Raupe hat sich trotz Bekämpfung fast überall ausgebreitet

Befall: Nach Angaben des Umweltministeriums hat sich die Population des Eichenprozessionsspinners trotz Bekämpfung in Sachsen-Anhalt bis heute stark ausgebreitet. Er kommt mittlerweile in der Annaburger Heide, im Fläming, in den Elbauen und in der gesamten Altmark fast flächendeckend und in einer hohen Dichte vor.

Kosten: Für eine luftgestützte Bekämpfung (Hubschrauber) treten durchschnittliche Kosten von 375 Euro je Hektar auf. Für das Absaugen vom Boden aus liegen die Kosten bei durchschnittlich 200 Euro je Baum vor. In Sachsen-Anhalt kommt die Eiche auf etwa 70 000 Hektar vor; bekämpft wurden 2019 allein rund 620 Hektar Wald aus der Luft – Kosten: 232 710 Euro.

Gefahren: Der Falter des Eichenprozessionsspinners selbst ist ungefährlich, doch die feinen Haare der Raupen sind für den Menschen gesundheitsgefährdend. Die Brennhaare enthalten ein Nesselgift (Thaumetopoein), das bei Berührung mit der Haut Juckreiz, Bläschen und Ausschläge auslösen kann (Raupendermatitis).

Seehausen l Rüdiger Kloth, Bürgermeister von Seehausen (Altmark) hatte sich im Juni 2018 wegen „Körperverletzung im Amt“ selbst angezeigt. Der Anlass für den Hilferuf der besonderen Art: Ein achtjähriges Mädchen hatte nach dem Kontakt mit den Raupen des Eichen-prozessions-spinners einen allergischen Schock erlitten. Der Fall hatte für Schlagzeilen gesorgt – und dem Land Sachsen-Anhalt die Zusage abgerungen, die Kommunen künftig bei der Bekämpfung des Schädlings zu unterstützen.

Den Worten folgten Taten: Zwei Millionen Euro wurden im Haushalt 2019 für die Bekämpfung bereitgestellt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums, wo die Fäden der Schutzmaßnahmen seit diesem Jahr zusammenlaufen, wurden bis Ende August 1,64 Millionen Euro von den am stärksten betroffenen Landkreisen in Anspruch genommen – und an die Kommunen weitergereicht. Sie finanzierten damit zunächst den Einsatz von Bioziden. Damit werden befallene Bäume vom Boden oder Luft aus besprüht. Seit Juni werden in wohnortnahen Gebieten zudem Nester abgesaugt.

Raupe wird nur punktuell bekämpft

So bekam der Altmarkkreis Salzwedel im Dezember die bedarfsgemäßen 238.000 Euro bewilligt. Im August flossen nachträglich weitere 50.000 Euro, die für das Absaugen der massenhaft auftretenden Raupen-Nester westlich von Gardelegen notwendig wurden. Doch der Erfolg sei mäßig, sagt Thomas Kölle, Sachgebietsleiter Naturschutz & Forst. Trotz intensiver Bekämpfung breitet sich der wärmeliebende Spinner weiter aus. Das liege daran, dass er nicht flächendeckend bekämpft wird, sondern nur punktuell. „Somit bleibt es bei einer Schadensbegrenzung – mehr nicht.“

Das ist auch im Landkreis Stendal das Problem. 800 Hektar wurden hier in diesem Jahr aus der Luft behandelt. 13.500 Bäume wurden vom Boden aus bespritzt. Nach der Verpuppung der Raupen erfolgte die mechanische Entfernung der alten und neuen Nester. Um die 600.000 Euro verschlang die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners.

Die besonders geplagte Verbandsgemeinde Seehausen hat in das großflächige Spritzen und das kostenintensive Absaugen von 1700 Einzelbäumen mit je bis zu 60 Nestern rund 75.000 Euro investiert. Das meiste davon wurde wie im gesamten Landkreis gefördert.

Kommunen verlangen effizientere Lösungen

Diese Hilfe weiß Bürgermeister Kloth zu schätzen: „Ohne die finanzielle Unterstützung durch das Land hätte das Ganze in einer Katastrophe geendet.“ Eine Entwarnung könne aber nicht gegeben werden, so Kloth. Nach wie vor klagen Feuerwehrleute nach Einsätzen über allergische Reaktionen. Gleiches betreffe die Baubranche. „Es ist zwar ein gewisser Erfolg eingetreten, aber es handelt sich lediglich um eine Eindämmung des Problems - und um keine endgültige Lösung.“ Dazu brauche es neben wirksameren Bioziden und flächendeckenden Maßnahmen auch einen kalten und feuchten Winter, so Kloth.

Im Biosphärenreservat Drömling sterben erste Eichen ab. Ganze Baumreihen sind eingesponnen und bieten einen gespenstischen Anblick. Die erste Bestandsaufnahme nach der diesjährigen Bekämpfungsaktion durch den Landkreis Börde war ernüchternd: Viel Aufwand, zu wenig Nutzen. 20 000 Nester mussten abgesaugt werden. „Eine chemische Bekämpfung aus der Luft ist nicht erlaubt, da die betroffenen Bäume zu nah an Gewässern oder auch an Wohngebieten stehen“, erklärt Ordnungsamtsleiter Detlef Meyer von Oebisfelde-Weferlingen. „Mehr als eine Gefahrenabwehr ist so nicht möglich.“ Mancherorts sei die Lebensqualität der Menschen stark beeinträchtigt. „Deshalb müssen effizientere Lösungen her“, mahnt Meyer an.

Doch diese sind nicht in Sicht. Das Umweltministerium räumt zwar ein, dass es effizientere Mittel zur Bekämpfung des Schädlings gibt. „Diese sind aber aufgrund ihrer umwelttoxischen Wirkung für den Bereich des Gesundheitsschutzes und darüber hinaus für eine großflächige Anwendung nicht zugelassen“.