Magdeburg l Tamirat hat heute keine Lust auf die anderen Kinder. Statt im Raum nebenan zu spielen, sitzt er lieber vor Mama auf dem Tisch und malträtiert ein bisschen ihr Arbeitsblatt. Mutter Tirhas lässt sich nicht ablenken. Konzentiert schaut sie zur Tafel. Dort stehen zwei junge blonde Frauen, eine liest langsam die Zahlen von elf bis 20 vor. Als sie fertig ist, fragt sie: „Wer möchte jetzt vorlesen?“ Tirhas hebt den Arm, kurz danach beginnt sie zaghaft zu zählen: „Elf, zwölf, ...“

Die blonden Frauen heißen Nicole Köhmann und Henrike Kugenbuch und studieren Soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Der Sprachkurs, den sie hier geben, ist Inhalt eines Seminarprojekts. Seit vergangenem Semester bringen sie jeden Montag im Magdeburger Volksbad Buckau Flüchtlingsfrauen ein paar Brocken Deutsch bei. Deren Kinder werden nebenan von zwei Mitstudentinnen und einer Ehrenamtlerin betreut.

Den Lehrplan haben Köhmann und Kugenbuch, beide 20 Jahre alt, selbst erarbeitet. „Wir beginnen mit dem, was sie im Alltag am dringendsten brauchen“, erklärt Köhmann. Nach Personenangaben, Zahlen und Wochentagen folgen Sätze, die ihnen beim Arzt, im Supermarkt oder bei Behörden helfen. Themen wie Kleidung werden zurückgestellt.

14 Frauen besuchen derzeit den Kurs. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Burkina Faso und, wie Tirhas und Tamirat, aus Eritrea. Ihr Asylantrag ist noch nicht bearbeitet, daher sind sie bei Deutschkursen auf Freiwillige angewiesen. Vermittelt werden sie über die Flüchtlingsberatung der Caritas. Sie ist neben der Fraueninitiative Magdeburg, dem Betreiber des Volksbads Buckau, Projektpartner.

Wörterbücher auf der Wunschliste

Dass sich der Kurs an Frauen mit Kindern richtet, erklärt Jaqueline Brösicke vom Volksbad so: „Die Frauen überlassen Organisatorisches meist dem Mann. So lernen sie kaum die Sprache. Außerdem fehlt vielen für die Kurszeit eine Kinderbetreuung, Kitaplätzehaben sie oft noch nicht.“ Hinzu käme, dass sie sich in einer rein weiblichen Gruppe wohler fühlten. Das bemerkt auch Kugenbuch immer wieder: „Wer ein Kopftuch trägt, nimmt es oft nach ein paar Wochen im Kurs ab.“

Englisch oder französisch spricht in der Gruppe selten jemand. Abgesehen von bilderreichen Arbeitsbüchern bleibt den Studentinnen also nur ihre Kreativität: Für die Lektion Gefühle malen sie Smileys an die Tafel, den Unterschied zwischen „ich“ und „du“ erklären sie, indem sie Papierschnipsel herumgeben. Vieles erklären sie auch mit Händen und Füßen. „Das ist nicht immer einfach“, sagt Köhmann lachend: „Bei einem Wort wie ‚verstehen‘ müssen wir eine halbe Theaterszene spielen.“

Die Arbeit erleichtern würden ihnen Wörter- und Bilderbücher. Mit Hilfe der Volksstimme-Leser könnten sie diese bald anschaffen. Auch die Studentinnen im Nebenraum haben einen Wunsch. Bislang können sie die Kleinen nur mit aussortiertem Spiezeug von zu Hause bespaßen. Was fehlt, sind Lernspiele, um zum Beispiel Formen und Farben zu erklären. Ein paar kunterbunten Holzbausteinen könnte wohl selbst Tamirat nicht widerstehen ...