönebeck-Frohse und erinnerte sich sofort, wo die Familie früher ihren Garten hatte. Wie es der Zufall wollte, lief ihm dort seine Tante über den Weg. „Da habe ich geheult“, sagt der gestandene Trucker. Er holte Kuchen, es gab viel zu erzählen.

Zu DDR-Zeiten war er ebenfalls mal da, zum Frauentag, mit offizieller Genehmigung. Wie Ingrid Stechow: Sie besuchte 1968 mit Anfang 20 mal Sangerhausen. Nach der Wende führte sie dann ein Klassentreffen zurück an den Ort ihrer Kindheit, sie blieb ein paar Tage länger und erkundete die Stadt. „Auch der Sandkasten, in dem ich mal gespielt habe, war noch da. Da habe ich erst mal eine Träne verdrückt.“