Magdeburg/Grodno l Moderne Autobahnen, renovierte Gebäude und als Clou Dörfer mit LED-Straßenbeleuchtung – Umweltstaatssekretär Klaus Rehda (Grüne) war bei seinem ersten Besuch verblüfft von Weißrussland. Hierzulande ist vom Land zwischen Polen und Russland eher als finsterer Diktatur mit konservierten Sowjet-Verhältnissen zu hören.

Der Impuls für die Weißrussland-Tour ging von dort aus: Vertreter des Gebietes Grodno waren 2018 und zuletzt im Mai dieses Jahres in Sachsen-Anhalt, um Kontakte im Bereich von Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus zu knüpfen. Hintergrund ist ein Kooperationsprojekt der Willy-Brandt-Stiftung, womit auch Fördermittel verbunden sind.

Dass von Grodno aus Kurs auf Sachsen-Anhalt genommen wurde, ist kein Zufall: Die Stadt war eine der ersten im damaligen Großfürstentum Litauen, der 1444 das Magdeburger Recht verliehen wurde. „Der Oblast Grodno ist zudem ähnlich groß wie in Sachsen-Anhalt, hat viel Landwirtschaft und dazu Chemieindustrie. Das passt.“ Nur sei das Gebiet wesentlich dünner besiedelt.

Und was ließe sich gemeinsam anpacken? Wie Rehda erklärt, haben die Weißrussen großes Interesse an Erfahrungen in der Bio-Landwirtschaft. Denn auf landwirtschaftlicher Produktion gründet sich der Aufschwung, den das Land in den vergangenen Jahren genommen hat.

Die Initialzündung lieferte unfreiwillig die Europäische Union mit ihren Russland-Sanktionen. Die Weißrussen sprangen als Lieferanten von Milch, Fleisch und Wurst ein. „Die Landwirtschaft boomt“, sagt Staatssekretär Rehda. Bei Exporten nach Russland gehe es nicht mehr nur um Masse, sondern auch um Klasse.

Zu den Überbleibseln des Sowjet-Systems gehört indes die Zentralmacht in Minsk, die die weitgehend staatliche Wirtschaft lenkt. Und eben auch den Fortschritt befiehlt – siehe LED-Straßenlaternen.

Doch hat Minsk auch erlaubt, dass die Regionen sich selbst um Partner im Ausland bemühen dürfen. Auf dem Land arbeiten unverändert Kolchosen auf gepachtetem Staatsboden, schließlich war Präsident Alexander Lukaschenko einst selbst Kolchoschef.

Den weißrussischen Bauern kommt bei ihren Bio-Ambitionen entgegen, dass ihre Äcker nicht nitratbelastet sind. Schon weil sie sich Dünger nie leisten konnten. In Sachsen-Anhalt interessiert die Osteuropäer, wie die Zertifizierung und Vermarktung der Produkte erfolgt – auch mit einem Seitenblick auf dem europäischen Markt. „Wir haben hierbei einen Erfahrungsaustausch vereinbart“, sagt Rehda. Er nennt als weiteren Ansatz für die Zusammenarbeit die nachhaltige Entwicklung. So müssten in Weißrussland die bestehenden Fernwärmenetze modernisiert werden. Dafür ist Unterstützung genauso willkommen wie bei Existenzgründungen in der Landwirtschaft. Diese sind im autoritär geführten Weißrussland durchaus nicht verboten.

Bei Naturschutz und Agrotourismus liegt die Kooperation auf der Hand: Sachsen-​Anhalt ist der polnischen Wojewodschaft Ermland-​Masuren mit dem Białowieski-Nationalpark, dessen größerer Teil sich bis weit nach Weißrussland hinein erstreckt, partnerschaftlich verbunden. Schließlich kann Sachsen-Anhalt auch von Grodno lernen: Bei der Bekämpfung invasiver Arten, wie dem Riesen-Bärenklau, wo die Osteuropäer Erfolge haben.

Eine Grunderfahrung hat sich für Klaus Rehda in Weißrussland bestätigt: „Die Regierungsform ist die eine Seite, aber die Verbindungen zwischen den Leuten können nur gut sein.“