Magdeburg l An Dankesbekundungen fehlt es nicht dieser Tage. Landauf, landab erhalten Sanitäter, Krankenpfleger, Verkäufer Gesten der Verbundenheit für ihren Einsatz in der Krise. Doch wäre es nicht konsequenter, sich einzubringen – zu helfen, wenn es darauf ankommt – statt nur applaudierend daneben zu stehen?

Das katholische Norbertus-Gymnasium in Magdeburg hat diese Idee zu Ende gedacht. Entstanden ist ein Projekt, das so in Sachsen-Anhalt einzigartig ist: Jeder der rund 900 Schüler soll künftig während seiner Schullaufbahn wenigstens ein Ehrenamt kennenlernen – und sich danach bestenfalls in einer Hilfsorganisation engagieren.

Einer, der schon vor dem offiziellen Projektbeginn sprichwörtlich Feuer gefangen hat, ist Tim Krüger. Der 17-Jährige besucht die elfte Klasse des Gymnasiums. Über die Schul-AG hat er sich früh zum Schulsanitäter ausbilden lassen, erzählt er. Es folgte die Weiterbildung zum Sanitätshelfer A und schließlich zum Einsatzsanitäter bei den Magdeburger Maltesern. Vom Asthmaanfall bis zum Armbruch hat Tim in der Schule viel gesehen.

Pflichtkurs für alle Neuntklässler

„Mit 16 durften wir über den Katastrophenschutz der Malteser Spiele des FCM absichern, das hat extrem viel Spaß gemacht“, sagt der Magdeburger. Beim Rockharz-Festival half er fünf Tage lang, Verletzte und Erschöpfte zu versorgen. „Hier habe ich meinen ersten bewusstlosen Patienten gesehen“, erzählt Tim. Auch jetzt, in der Corona-Krise, ist der Jugendliche vor Ort. Im Marienstift half er Feldbetten für Mitarbeiter aufzubauen, die im Notfall über Nacht bleiben müssen. „Wo Hilfe gebraucht wird, helfe ich gern“, sagt Tim. Dabei geht es auch um Anerkennung. „Oft hören wir Sätze, wie schön, dass ihr hier seid, das ist schon toll.“

Dass er bei den Maltesern gelandet ist, sei kein Zufall. „Unser Schulleiter ist ausgebildeter Rettungssanitäter und Ortsbeauftragter der Malteser.“

Tatsächlich ist Reimund Märkisch, der Leiter, wohl die wichtigste Triebfeder hinter dem im Mai 2018 offiziell gestarteten Schul-Projekt: „Als christliches Gymnasium wollten wir Verantwortung übernehmen“, sagt Märkisch. 50 Prozent der Schüler seien allerdings nicht christlich. „Wir mussten uns irgendwo treffen.“ Mit dem Projekt „Engagiert durchs Leben“ habe man einen Weg gefunden, bei dem sich viele wiederfinden. Kern ist ein 15-stündiger Pflichtkurs für Neuntklässler. „Dort können die Jugendlichen wählen“, erzählt der Leiter.

Retter, Schlichter, Seniorenbegleiter

Zur Auswahl stehen Rettungsschwimmer, Streitschlichter, Sportassistent, Jugendgruppenleiter oder Seniorenbegleiter. Unabhängig davon finden in der siebten und achten Klasse Grundausbildungen zu Wiederbelebung und Erster Hilfe statt. Für die Kurse hat die Schule Partner, wie die Malteser, Caritas, Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), das Bistum Magdeburg oder den Fußballverband Sachsen-Anhalt gewonnen. Die Idee wird vom Landesprogramm für Demokratie und Meinungsvielfalt gefördert. In den zehnten Klassen folgt ein freiwilliges, zweitägiges Aufbauseminar. Ist der Funke übergesprungen, erfolgt idealerweise hier auch der Übertritt in Vereine und Hilfsorganisationen.

Schüler gehen in Seniorenheime, pfeifen Fußballspiele oder fahren zum Rettungswachdienst an die Ostsee. Zwei Jahre nach dem Startschuss trifft das Projekt auf Begeisterung, sagt Märkisch. „Schüler lieben alles, was echt ist, das ist das Geheimnis. Als Schule sind wir ja sonst oft in der Situation, dass wir so tun müssen, als ob.“ Bei den Hilfsorganisationen sei das Interesse nicht weniger groß. „Viele haben Nachwuchssorgen, da braucht man gar nicht viel Werbung zu machen.“ Wenn es die Mittel erlauben, will Märkisch das Projekt an seiner Schule verstetigen. „Es könnte so zum Modell auch für andere im Land werden“, sagt der Leiter.

Wissenschaftlich begleitet werden die Schulungen durch die Hochschule Magdeburg-Stendal. Die Gesundheits-Psychologie-Professorin, Katharina Kitze, hat die Schüler zu ihren Erfahrungen befragt. Genaue Ergebnisse werden für Herbst erwartet. „Schon jetzt merken wir aber, dass Schüler ins Schwärmen geraten, wenn die sozialen Beziehungen stimmen und sie Dinge selbst in die Hand nehmen können“, sagt Kitze.

Für Tim ist sein Ehrenamt als Sanitäter schon jetzt mehr als nur ein Schulabschnitt. „Notfallsanitäter ist definitiv mein Traumjob“, sagt er. Und: „Es sollten unbedingt mehr Schulen so etwas machen, anderen zu helfen ist toll.“