Stendal/Berlin l Eichstedts ehrenamtlicher und parteiloser Bürgermeister Karlheinz Schwerin kann nur mit dem Kopf schütteln: „Gustav Nachtigal war kein kolonialistischer Einpeitscher. Man sollte mit der Verteufelung endlich aufhören.“ Dass der Afrikaforscher ab 1884 im Dienste vom Kaiser und Reichskanzler Otto von Bismarck stand, sei der damaligen Zeit geschuldet. Darin sehe er keinen Grund, den Erinnerungsstein im Ort zu schleifen.

Der Ortsbürgermeister: „Man muss das gesamte Lebenswerk des Forschers im Blick haben. Und nicht nur – weil es vielleicht gerade jemandem politisch in den Kram passt – die Zeit, als das Kaiserreich einem sogenannten Platz an der Sonne, sprich Kolonien, nachjagte.“ Schwerin zeigt auf die Groß-Kolonialmächte England und Frankreich: „In diesen Ländern wird ein deutlich differenzierteres Bild von den Kolonisten gezeichnet.“

Auftrag zur Veränderung

In Berlin sieht man die Sache allerdings völlig anders. Dort soll Nachtigal sinnbildlich vom Sockel gestürzt werden. Vorreiterin ist Sabine Weißler, die Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz in Mitte. An der Spitze der Anti-Nachtigal-Bewegung fordert sie: Der Name des Platzes an der Spree in Wedding muss weg. Die Bündnisgrüne begründet das damit, dass sie ihrem Auftrag zur politischen Veränderung gerecht werden müssten. „Alle Fraktionen, außer der CDU, stehen hinter dieser Initiative und die Bürger des Afrikanischen Viertels können selbstverständlich über die Namensgebung mitbestimmen.“ Aber Namensgeber sollten schon Menschen mit Bezug zum schwarzen Kontinent sein.

Bereits seit Jahren gärt der Streit um den Altmärker. So bezeichnete ihn die „Tageszeitung“ als „Kolonialherren der übleren Sorte“.

„Spiegel online“ verweist hingegen auf die Tagebücher des Forschers, in denen er den Sklavenhandel vehement verurteilt.

Gustav Nachtigals Verdienste als Afrikareisender und -erforscher sind unbestritten. Was ihm immer wieder vorgeworfen wird, ist die Tatsache, dass er 1884 nicht abgelehnt hat, als man ihm anbot, Reichskommissar für Deutsch-Westafrika zu werden.

Allerdings enthüllen bei näherer Beschäftigung mit der Materie unveröffentlichte Tagebücher und Briefe, dass Nachtigal diese Aufgabe widerstrebte. Hintergrund dafür, dass er den Bismarck’schen Auftrag trotzdem annahm, war wohl die Tatsache, dass er hoffte, durch ein gemeinsames europäisches Vorgehen dem Menschenhandel einen Riegel vorschieben zu können.

In Stendal wird es auch weiterhin ein Nachtigal-Denkmal auf dem gleichnamigen Platz geben, sagt Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU). „Er hat einen großen Beitrag zur Afrikaforschung geleistet. Ansonsten war er ein Kind seiner Zeit.“

Dass es eine Zeit gewesen ist, in der das Kaiserreich glaubte, bei der Landverteilung in Übersee zu spät gekommen zu sein, und das nachholen wollte, sei Nachtigal persönlich nicht vorzuwerfen.

Nachtigal-Gesellschaft

Fragt man Stendaler neben der Büste, die Ende des 19. Jahrhunderts aufgestellt wurde, liegen die Antworten zwischen: „kenne ich nicht“ und „ist mir egal“. Nur die wenigsten wissen etwas mit em Namen Nachtigal anzufangen.

Zu ihnen gehört natürlich der Vorsitzende des Altmärkischen Heimatbundes, Norbert Lazay aus Gladigau (Landkreis Stendal). „Er war kein besonders böser Kolonialherr, wie jetzt von einigen dargestellt wird.“ Nicht vorzuwerfen sei ihm, dass er zur Kartografierung neuer Gebiete beigetragen habe und so dem Kaiserreich geholfen hat, Handelsbeziehungen mit Afrika zu knüpfen.

Und ihn mit der Niederschlagung von Aufständen der Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialmacht in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika während der Jahre 1904 bis 1908 in einen Topf zu werfen, gehe aus Sicht von Pfarrer Lazay gar nicht. „Da war Nachtigal bereits mehr als 20 Jahre tot.“

Mitte April soll über den Namen des Platzes im Afrika-Viertel zwischen Müller- und Seestraße sowie dem Volkspark Rehberge und der Bezirksgrenze nach Reinickendorf entschieden werden. In der Altmark hingegen ist die Entscheidung pro Nachtigal bereits seit längerem gefallen. „Wir wollen eine Nachtigal-Gesellschaft gründen“, sagt Eichstedts Ortsbürgermeister Schwerin. „Die Sache liegt ein bisschen auf Eis, weil wir uns bisher vergeblich bemüht haben, namhafte Wissenschaftler ins Boot zu bekommen.“ Solch eine Gesellschaft könne dazu beitragen „endlich mit der Schwarzmalerei Schluss zu machen“.