Magdeburg l „Immer wieder samstags“ ... Partytime! Es ist später Nachmittag. Sebastian Alk hat es sich für seine dreistündige Metamorphose zu „Gina Gillette“ an den mit Glühbirnen und grünen Plastikranken umrahmten Schminktisch gesetzt. Die Woche über bleibt dem Magdeburger, der bei den Pfeifferschen Stiftungen in Schichten als Reinigungskraft arbeitet, für sein aufwendiges Hobby keine Zeit. Und noch weniger Muße. Beides – „und ein ruhiges Händchen“ – braucht der 38-Jährige aber, um sich in eine Dragqueen zu verwandeln.

Seit Jahren schon gehört ihr die Samstagnacht. Dann wird es bunt. Schrill. Glitzer. Frivol. Von Kopf bis Fuß als Diva gestylt, stöckelt sie ins Boys‘n Beats. Im einzigen Club für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Trans-Menschen weit und breit trifft sich die Szene. Hier, wo am Wochenende das „schwule Leben“ tobt, ist Gina Stammgast. Hier, wo Club-Besitzer Marco Wald mit viel Engagement und Empathie für die Community der vermeintlich Andersartigen die Fäden zieht, sind die an einer Hand abzuzählenden Dragqueens gern gesehen. Hier fühlt sich Sebastian Alk alias Gina Gillette „sauwohl“, wie er sagt: „Das ist meine Bühne. Das ist meine Welt.“

30 Paar Stöckelschuhe, 120 Kleider

Eine Welt voller Glitzer, Gegensätze, Klischees und Vorurteile. Die kleine, mit massenhaft Deko und Schnickschnack aufgehübschte Dachgeschosswohnung, die Sebastian Alk zusammen mit seinem Freund bewohnt, vermittelt einen ersten Eindruck davon: Zu viel von allem – wie bei einer Dragqueen. Wer hat schon 30 Paar High Heels im Flur stehen, oder 20 Frauenköpfe mit Perücken im Schlafzimmer? In wessen Schränke hängen bitteschön 120 schrill-bunte Glitzerroben und Paillettenkleider? Bei wem zieren Statementketten aus Strass die Garderobe? Und das alles – zusammen mit einer Tonne Schmink-Utensilien – im Gesamtwert eines Kleinwagens?

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Der Anblick eines Mannsbildes zwischen all den Pinseln, Make-ups, Paletten mit Lidschatten und Rouge, Lippenstiften, Puderdosen sowie Schubläden mit Glitter und Strass ist genauso ... gewöhnungsbedürftig!? Zumal der gelernte Verkäufer in seinen Männer-Wohlfühl-Klamotten (braunes T-Shirt, schwarze Jogginghose und Sneaker) nicht dem Klischee eines femininen Schwulen entspricht.

Und wo wir schon mal dabei sind, räumt Sebastian Alk gleich noch mit Vorurteilen gegenüber Dragqueens auf: „Ich bin ein Mann und fühle mich wie die meisten Dragqueens auch als solcher. Aber ich habe irre viel Spaß und Lust darauf, in die Rolle einer Frau zu schlüpfen und damit zu provozieren.“

Und so schlummert in dem Körper des 1,70 Meter großen Mannes eine Frau mit Konfektionsgröße 42/44. Wie diese in über drei Stunden mit Geschick, Professionalität, Inbrunst und Liebe zum Detail nach und nach zum Leben erweckt wird, ist faszinierend. Genauso wie der Weg vom schüchternen Dorfjungen zum Dragqueen-Star der Stadt.

Während Sebastian Alk mit dem Make-up beginnt, zuerst Augenbrauen und Bartschatten kaschiert und das Gesicht minutenlang Schicht für Schicht mit Theaterschminke abtupft, erzählt er seine Geschichte. Aufgewachsen in der Nähe von Klein Wanzleben, hat er sich als Knirps zum Fasching gerne als Rotkäppchen, Prinzessin oder Braut verkleidet. „Warum nicht? Die Mädchen sind ja auch als Pirat, Cowboy oder Matrose gegangen.“ Die erste große Liebe war eine Frau. Nach zwei Jahren war Schluss. „Irgendwie habe ich gemerkt, ich empfinde mehr für Männer.“

Outing mit 21 Jahren

Als homosexuell outete sich Alk mit 21 Jahren. Zuerst wurden die Freunde eingeweiht. Die haben das sofort akzeptiert. Dann der Anruf bei den Eltern. Das war schwieriger. Man wohnte ja auf dem Dorf. Ihre Reaktion: „Wir rufen gleich zurück.“ Aufgelegt. Zehn Minuten später meldete sich die Mutter. Der erste Schock hatte sich gelegt: „Wenn du schwul bist, dann ist das so. Du bist und bleibst unser Sohn.“

Während das zeitraubende Augenmake-up schwarz-pinke Konturen annimmt, plaudert Sebastian Alk von Gina Gillettes „schwerer Geburt“ vor 13 Jahren. Ein Kumpel trat als Dragqueen auf. „Mich hat das ganze Drum und Dran total fasziniert und ich sagte mir: Das kann ich auch.“ Also hat er daheim angefangen, sich zu schminken. Das Zubehör wurde in der Drogerie gekauft, dazu Frauensachen und Abendkleider von der Stange. Der Rest war Learning by Doing. „Meine ersten Schmink-Versuche waren scheußlich. Aber ich habe immer weiter geübt, mir hier und da auf Youtube was angeschaut und nachgemacht.“ Nach und nach bekam er ein Händchen dafür. Das Laufen in High Heels klappte dagegen von Anfang an: „Irgendwie hatte ich das im Blut.“

Hunderte Versuche und selbstkritische Blicke in den Spiegel später traute sich Sebastian Alk endlich das erste Mal als Frau vor die Tür: Es war eine Überwindung. Doch die Reaktionen der Außenwelt gar nicht so negativ, wie er vermutete. „Klar gab es auch blöde Blicke, Tuscheln und dumme Sprüche. Aber ich war taff genug, um das zu verkraften. Ich fühlte mich einfach in meiner Gina-Haut wohl und konnte meine weibliche Seite ausleben.“

Von da an ging es jedes Wochenende ins Boys‘n Beats. Aus Spaß wurde Hobby. Aus dem Hobby mit den Jahren und der immer besseren Verwandlungsfähigkeit eine weibliche Kunstfigur. Wie bei alle Dragqueens musste ein Name her. „Gina, so heißt eine Freundin, den Namen fand ich schon immer toll. Und Gillette: Na, ich bin trotz allem ein Mann und muss mich rasieren. Und ich bin so was von scharf – also Gina Gillette“, hält Sebastian Alk inne und grinst, bevor er zum tiefroten Lippenstift greift und dann mit den falschen Mega-Wimpern weitermacht.

Das Gesamtpaket, zu dem inzwischen etliche Playback-Nummern mit jeweils wechselnden Rollen und Outfits gehören, ist seit etwa fünf Jahren stimmig – und Gina Gillette „perfekt“, sagt das Multi-Talent, das sich die meisten Kleider für seine deutschlandweiten Auftritte selbst auf den Leib schneidert. „Schade nur, dass ich nicht singen kann. Aber man – oder besser Frau – kann nicht alles haben.“

Anfeindungen aufgrund des Andersseins

Inzwischen hat das Antlitz der Dragqueen Gestalt angenommen. Zum Abschluss des Schmink-Marathons wird Strass auf die hochgezogenen Augenbrauen geklebt, Glitzer auf die Wangen aufgetragen und das Ganze mit Spray fixiert. Gina liebt Glitzer, sagt Basti. „Mein Mann, der mich in allem unterstützt, hat zum Glück nichts dagegen, dass alles herumfliegt.“

Nachdem er sich in seine zwei „Bauchweg-Schlüppis“ gezwängt, Strumpfhosen, Kleid, Highheels übergestreift und die rosa Perücke zurechtgezuppelt hat, ist das Kunstwerk fertig und Sebastian Alk verschwunden. Er sagt: „Es ist wirklich so, dass man sich mit den High Heels, der Perücke und dem Outfit ganz anders bewegt. Eben wie eine Frau – auch wenn das Ganze bei einer Dragqueen bewusst überzeichnet ist. Du bekommst automatisch Haltung.“

Haltung braucht es auch im Alltag jener, die von der Norm abweichen, betont Sebastian Alk, für den die Teilnahme als Dragqueen an der Magdeburger CSD-Parade eine „Herzenssache“ ist. Denn so tolerant und weltoffen, wie sich die Masse in Magdeburg und anderswo auch gibt, „bis zur Gleichberechtigung und breiten Akzeptanz des Andersseins ist es noch ein langer Weg und wir müssen weiter um unsere Rechte kämpfen“. Als „Schwuchtel“ oder „Tunte“ in der Straßenbahn beschimpft zu werden, sei keine Seltenheit. Deswegen will Sebastian Alk bei der Parade am morgigen Sonnabend als Dragqueen nicht nur auffallen, sondern auch ein Statement abgeben: „Es gibt Männer, es gibt Frauen, es gibt aber auch etwas dazwischen. Wir alle sind Menschen, und jeder sollte leben und lieben, wie es ihm gefällt.“