Magdeburg l Es ist noch keine zwei Jahrzehnte her, da waren in Sachsen-Anhalt relativ gesehen doppelt so viele Menschen arbeitslos wie in Nordrhein-Westfalen. Diese Zeiten sind vorbei. Mit der Coronakrise hat Sachsen-Anhalt das einwohnerstarke Bundesland im Westen sogar überholt in der Statistik. Und der Abstand vergrößert sich.

Um 0,4 Prozentpunkte verbesserte sich die Arbeitslosenquote hier im Vergleich zum Vormonat. Nur Hamburg kann eine ebenso deutliche Verbesserung vorweisen. In anderen Bundesländern fiel der alljährliche Herbstaufschwung schwächer aus, in Baden-Württemberg veränderte sich die Quote gar nicht.

Wirtschaftsstruktur ausschlaggebend

Markus Behrens, der Arbeitsagenturchef für Sachsen-Anhalt und Thüringen, kommentierte die jüngsten Zahlen gestern wie folgt: „So wie es derzeit aussieht, kommen wir mit einem blauen Auge aus der Krise, während es bei manchen anderen Bundesländern möglicherweise zwei sind.“ Ursächlich dafür ist laut Behrens die Wirtschaftsstruktur von Sachsen-Anhalt. So gebe es hier weniger verarbeitendes Gewerbe als etwa in Baden-Württemberg.

Allerdings gibt es auch hierzulande deutliche Unterschiede. So verzeichnet etwa der Landkreis Harz mit seiner Tourismuswirtschaft und einigen Zulieferbetrieben für die Automobilwirtschaft den höchsten Zuwachs an Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr. Im vergangenen September waren dort rund 1300 Menschen mehr ohne Job als im September 2019, ein Plus von etwa 26 Prozent. Hingegen hat sich die Zahl im Salzlandkreis nur um knapp 300 erhöht (plus vier Prozent). In Magdeburg sind 18 Prozent mehr Menschen arbeitslos, in Halle 20 Prozent.

Dass mit Beginn des Herbstes mehr Menschen in Deutschland einen Job finden als im August, ist nicht ungewöhnlich. Wie Behrens erläutert, besetzten Arbeitgeber nach der Sommerpause mehr neue Stellen. Junge Menschen würden zudem ihre Ausbildungen beginnen oder in ihren ersten Job nach der Lehre starten.

Weniger Kurzarbeiter

Auch die Zahl der Menschen in Kurzarbeit ist nach Angaben der Arbeitsagentur in Sachsen-Anhalt gesunken. Allerdings beleuchten die jüngsten Zahlen der Agentur den Monat Juni. In jenem Monat waren demnach 66 400 Menschen in Kurzarbeit. Im April waren es noch mehr als 100 000. Die Neuanmeldungen für Kurzarbeit bewegten sich im September wieder auf einem deutlich niedrigeren Niveau als in den Vormonaten.

Laut Arbeitsagentur meldeten Betriebe im September für 1900 Beschäftigte Kurzarbeit an. Von März bis August verzeichneten die Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt insgesamt 231 000 Anmeldungen.

Mit Blick auf die kommenden Monate zeigte sich Behrens optimistisch. Für das kommende Jahr rechnet er mit einer Normalisierung. Das Vorkrisen-Niveau könne im Herbst 2021 wieder erreicht sein, sagte der Chef der Regionaldirektion. Speziell in Sachsen-Anhalt drohe in den kommenden Jahren eher eine Verschärfung des Fachkräftemangels.

Demografischer Wandel als Risiko

Dabei verweist Behrens auf die prognostizierte demografische Entwicklung für das Land. In den kommenden zehn Jahren werde das Land voraussichtlich ein Viertel seiner sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten verlieren, sagt er. „Das ist ein Risiko für dieses Land“, betont der Agenturchef. Deswegen müsse die Arbeit zum Thema Zuwanderung verstärkt werden.

Mit Blick auf drei Jahrzehnte deutsche Einheit konstatierte Behrens: „Wir haben jede Menge junge Menschen verloren.“ Vor allem in den 90er Jahren sei das der Fall gewesen. So zählte das Land zur Wende noch mehr als 1,5 Millionen Erwerbstätige. Im Jahr 2005 waren es nur noch etwa eine Million. Diese Zahl veränderte sich danach bis heute nur geringfügig, während die Bevölkerungszahl sowie die Arbeitslosigkeit zurückgingen.