Am 22. Oktober 1932 lag Magdeburg im Glanz der Nachmittagssonne. Vom Flughafen Magdeburg-Ost kommend, näherte sich eine Autokolonne in schneller Fahrt dem Stadtteil Cracau. In der zweiten Limousine saß der NSDAP-Führer Adolf Hitler. Vor der Reichstagswahl wollte er in der Stadthalle seine Genossen kampfbereit machen.

In Höhe des Stadions Neue Welt kam es zu einem Zwischenfall. Die sozialdemokratische Volksstimme berichtete: „Nachdem das erste Auto vorbeigefahren war, machte das zweite plötzlich in schneller Fahrt einen Schlenker gegen den Bordstein und von den Insassen wurde mit schweren Peitschen auf die am Straßenrand stehenden Magdeburger Arbeiter eingeschlagen. Drei von ihnen wurden verletzt.“ Tatsächlich fand die Polizei später „eine 1 ½ Meter lange, schwere geflochtene Lederpeitsche“ in Hitlers Fahrzeug.

Die Hintergründe blieben unklar. Die in Magdeburg erscheinende nationalsozialistische Tageszeitung sprach von Notwehr. Hitler sei mit Steinen beworfen worden und habe sich mutig gewehrt. Für die Volksstimme war es eine „von langer Hand vorbereitete Aktion“. Schon vor Hitlers Ankunft seien Lockspitzel unterwegs gewesen, „die auf Reichsbannerkameraden einredeten, man müsse doch etwas unternehmen, wenn Hitler ... käme“.

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Ein Bündnis für die Republik

Sollte es so gewesen sein, wie die Volksstimme vermutete, dann dürfte der Ort für den Zwischenfall bewusst gewählt worden sein. Das Stadion Neue Welt und das benachbarte Strandbad gehörten dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Er hatte die Anlage 1930 auch gebaut. Wenn der Spitzenkandidat der NSDAP seinen Gegnern an deren Heimstätte die Stirn bot, war dies 15 Tage vor der Wahl eine gute Werbung.

Magdeburg galt seit 1919 als eine sozialdemokratische Hochburg und im Selbstverständnis der SPD als „rote Stadt im roten Land“. Die Propagandaformel stützte sich neben der Rathausmehrheit und beachtlichen Erfolgen der sozialdemokratischen Kommunalpolitik auch auf die in Magdeburg am 22. Februar 1924 vorgenommene Gründung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.

Allerdings war dieser „Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer“ anders als öffentlich wahrgenommen keine sozialdemokratische Wehrorganisation, sondern eine Gründung von SPD, Zentrum und DDP. Das Reichsbanner wollte die Weimarer Republik vor ihren inneren Feinden schützen. Dazu wurden nicht nur die Sturmabteilungen der NSDAP gezählt, sondern auch der Rote Frontkämpferbund der KPD und der im Dezember 1918 vom Magdeburger Industriellen Franz Seldte gegründete Frontsoldatenbund Stahlhelm.

Eine Idee aus Magdeburg

Seit dem Kapp-Putsch von 1920 waren immer wieder Wehrorganisationen mit sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern gegründet worden. Beispielsweise in Liegnitz, in der Lausitz oder in München. In Magdeburg machte am 15. April 1923 eine „Republikanische Notwehr“ auf sich aufmerksam. Die Volksstimme berichtete: „Pünktlich ... marschierten die in Magdeburg aufgestellten 15 Abteilungen der ,Republikanischen Notwehr‘, jede Abteilung zu 100 Mann, auf dem Domplatz auf.“ Im Beisein des Oberpräsidenten der Provinz Sachsen, Otto Hörsing, sei unter Trommelwirbel eine Fahne der Republik enthüllt worden. In einer Ansprache versicherte Notwehrführer Karl Höltermann: „Ruft uns die Regierung der Republik, dann werden wir mit allen Mitteln Republik und Regierung verteidigen, mögen die Angreifer von rechts oder links kommen.“

Der Berliner Historiker Benjamin Ziemann lässt diesen Aufmarsch in gewisser Weise als Startschuss für die Gründung des Reichsbanners gelten. „Denn eine Gruppe Magdeburger Sozialdemokraten um Hörsing (bis 1932 Bundesvorsitzender des Reichsbanners, der Verf.), Karl Höltermann (ab 1932 Bundesvorsitzender, d. Verf.) und Horst Baerensprung, den späteren Polizeipräsidenten der Stadt, war es, die gegen manche Widerstände aus den Reihen ihrer Partei die Konzeption des Reichsbanners als überparteilichen Verband zum Schutz und zur aktiven Unterstützung der Republik entwickelte.“

Zur Gründung des Reichsbanners kam es zehn Monate später. Hörsing (bis 1932) und Höltermann (ab 1932) wurden Bundesvorsitzende des Reichsbanners. Selbst Magdeburger Zeitungen nahmen es kaum wahr. Aber es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. „Es bleibt auch im Nachhinein erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit sich das ... Reichsbanner in beinahe alle Regionen des Reichs ausbreitete“, schreibt Ziemann. Ein halbes Jahr nach Gründung soll es bereits 5618 Ortsgruppen und 1,26 Millionen Mitglieder gegeben haben, 1925 sogar drei Millionen Mitglieder. Die Zahlen müssten allerdings kritisch hinterfragt werden, meint Ziemann.

„Unbestritten ist“, blickt er zurück, „dass das Reichsbanner auf Anhieb zur stärksten Kraft im Feld der sogenannten Wehrverbände wurde. Der erste Reichsbannertag am 22. Februar 1925 in Magdeburg wurde zu einem machtvollen Aufmarsch. Auf dem Domplatz der in den Farben der Republik geschmückten Stadt versammelten sich 130 000 Reichsbannerleute. Wie das SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ schrieb, bekannten sich die Teilnehmer zu einer „freien großdeutschen Einheitsrepublik“.

Es habe keine Zwischenfälle gegeben, hieß es im Magdeburger General-Anzeiger: „Magdeburg hat aufs neue seinen Ruf bestätigt, daß in seinen Mauern jeder nach seiner Fasson selig werden kann und dass es nicht geneigt ist, das Beispiel anderer Städte nachzuahmen, in denen Veranstaltungen Andersgesinnter durch wilden Terror gestört oder verhindert werden.“

Bundesanlagen werden braun

Das sollte sich ändern. Einen Tag vor der Kommunalwahl am 12. März 1933 stürmten siegestrunkene SA-Männer das Rathaus. Sie schleppten Oberbürgermeister Ernst Reuter hinaus und trieben Bürgermeister Herbert Goldschmidt mit einer Hakenkreuzfahne in der Hand durch die Altstadt, und zwar zielgerichtet zum Sitz des Reichsbanners in der Regierungsstraße. Vor dem Gebäude, dem seine Karriere als Braunes Haus und Dienstsitz der Magdeburger Gestapo noch bevorstand, soll er zum Hitlergruß gezwungen worden sein. Dann endlich schritt die Polizei ein.

Auch die Reichsbanner-Anlage Neue Welt erhielt, wenn auch nur vorübergehend, eine neue Bestimmung. Im Stadion, vor dem Hitler im Jahr zuvor die Peitsche geschwungen hatte, wurde nun ein Lager für Andersdenkende errichtet.

Das Ende der Weimarer Republik konnte das Reichsbanner nicht verhindern. Dabei hätte die überparteiliche Ausrichtung des Bundes durchaus ein Fingerzeig zur Rettung sein können.