Beispiele aus Sachsen-Anhalt

In der Share Economy entscheidet nicht das Eigentum, sondern der Zugang zu Dingen und Dienstleistungen. Das heutige Teilen funktioniert vor allem aufgrund der zunehmenden Digitalisierung in der Welt. Einige Beispiele:

AirBnB: Die Ferienwohnungs-Plattform vermittelt Übernachtungen bei Privatleuten. Auf dem amerikanischen Internet-Portal sind derzeit 111 Unterkünfte in Magdeburg und 91 in Halle registriert.

TeilAuto: Die Alternative zum eigenen Auto heißt Car-Sharing. Dabei teilen die Fahrer Autos mit anderen Nutzern, anstatt einen privaten Wagen alleine zu unterhalten. Der Anbieter teilAuto aus Halle hat in Sachsen-Anhalt rund 3500 Kunden. Stationen gibt es in Dessau, Halle, Magdeburg, Merseburg und Wittenberg. Abgerechnet wird pro Stunde und Kilometer. Je nach Tarif ist auch eine Grundgebühr fällig.

Foodsharing: Jedes Jahr werden Millionen Tonnen Lebensmitteln vernichtet. Die Initiative Foodsharing rettet das Essen und lagert es in Kühlschränken. In Magdeburg hatte das Gesundheitsamt im vergangenen Jahr allerdings schärfere Auflagen für die öffentlichen Kühlschränke angekündigt.

Leihdirwas: Der Online-Anbieter ermöglicht das Leihen und Verleihen von Gegenständen zwischen Privatpersonen– von Bügeleisen bis Betonmischer. 15 Prozent der Leihgebühr behält das Portal als Provision. (ba)

Magdeburg l Für einen Mann, der keine Kinder hat, weiß Hendrik Scheuschner erstaunlich viel über Babys. Beim Füttern, berichtet der 28 Jahre alte Magdeburg, landet öfter mal etwas auf der Kleidung. Und überhaupt, die kleinen Racker wachsen ja so schnell. Gut, dass es Kilenda gibt. Der schmächtige Mann mit der dunklen Brille sagt das nicht ohne Grund: Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Patrick Trübe hat er erkannt, was offenbar Tausenden Eltern in Deutschland gefehlt hat.

Die Idee: Eltern leihen bei Kilenda gegen eine monatliche Gebühr für ihre Kinder Hosen, Kleider und Pullis, statt alles zu kaufen. Was zu klein geworden ist, nicht mehr zur Jahreszeit passt oder nicht mehr gefällt, wird einfach zurückgeschickt – ohne zusätzlich Kosten, auch, wenn der Karottenbrei auf dem schicken Hemdchen Flecken hinterlassen hat. „Leihen bei Kilenda ist ein günstige und nachhaltige Alternative“, sagt Hendrik Scheuschner.

Änderung im Konsumverhalten

Der Tauschhandel, also das Leihen, Teilen und Mieten von Gegenständen, Räumen und Kenntnisse blüht weltweit. Die sogenannte Share Economy ist eine neue Form des Wirtschaftens, die altbekannte Probleme des Kapitalismus lösen könnte: Ressourcen- verschwendung, Überproduktion, Umweltbelastung.

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Tauschen, Teilen, Weitergeben und Leihen sollen dazu führen, dass weniger Produkte benötigt und damit weniger produziert werden. Die Einstellung einiger Verbraucher hat sich bereits verändert: Viele Menschen wollen Dinge nicht mehr besitzen, sie wollen an ihnen teilhaben. Es gibt Ökonomen, die behaupten sogar, ein postmaterielles Zeitalter soll angebrochen sein, in dem der Zugang zu Dingen wichtiger sein soll als deren Besitz.

Tatsächlich teilen immer mehr Menschen: Sie stellen ihre Wohnungen zur Verfügung, wenn sie nicht da sind. Sie bieten sich und ihr Auto bei einem Fahrdienstvermittler an oder vermieten Haushalts- und Gartengeräte. Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung PwC hat jeder zweite Deutsche bereits Sharing-Angebote genutzt.

Ihr Nutzerkonto bei Kilenda hat Kirsten Wötzel davor bewahrt, in eine größere Wohnung umziehen zu müssen. Zumindest behauptet die 40 Jahre alte Mutter von drei Kindern das scherzhaft, wenn sie darüber spricht, wie sie Kundin bei dem Kindermode-Verleiher geworden ist. Eltern wie Kirsten Wötzel bezahlen bei Kilenda eine monatliche Leihgebühr für jedes Kleidungsstück. Sachen, die zu klein sind oder nicht mehr gefallen, können an das Magdeburger Startup kostenfrei zurückgeschickt werden. Das geht sogar, wenn die Babymode stark verschmutzt oder kaputt ist. Dann ersetzt die Versicherung von Kilenda das betroffene Kleidungsstück.

Hendrik Scheuschner und Patrick Trübe haben Kilenda im Sommer 2014 als Zwei-Mann-Unternehmen gegründet. Das Startup wird in diesem Jahr wohl erstmals schwarze Zahlen schrei­ben. Immer mehr Menschen suchen auf dem Online-Portal regelmäßig nach Leih-Kleidungsstücken für ihre Kinder: Anfang 2016 waren knapp 1000 Nutzer bei Kilenda registriert, Ende des Jahres klickten sich schon fast 3500 Menschen durch den Shop des Klamotten-Verleihers.

Stolz führt Hendrik Scheusch­ner durch die Räume seiner Firma im Stadtteil Sudenburg. In den lichtdurchfluteten Zimmern arbeiten mittlerweile 25 Mitarbeiter, vor einem Jahr waren es noch zehn. Scheuschner erzählt von innovativen Prozessen, die seine Mitarbeiter entwickelt haben, um möglichst effektiv Waren lagern, verpacken, kontrollieren und waschen zu können.

Teilen und Tauschen ist ein Milliardenmarkt

In Kilenda steckt Herzblut. Scheusch­ner und Trübe ist es gelungen, aus dem privaten Kleiderkreisel mit Kinderklamotten ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln. Die Anzahl der Unternehmen, die zumindest mit der Idee der Share Economy werben, nimmt jeden Monat zu. Die Nutzerzahlen auf den etablierten Plattformen wie AirBnB oder Uber steigen. Investoren pumpen neue Milliarden in den Markt. Auch hinter Kilenda steckt ein Geldgeber.

Die Magdeburger sind zwar Marktführer, aber inzwischen buhlen immer mehr Wettbewerber um die Gunst der Eltern. Kindoo aus Frankfurt am Main hat das Konzept aus Sachsen-Anhalt schlicht kopiert. Räubersachen.de aus Halle setzt auf ökologische und nachhaltige Kleidung, hat ansonsten aber auch große Schnittmengen mit der Kilenda-Idee. Cottonbutbaby aus Berlin vermietet Mode für Babys im Abo-System: Je nachdem, wie schnell der Nachwuchs wächst, wird Eltern ein neues Paket mit Stramplern, Mützchen und Lätzchen zugeschickt.

Dass der Leihmarkt für Kinderkleidung inzwischen umkämpft ist, hat Kilenda selbst eindrucksvoll unter Beweis gestellt. In der vergangenen Woche hat das Magdeburger Startup den kleineren Konkurrenten aus Berlin übernommen. Das Abo-Modell von Cottonbutbaby soll in den Strukturen von Kilenda behutsam wachsen und gedeihen. Die Berliner Gründerin hatte offenbar mehr und mehr Probleme damit, die Nachfrage zu bedienen.

Doch auch Kilenda hat klein angefangen: Vor etwa drei Jahren lernten sich Hendrik Scheuschner und Patrick Trübe bei einer Magdeburger Firma kennen. Kilenda entstand, weil sich Kollegen über teure Kindermode beschwerten und darüber, dass viele Stücke, die eigentlich noch gut in Schuss sind, aussortiert werden.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion stellten Scheuschner und Trübe eine erste Version des Online-Shops auf die Beine. Dann kauften die beiden Gründer für rund 1000 Euro Kinderkleidung, nur um zu überprüfen, ob die Idee im Netz überhaupt angenommen wird. Als die ersten 50 Nutzer bestellt hatten, stellen die jungen Männer Kilenda einem Investor vor. Der schlug ein und finanziert die Firma bis heute.

In den zurückliegenden Jahren hat Kilenda bewiesen, dass es für viele Menschen selbstverständlich ist, Gebrauchtes zu nutzen und nicht Besitzer für immer, sondern auf Zeit zu sein. Diesen Kulturwandel haben auch die Modehersteller erkannt, die Kilenda mittlerweile ganz bewusst nutzen, um neue Kundenschichten zu erschließen: Eltern, die sich teure Neuware für ihren Nachwuchs nicht leisten können, leihen die edleren Stücke.

18.000 Kleidungsstücke im Umlauf

Neben Baby- und Kindermode bietet Kilenda mittlerweile auch Umstandsmode an. Rund 14.000 Klamotten sind derzeit in den Regalen des Kilenda-Lagers untergebracht, etwa 18.000 Artikel sind verliehen. Um die 50 Bestellungen verlassen jeden Tag die Zentrale in Magdeburg. Die Mitarbeiter können derzeit noch durchatmen. Erst wenn das Wetter wärmer wird, etwa im März und April, ziehen die Bestellungen an. Dann können jeden Tag auch schon mal bis zu 200 Pakete das Lager verlassen.

Kirsten Wötzel klickt in diesen Tagen öfter durch das Angebot von Kilenda. In dem nächsten Paket, das der Postbote ins Haus bringt, dürften ein paar Jacken für die wärmeren Frühlingsmonate sein. Nicht nur ihr Einkaufsverhalten hat die Mutter verändert, sondern auch ihre berufliche Situation. Nach vielen Monaten als Kundin steht Kirsten Wötzel bei Kilenda mittlerweile auf der Lohnliste: Bei dem jungen Unternehmen arbeitet sie in der Buchhaltung.