Magdeburg l „Ho, ho, ho, ho!“, beginnt Roland Schmidt jeden fünften Satz, den er spricht. Auch, wenn das Thema gar nichts mit Weihnachten zu tun hat. „Ho, ho, ho, ho!“, stellt er zudem an jeden Anfang einer Whatsapp-Nachricht. Eben ein Knecht Ruprecht von echtem Schrot und Korn. Und das kam so:

„Vor acht Jahren stieß ich in der Volksstimme auf einen Artikel, in dem es darum ging, dass die Arbeitsagentur Weihnachtsmänner sucht. Da habe ich mich gleich angesprochen gefühlt, denn einige Leute hatten schon davor mein Talent erkannt und zu mir: ,Du Weihnachtsmann‘ gesagt“, schmunzelt er.

Casting bei der Jobvermittlung

Damals habe es bei der Jobvermittlung sogar noch eine Art „Casting“ gegeben. „Ich musste mich dort vorstellen. Natürlich in voller Weihnachtsmann-Montur. Die Leute wollten doch sehen, ob man auch nach Weihnachtsmann aussieht, und nicht die Katze im Sack kaufen.“

Bilder

Er habe sich in einem Magdeburger Laden mit einem Komplett-Kostüm eingekleidet. „Und ich muss die Weihnachtsmann-Tester wohl beeindruckt haben. Jedenfalls kriegte ich den Advents-Job.“

Die Rute bleibt zu Hause

Seit diesem Tag tingelt er im Advent durch die Lande, um weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. „Einen Sack mit Päckchen und Süßigkeiten habe ich immer dabei“, sagt er, „aber die Rute bleibt zu Hause. Besonders dann, wenn ich Kinder beschenken soll.“

Auch wenn sich Eltern bei ihm melden und bestellen, er solle den unartigen Sohn oder die verstockte Tochter „mal so richtig ausschimpfen“, passt der 58-Jährige. „Ich bin ein guter Weihnachtsmann. Wenn es etwas zu erziehen gibt, dafür sind die Eltern da.“ Das höchste der Gefühle sei, dass er sich das erwartungsvolle Kind zur Seite oder auf den Schoß nehme und ihm „sanft ins Gewissen“ rede. Die Reaktion sei meistens: „Ich will auch immer artig sein.“

Nicht immer ist der gemietete Weißbart willkommen. „Es kommt schon mal vor, dass sich ein kleines Kind gar nicht wieder einkriegt, weil es Angst vor dem fremden Mann mit dem langen, roten Mantel und der tiefen Stimme hat“, sagt Schmidt. Wenn sich das Kind überhaupt nicht trösten ließe, zöge er sich still und leise zurück. Sein erster Auftritt in diesem Jahr war in der vergangenen Woche in der Magdeburger Kinderkrippe „Feldmäuse“. „Wir kennen Roland schon vom vergangenen Jahr“, sagt Leiterin Ina Henkel. „Wir wollten ihn unbedingt wieder haben. So toll hat er das 2016 gemacht.“

Aufgeregte U-3-Kinder

Die U-3-Kinder seien schon seit Tagen aufgeregt und hätten es kaum noch erwarten können, dass sie der Weihnachtsmann besucht. Und auch die Nachbarkinder in der Tagesstätte „Kuschelbär“ hätten sich auf den kleinen Weihnachtsmarkt hinter der Einrichtung riesig gefreut.

Vor acht Jahren, nachdem „Möbel Walther“ in Langenweddingen (Landkreis Börde) dicht gemacht hatte, wurde der Einrichtungsberater arbeitslos. „Ich musste mir etwas Neues suchen und kam auf die Idee, mich darauf zu verlegen, Menschen zu bespaßen.“ Das Kleinunternehmen „Rolands-Schlager Show“ wurde geboren.

Mit seinem Gesang zu eingespielter Musik aus der Konserve brachte er inzwischen schon viele Familienfeiern in Schwung und erntete besonders in Seniorenheimen Beifallsstürme.

Sein neuester Hit heißt „Donna Blue“. Und kurz bevor er bei den „Feldmäusen“ sein Basecap gegen die rote Kapuze tauscht, gibt er der Krippenleiterin eine kleine Kostprobe. „Besonders gut kann ich Roland Kaiser und Udo Jürgens“, sagt der Mann, der als ehrenamtlicher Helfer die Johanniter unterstützt.

Erwartungsvolle Blicke

Kurz nach seinem Exklusivauftritt hat sich die Außenanlage der „Feldmäuse“und „Kuschelbären“ gefüllt. Eltern, und Großeltern schauen erwartungsvoll zur Hintertür.

Dann ist es soweit: „Ho, ho, ho, ho!“, tönt es von der Treppe. „Von drauß‘ vom Walde komm ich her; Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!“ ruft Schmidt den Anfang des Theodor-Storm-Gedichtes „Knecht Ruprecht“ in die Runde. Erwartungsvolles, bei einigen distanziertes, Äugen nach dem geschenkeversprechenden Sack.

Doch vor der Belohnung hat der Weihnachtsmann die Pflicht gesetzt: „Kann denn jemand ein Weihnachtslied singen oder ein Gedicht aufsagen?“ fragt der Osterweddinger und erntet meistens ein „Nö“ oder ein schüchternes Kopfschütteln. Nur einige ganz Mutige trauen sich. Auf der Hitliste ganz oben: „Oh Tannenbaum“.

Schlaue Kerlchen

Mit seiner Weihnachtsmann-Rolle sei das so eine Sache, sagt Schmidt. „Da gibt es ganz schlaue Kerlchen, die fragen: Wie geht denn das. Eben hat mir mein Freund gesimst, dass der Weihnachtsmann bei ihm ist. Wie kannst Du denn gleichzeitig hier sein?“

Doch davon lasse er sich inzwischen nicht mehr aus der Ruhe bringen. „Das ist doch ganz einfach. Auch bei uns gibt es einen Chef, wie bei deinem Papa und deiner Mama auf der Arbeit. Mein Chef wohnt am Nordpol. Von dort teilt er seine Mitarbeiter in der ganzen Welt ein, die Geschenke zu verteilen. So passt es schon, dass zwei Weihnachtsmänner zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten sein können.“

Die Kinderschar, die sich um den Rauschebart versammelt hat, wird immer größer. Besonders, nachdem sich herumspricht, dass der Weihnachtsmann nicht mit leerem Sack gekommen ist. Der Griff hinein lässt das letzte Misstrauen schwinden. Lea wünscht sich eine Puppe, Max eine Gitarre. Nur der kleine Paul will um keine Süßigkeiten der Welt auf den Schoß und auch das „Ho, ho, ho, ho!“ tröstet ihn nicht.