Magdeburg l Für einen Motorradclub finden erstaunlich wenig Motorräder am Sonnabend ihren Weg in den Magdeburger Stadtteil Ottersleben. Dorthin hatten die Bandidos zum europaweiten Treffen geladen. Die große Masse der Teilnehmer bevorzugt bequemere Anreisearten. Ein komfortabler Mercedes-Kleinbus fährt die Rocker im Shuttle-Dienst zum Gelände in der Halberstädter Chaussee. Andere fahren mit dem Pkw vor, meist Fahrzeuge der oberen Preisklasse.

Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Schon in den umliegenden Straßen stehen deren Fahrzeuge und warten auf die Gäste der Rockerbande. „Das ist eine Privatveranstaltung“, sagt einer der Beamten vor Ort. Das bedeutet, dass das Treffen nicht angemeldet werden musste und die Polizei nur eingeschränkte Handhabe hat. Rund 300 Teilnehmer zählt die Polizei bei ihren Kontrollen.

In Höhe Königsstraße hat die Polizei die Halberstädter Chaussee gesperrt. Die eintreffenden Rocker müssen ihre Ausweise vorzeigen, werden registriert und dann an weiteren Stationen durchsucht. Erst dann dürfen sie in ihr Vereinslokal. Die meisten Rocker sind im Familienvater-Alter, oft großflächig tätowiert und im Fitnessstudio gestählt. Ihre Kutten verraten Rang und Herkunft. Chicanos sind zu sehen, Rocker, die als Unterstützer der Bande fungieren, genauso wie Prospects (Anwärter), die auf ihre Vollmitgliedschaft warten. Auf vielen Kutten ist das Zeichen „1%“ zu sehen – ein selbstgewähltes Unterscheidungsmerkmal, um sich von den 99 Prozent rechtschaffenden Motorradfahrern zu unterscheiden. Und immer wieder ist unter den Kutten Kleidung der von Neonazis oft getragenen Marke „Thor Steinar“ zu sehen.

„Offiziell gibt es kein Chapter"

Während die Rocker in die Halberstädter Chaussee einfahren dürfen, müssen Anwohner draußen bleiben. Er wolle nur in seinen Garten fahren, sagt ein Mann auf dem Fahrrad zu einem Beamten mit Sturmhaube. Der verweist ihn auf einen Umweg über die Wanzleber Chaussee. Eine weitere Schaulustige erkennt in einem Kuttenträger plötzlich einen Bekannten wieder. „Der hat doch immer den Einlass gemacht“, sagt sie.

Rockerclubs kämpfen oft um Aufträge als Türsteher. Wer im Nachtleben den Einlass kontrolliert, hat das Sagen bei Drogengeschäften. Insofern ist der Hintergrund des Treffens in Ottersleben durchaus ernst. Erst im März hatten die Hells Angels ihre Magdeburger Gruppe aufgelöst und sich aus der Stadt zurückgezogen. Die Auflösung wurde kurz vor einem Prozess gegen den damaligen Magdeburger Präsidenten bekanntgegeben.

Mit ihrem Großtreffen in Ottersleben könnten die Bandidos ihren Anspruch auf Magdeburg kundtun. Eine Einschätzung des Treffens will die Polizei am Sonntag danach noch nicht vornehmen. Was die Bandidos hinter verschlossenen Türen besprochen und beschlossen haben, wisse er nicht, sagt Polizeisprecher Frank Küssner. „Offiziell gibt es kein Chapter in Magdeburg.“

Beamte in Zivil beobachten

Das Treffen der Rockerbande sorgt auch außerhalb Sachsen-Anhalts für Aufmerksamkeit. Beamte aus anderen Bundesländern seien vor Ort, um Ausschau nach bestimmten Personen zu halten, erklärt einer der Polizisten vor Ort. „Szenekundige Beamte“ nennt Sprecher Küssner die Kollegen. Ein ziviler Wagen mit Berliner Kennzeichen und aufgesetztem Blaulicht steht während der Polizeiaktion auf der anderen Straßenseite. Zwei Personen beobachten die Szenerie durch die Frontscheibe.

Fast alle der eingesetzten Beamten tragen Sturmhauben, viele Maschinenpistolen vor der Brust. Insgesamt wurden etwa 230 Polizisten eingesetzt, erklärt Frank Küssner. „Alles verlief komplett unspektakulär“, sagt der Sprecher. Lediglich drei Anzeigen wegen „Kleinstmengen Betäubungsmitteln“ wurden gestellt, zudem fand die Polizei einige Messer und einen Schlagstock. Ihr Ziel von 300 Teilnehmern haben die Bandidos erreicht, so Küssner. Und auch europaweit habe die Mobilisierung funktioniert. So hatten auch einige Rocker aus Skandinavien den Weg nach Magdeburg gefunden.