Das Bistum Magdeburg

Das Bistum Magdeburg besteht seit 1994 und zählt zu den jüngsten Bistümern in der Bundesrepublik. Geografisch erstreckt es sich auf einer Fläche von 23 000 Quadratkilometern von der Altmark im Norden bis zum Saale-Unstrut-Gebiet im Süden. Zum Bistum gehören 44 Pfarreien.

Die weit überwiegende Zahl der Einwohner im Bereich des Bistums gehört keiner Religionsgemeinschaft oder Kirche an. Die Zahl der katholischen Christen liegt bei etwa drei Prozent. Das waren zum 31. Dezember 2018 exakt 81 140.

Gerhard Feige (67) wurde 2005 von Papst Johannes Paul II. als Diözesanbischof ernannt. Als besonderes Anliegen des Bischofs gilt die Ökumene und besonders die Beziehung zur Orthodoxie. Er greift immer wieder strittige Themen auf. Zuletzt hatte er gesagt, die Priesterweihe für Frauen werde kommen.

Herr Bischof, bei der politischen Wende haben Sie nicht gedacht, dass sich die Lage so verändern würde, wie sie jetzt ist. Das bereite Ihnen Sorge und Angst, haben Sie gesagt. Wie meinen Sie das genau?
Die gesellschaftliche Atmosphäre hat sich gewaltig verändert. Es gab Höhen und Tiefen nach 1989. Da war zunächst die große Euphorie, jetzt die Freiheit genießen zu können. Schon bald aber kam die Erkenntnis: Die Freiheit ist grauer als der Traum von ihr. Freiheit ist anstrengend, und die Gerechtigkeit bricht nicht automatisch herein. Wir leben also in einer komplexen und komplizierten Gesellschaft, in der viele DDR-Bürger erst einmal ankommen und lernen mussten, sich zu behaupten. Es gab Gewinner der deutschen Einheit, aber auch Verlierer. Lange Zeit war ich der festen Meinung, dass sich die Demokratie bewährt, dass man sie schätzt und auch mitgestaltet. Seit einigen Jahren mache ich mir um ihren Fortbestand aber schon einige Sorgen.

Ist das ein deutsches Phänomen?
Nein. Das erleben wir nicht nur in Deutschland, sondern europa- und weltweit. Persönliche und nationale Eigeninteressen sind auf einmal wichtiger als der Sinn für das Gemeinwohl, für Solidarität und Mitmenschlichkeit. Das hatte ich so nicht erwartet.

Mit dieser Entwicklung verbunden ist der Aufstieg der Populisten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Zweifellos hat die Polarisierung in der Gesellschaft zugenommen. Umgangs- und Verständigungsformen werden rauer, unverschämtes Verhalten greift immer mehr um sich. Feindbilder und Verschwörungstheorien machen die Runde. Sündenböcke werden gesucht, auf die man alles abladen kann. Um in einer solchen Atmosphäre menschliches Zusammenleben konstruktiv zu gestalten, braucht man viel Kraft, Elan und Mut. Das geschieht nicht automatisch. Da ist auch die Zivilgesellschaft gefordert. Vor allem aber muss sich unsere Demokratie als wehrhaft erweisen und ihre rechtlichen, sozialen und humanitären Errungenschaften zu verteidigen wissen. Der Staat ist in der Pflicht, alle seine Mittel einzusetzen, um auch weiterhin die Würde des Menschen und die Freiheit des Zusammenlebens garantieren zu können.

Wie soll diese Wehrhaftigkeit aussehen?
Das staatliche Gewaltmonopol muss konsequent angewendet werden, damit die Demokratie nicht untergraben und zu Fall gebracht wird. Dazu gehört auch, Straftäter entsprechend zu verfolgen und zu bestrafen. Und da kann es nicht sein, dass manche vielleicht davonkommen, weil es zu wenig Richter gibt.

Wie sehen Sie die Rolle der AfD?
Die ostdeutschen Bistümer haben eine Studie durchführen lassen, die untersuchen sollte, welche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten es zwischen dem offiziellen Programm der AfD und den christlichen Grundsätzen gibt. Da wurden große Diskrepanzen festgestellt.

Welche sind das?
Die liegen vor allem im Menschenbild. Für uns Christen ist die unteilbare Würde aller Menschen nicht verhandelbar. Dazu gehören die Absage an jede Art von Fremdenfeindlichkeit und das Bekenntnis zu Toleranz, Weltoffenheit und Solidarität. Unser Verhältnis zur AfD wird aber nicht nur durch deren Inhalte bestimmt, sondern auch dadurch, wie diese Partei in der Gesellschaft agiert. Viele Hemmungen sind gefallen. Immer wieder kommt es zu sprachlichen Entgleisungen und Grenzverletzungen. Das vergiftet die Atmosphäre des menschlichen Zusammenlebens. Zudem werden Ängste geschürt und Vorurteile verbreitet. Bei manchen steigert sich das dann von vielleicht verständlicher Wut über persönliche Verletzungen oder Benachteiligungen zu Hass und Hetze. Und die sozialen Medien tragen dazu bei, dass das noch verstärkt wird.

Kurios und fragwürdig finde ich auch – und das fing mit Pegida an – wenn ein sogenanntes christliches Abendland verteidigt werden soll – aber mit unchristlichen Methoden. Dabei fällt auf, dass die AfD verschiedene Gesichter hat. In manchen Regionen – wozu ich unsere nicht zähle – gibt sie sich konservativ-bürgerlich-christlich, in anderen hingegen sind die antikirchlichen Töne sehr schrill. Da wird uns vorgeworfen, wir seien Lakaien des herrschenden Systems und würden nicht die Interessen der Menschen vertreten. Andererseits beansprucht die AfD, im Namen des Volkes zu sprechen, obwohl dessen große Mehrheit nicht hinter ihr steht.

Sie haben gesagt, auch in den Kirchen gebe es Menschen, die „populistischer denken, als es erwünscht wäre“. Wie gehen Sie mit diesen Menschen um?
Ich nehme so etwas sehr stark im Internet wahr oder in E-Mails. Da merke ich, wie groß inzwischen die Spannungen sind, und zwar auch in der gesamten katholischen Kirche – weltweit. Aus unseren Gemeinden selbst – ich frage immer wieder nach – höre ich nicht so viel. Ich befürchte nur, dass eine gewisse Haltung aus DDR-Zeiten noch nachwirkt und man nicht immer alles sagt. Ich vermute, dass im Untergrund auch manche sonderbaren Meinungen schwelen. Schon immer gibt es in der Kirche verschiedene Richtungen, sowohl in Glaubens- und Lebensüberzeugungen als auch politisch. Dabei muss das Konservative nicht schlecht sein. Das Problem ist aber: Wo überschreitet der Konservatismus die Grenzen zum Autoritären, zum Radikaleren. Und da scheint es in der Bevölkerung einen Teil zu geben, der sich bewusst oder unbewusst wieder nach einem stärkeren Führer sehnt, nach Autoritäten, die angeblich eindeutig den Weg weisen und alle Probleme lösen. Offenbar fühlt man sich von den demokratischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen oder sogar fremdbestimmt. Dadurch wird deutlich, dass die Demokratie auch ein gefährdetes und sehr zerbrechliches Gut ist. Darum muss sie noch verständlicher gelebt werden und möglichst viele Menschen aktiv einbeziehen.

Die Entwicklung der zurückliegenden Jahre hat mir klargemacht, dass Menschen zu jeder Zeit verführbar sein können. Bis dahin war es mir nicht verständlich, wie es im Deutschen Reich zur Machtergreifung durch die Nazis, zum Zweiten Weltkrieg und zur Vernichtung der Juden kommen konnte. Inzwischen ahne ich, dass so etwas auch heute nicht absolut unmöglich erscheint. Und das erschreckt und ängstigt mich.

Darf ein Christ AfD-Mitglied sein?
Das muss jeder selbst vor seinem Gewissen entscheiden. Ich kann aber Argumente liefern. Für mich ist klar, dass auf jeden Fall die Vorstellungen des völkisch-nationalen Flügels nicht mit der Botschaft des Evangeliums vereinbar sind.

Bei Wahlen verzwergt die politische Mitte immer mehr. Eine Gefahr für die Demokratie?
Die große Zahl an Wechselwählern macht mir Sorgen, kurioserweise auch von den Linken zur AfD. Natürlich muss es Vielfalt und Entwicklungen in einer Demokratie geben. Aber wenn das Ganze überhaupt nicht mehr berechenbar ist und solche irrationalen Wanderungen stattfinden, werden die Grundfesten der Demokratie ein Stückchen erschüttert. Vor allem frage ich mich: Mit welchen Werten und Überzeugungen leben Menschen, wenn es ihnen so leicht fällt, von einer politischen Seite zu einer völlig anderen zu wechseln?