Magdeburg/Burg l Wer heutzutage an Kinos denkt, der denkt oft an gewaltige Säle, riesige Popcorntüten und Softdrinks. Filme als Konsumgüter sozusagen. Doch neben den Multiplex-Kinos gibt es auch in Sachsen-Anhalt Alternativen. So beispielsweise das Studiokino Magdeburg oder das Burg Theater, der älteste Kinozweckbau Deutschlands. Dabei steht das Studiokino Magdeburg exemplarisch für Programmkinos, das Burg Theater wiederum wird rein ehrenamtlich betrieben. Mit unterschiedlichen Konzepten versuchen sie, gegen die großen Kinos zu bestehen. Denn beide haben jeweils nur einen Kinosaal zur Verfügung.

Filmauswahl

Bei der Filmauswahl ist Frank Salender, Geschäftsführer des Studiokinos Magdeburg, flexibel. „Wir wählen die Filme selbst aus, sind aber darauf angewiesen, was die Verleiher anbieten.“ Beliebt bei ihm seien vor allem deutsche Filme und die internationalen Festivalgewinner. Diese speziellen Filme sind im Studiokino oft direkt bei Kinostart zu sehen.

Claudia Meißner, Kinoleiterin im Burg Theater, versucht eher auf größere Filme zu setzen. In diesem Jahr lief so unter anderem auch der Publikumsmagnet „Fack Ju Göhte 2“ in Burg, der deutschlandweit im Jahr 2015 der erfolgreichste Kinofilm war.

Bilder

Welche Filme gezeigt werden, wird im vierköpfigen Filmteam entschieden, dem Meißner ebenfalls angehört. „Je nach Verleiher kann es schon mal ein paar Wochen dauern, bis wir einen neuen Film bekommen“, sagt Claudia Meißner. Bei dem neuen James Bond, „Spectre“, dauerte es nur drei Wochen. „Unsere Gäste warten dann oft, um die Filme bei uns im Kino sehen zu können,“ sagt Meißner.

„Natürlich müssen wir trotzdem gut überlegen was wir zeigen, ein Film, der komplett floppt, ist für uns schwerer zu verkraften als für eines der großen Kinos“, sagt Salender.

Atmosphäre

Noch bevor die ersten Trailer auf die Leinwand projiziert werden, fällt im Studiokino die große Beinfreiheit auf. Ist man diese doch aus Kinos kaum noch gewöhnt. Stattdessen zieht man schon reflexartig die Beine weit an. Sind die Beine dann ausgestreckt, kommt direkt Freude auf, denn neben jedem zweiten Platz ist ein kleiner Tisch angebracht, niemand muss also das mitgebrachte Essen und Trinken in der Hand halten.

Klassisches Kino-Futter gibt es im Studiokino in Magdeburg aber nicht. „Unsere Gäste wollen die Filme genießen, da ist raschelndes Popcorn eher störend“, erklärt Geschäftsführer Frank Salender. Verpflegung gibt es im Studiokino natürlich trotzdem.

Im Burg Theater gibt es das klassische Popcorn. Dazu eine Bar, die direkt an einen Bereich mit gemütlichen Sesseln und Tischen angrenzt. „Wenn wir es hinbekommen, werden alle Gäste am Platz bedient“, berichtet die Kinoleiterin.

Auch im unteren Bereich des Kinos ist, wie auch im Studiokino, die Beinfreiheit enorm. Dazu gibt es Doppelsitze für Pärchen, die lieber nicht durch eine Armlehne getrennt werden wollen.

Probleme

Die Probleme, mit denen Programmkinos zu kämpfen haben, gleichen denen der Multi- plexe. Dort wird seit Jahren das Internet als Konkurrenz beklagt, seit neuestem auch Streamingplattformen. „Das Heimkino wird immer besser ausgestattet, Streamingdienste wie Netflix sind auf dem Vormarsch“, erzählt Salender.

Streamingdienste sind wie eine Videothek auf dem heimischen Bildschirm. Online kann ein Abonnement erworben werden und auf das komplette Film- und Serienangebot des Anbieters zugegriffen werden. In Streamingdiensten sind die Filme nicht direkt zum Kinostart zu sehen, wer also nicht ins Kino möchte, muss warten. Doch Netflix kaufe sogar bereits die Rechte an Festivalfilmen, um sie ausschließlich im Internet starten zu lassen. „Passiert das, sind die Filme für uns unerreichbar, denn in Kinos laufen sie dann nicht mehr“, sagt Salender.

Claudia Meißner sieht das Internet weniger problematisch für ihr Kino. „Natürlich können die Besucher auch einfach zu Hause gucken, aber wir bieten hier ein besonderes Kinoerlebnis“, sagt die Kinoleiterin. Gerade dort entstehe auch das größte Problem. Alle Mitarbeiter des Burg Theater arbeiten ehrenamtlich und so sei es manchmal schwer, genügend freie Kapazitäten für den Kinobetrieb zu finden.

Nicht nur für die Bar und das Filmvorführen werden Helfer gebraucht. Auch das Drumherum wird ehrenamtlich erledigt. Träger des Kinos ist der Verein Weitblick. „Wir möchten den Leuten die Möglichkeit des Kinobesuchs auf jeden Fall erhalten“, sagt die gebürtige Burgerin Meißner.

Besucher

Auch bei den Besuchern besteht zwischen beiden Kinos und den Multiplexen ein Unterschied. „Für uns ist ein Film erfolgreich, wenn rund 500 Besucher ihn gesehen haben, das wäre im Kinocenter ein Misserfolg“, sagt Frank Salender. Die Besucher des Studiokinos erwarten vor allem ein Eintauchen in die Filmwelt, erzählt Salender. „Man möchte Sitten, Gebräuche und Gefühle nachempfinden können.“ Dabei seien fast alle Altersklassen vertreten. Nur die ganz jungen Besucher nicht. „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, Kinderkino mit einzubauen, das würde einfach nicht passen. Zwischen 16 und 18 beginnen viele ihre Programmkinokarriere“, sagt Salender.

Das Burg Theater sieht sich „zwischen den Multiplexen und den Programmkinos“, sagt Claudia Meißner. Man zeige Angebote für Kinder und Senioren und Mainstreamfilme. Viele Besucher seien regelmäßig da und hätten die Möglichkeit, selbst Kinofilme vorzuschlagen. Durch die ehrenamtliche Trägerschaft ist es dem Burg Theater auch möglich, Filme zu zeigen, die auf eine kleine Fangruppierung zielen. „Das ist im Arthouse- oder Dokumentarfilmbereich öfter mal der Fall“, sagt Claudia Meißner.

Sonderprogramm

Neben dem normalen Kinobetrieb bieten beide Lichtspielhäuser auch Sonderprogramme an. Frank Salender ist Festivalleiter der Filmkunsttage und außerdem gibt es einen Filmclub, der in diesem Jahr den Fokus auf skandinavische Filme gelegt hat.

Im Burg Theater wird Wert auf das Erlebnis Kino gelegt. So gibt es jedes Jahr Aufführungen der Feuerzangenbowle, dazu wird eine echte Bowle angerichtet. Außerdem das Kinder- und Seniorenkino. Auch für die Zukunft hat Meißner Ideen. „Vielleicht lässt sich irgendwie auch YouTube mit den Let‘s Plays in den Kinobetrieb einbringen, das würde gerade junge Zuschauer begeistern“, sagt die Leiterin. Unter Let‘s Plays versteht man die Videoaufzeichnung eines Computerspiels. Dabei kommentiert der Spieler, während er das Spiel spielt, für die Zuseher.

Bilanz 2015

Technisch sind beide Kinos auf dem neuesten Stand und stehen den großen Multiplexen in nichts nach. Wobei die Nachfrage nach der analogen Technik wieder zunimmt, berichtet Claudia Meißner. „Wir überlegen auch, den neuen Tarantino analog zu zeigen, das ist noch mal ein anderes Kinoerlebnis.“ Das Jahr 2015 lief in beiden Kinos gut, das hat verschiedene Gründe. „Wir hatten in diesem Jahr Glück mit den Oscars“, sagt Frank Salender. „Nahezu alle Oscargewinner hatten wir schon, bevor sie gewonnen haben, fest in unserem Programm verplant.“ Der gute Riecher sei dann erst in den Multiplex-Kinos angekommen. „‚Birdman‘ beispielsweise lief einige Wochen, nachdem er bei uns gestartet ist, in den großen Kinos.“

Das Burg Theater hatte im Vorjahr geplant, 15 000 Besucher zu erreichen. „Da sind wir schon länger drüber“, sagt Claudia Meißner.

Die Bilanz bestätigen auch die bundesweiten Zahlen für das erste Halbjahr 2015. Laut Statistik der Filmförderungsanstalt (FFA) wurden 66,8 Millionen Besucher verzeichnet. Über 21 Prozent mehr als noch im ersten Halbjahr 2014, trotz angestiegener Kartenpreise.

„Die Branche hat lange auf solche Zahlen gewartet, das Kino hat sich in den ersten sechs Monaten 2015 imposant zurückgemeldet“, sagt FFA-Vorstand Peter Dinge

Neben den Erfolgen gab es natürlich auch für beide Kinos die Jahresflops. „Bei uns hat ‚Stonewall‘ von Roland Emmerich kaum funktioniert“, sagt Salender. Claudia Meißner hatte sich von „Spectre“ mehr erhofft. „Wir hatten schon gute Zuschauerzahlen, aber bei einem James-Bond-Film hatten wir uns etwas mehr erhofft.“

So positiv die Erfahrungen von Frank Salender und Claudia Meißner auch sind, ohne eine große Portion Idealismus gäbe es die Kinos vermutlich nicht. Dabei will sich Frank Salender nicht als Filmfan verstanden wissen und doch gibt es für ihn Filme, die jeder gesehen haben sollte.

„Das hängt von der eigenen Lebenssituation ab. Sind Sie beispielsweise Musiker, sollten Sie bestimmte Musikfilme gesehen haben“, erklärt er. „Es gibt natürlich auch bestimmte Filmmomente oder Dialoge, die einfach atemberaubend sind.“

Claudia Meißner kann ihren Geschmack konkreter benennen. „Ich mag die James-Bond-Filme mit Sean Connery. Als Regisseur finde ich Quentin Tarantino beeindruckend.“

Obwohl beide in Konkurrenz zu den Multiplexen stehen, möchten sie diese nicht kritisieren. Sie hätten durchaus ihre Daseinsberechtigung, es sei jedoch wichtig, im Kinobereich eine Vielfältigkeit zu bieten.