Magdeburg l Ein gespaltenes Inselreich macht sich auf den Weg in die Isolation: Da sind die überwiegend Brexit-versessenen Engländer, die renitenten Schotten, die stets gebeutelten Waliser und die hoffnungsvollen Nordiren. Zusammenhalten soll und will das Land mit dem konservativen Premier Boris Johnson ein Mann, der polarisiert wie kein Vorgänger in den vergangenen Jahrzehnten.

Die Auswirkungen des britischen Abschieds aus dem Brüsseler Klub sind in ihrer Gänze schwer abzuschätzen. Fakt ist: Da werden Brocken kommen, von deren Existenz noch niemand etwas ahnt. Der formelle Austritt ist nur der erste Akt. Als nächstes muss Großbritannien seine Beziehungen zu allen Staaten auf neue vertragliche Grundlagen stellen. Zuallererst mit den ehemaligen EU-Partnern.

Zwar hofft Johnson einen Niedergang zu verhindern, indem er an die USA andockt. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa sind jedoch das Rückgrat der britischen Wirtschaft. Sie werden es auch bleiben. Noch bis Ende des Jahres hofft London denn, einen Kontrakt über die künftigen Beziehungen zur EU eintüten zu können. Ein sehr knapper Zeitraum, wie alle Beteiligten einräumen. „Eine neue Uhr tickt“, sagte EU-Chefverhandler Michel Barnier am Montag in London.

Für Sachsen-Anhalt Exportland Nr. zwei

Der sachsen-anhaltischen Wirtschaft könnte es nur recht sein, wenn die Zeit ausreicht. Großbritannien steht bisher im Export-Ranking für Sachsen-Anhalt auf dem zweiten Platz. Laut Landeswirtschaftsministerium stieg der Wert der Exporte auf die Inseln von 2008 bis 2018 von 695 Millionen Euro auf 1,29 Milliarden Euro. Importe sind für Sachsen-Anhalt weit weniger wichtig: Bei einem Wert von 404 Millionen Euro betrug der Anteil am Gesamtimport 2018 nur 2,1 Prozent. Besonders gern kaufen die Briten hier Aluminium-Halbfabrikate, Backwaren, Pharmaerzeugnisse und Kunststoffe.

Von einer „soliden Ausgangslage“ für die Zeit nach dem Brexit spricht das Wirtschaftsministerium. Doch ist die Skepsis bei den Unternehmen groß: 70 Prozent der Firmen erwarten in diesem Jahr eine Verschlechterung des Großbritannien-Geschäfts, heißt es aus den Industrie- und Handelskammern. Jeder achte Betrieb plant demnach eine Verlagerung von Investitionen auf andere Märkte, vor allem nach Deutschland und in andere EU-Länder.

Sachsen-Anhalt versucht, sich für alles zu rüsten. Dazu dient „BrexitÜG LSA9“, das Übergangsgesetz für die Zeit nach dem EU-Austritt Großbritanniens. Allerdings stellt die Landesregierung auch klar, dass derzeit keine Sondermaßnahmen zur Unterstützung von Unternehmen vorgesehen sind.

Schotten wollen weg vom Königreich

Neben den fehlenden Verträgen zwischen Briten und Europäern sind die tiefgreifenden Verwerfungen auf den Inseln selbst ein beträchtlicher Unsicherheitsfaktor. Die Gesellschaft ächzt unter fast vier Jahren auf- und abschwellender Brexit-Hysterie. Schottland würde am liebsten in der EU bleiben. Sie streben deshalb ein zweites Unabhängigkeitsreferendum an. Das erste war 2014 gescheitert. Allerdings wird Regierungschef Johnson das niemals zulassen. Die Schotten sehen sich deshalb wie des Öfteren in ihrer Geschichte als Opfer eines Londoner Diktats. Die EU hält sich aus gutem Grund zurück. Sie fürchtet, ein unabhängiges Schottland könnte zur Blaupause für andere Regionen, allen voran Katalonien, werden. Separatismus wäre Gift für die betroffenen Staaten wie für die Union insgesamt.

Mit besonderer Spannung wird auf Nordirland geblickt. Dessen Grenze zur Republik Irland war der größte Zankapfel bei den Austrittsgesprächen. Nun soll sie für den Handel offen und trotzdem EU-Grenze sein. Eines der vielen Brexit-Experimente mit offenem Ausgang.