Heyrothsberge l „Täve“ und die Friedenfahrt – das gehört einfach zusammen. Es ist die Geschichte vom kometenhaften Aufstieg eines Arbeiterkindes aus der Börde zum von Millionen umjubelten Volkshelden, aber auch von vorgelebten Tugenden wie Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, Bescheidenheit und Volksnähe. Sie erklärt, warum Gustav-Adolf Schur - 1989 zum beliebtesten Sportler der DDR gewählt – bis heute als lebende Legende verehrt wird. Und das nicht nur von Radsportfans im Osten.

Die Friedensfahrt, die vor 70 Jahren in Warschau ihre Geburtsstunde erlebte, nimmt auch in der Selbstreflektion des 87-Jährigen eine Schlüsselstelle ein: „Klar sind auch die Weltmeister-Titel rückblickend eine tolle Sache, oder auch die Olympiamedaillen – aber nicht sie, sondern die Friedensfahrt hat mich groß gemacht. Sie war lebensprägend, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin“, beteuert der zweimalige Gesamtsieger bei einem Besuch in Heyrothsberge. Dort lebt er mit Renate, seiner gleichaltrigen Jugendliebe, noch heute.

Das Haus, das einst auf dem Grundstück seiner Eltern erbaut wurde, ist in die Tage gekommen und grau. Genau wie „Täve“ selbst. Zwar ist der Rentner dank veganer Ernährung drahtig und schlank wie eh und je, aber der gebeugte Rücken macht deutlich: Die Jahrzehnte auf dem Rennrad, das er heute noch ab und zu herausholt, um 60 Kilometer am Stück zu schrubben, haben ihre Spuren hinterlassen.

Bilder

Täglich mit Tourenrad nach Salbke

Doch im Geiste, da ist Schur jung geblieben. Er redet nach wie vor, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und stahl erst letztens bei der Talkshow „Riverboat“ allen Gesprächsgästen die Show. Vor allem die Erinnerungen an den Krieg, die schwierigen Zeiten danach und seinen Werdegang sind hellwach und allgegenwärtig: „Ich war ein Spätzünder, habe erst mit 19 richtig mit dem Rennsport angefangen. Aber dann ging es ab wie eine Rakete.“ Er habe damals vor allem davon profitiert, dass er als Schlosser-Lehrling beim Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) jeden Tag mit dem Tourenrad nach Salbke und zurück fuhr. Und dass er sich quälen konnte, belastbar war: „Jeden Tag bei Wind und Wetter bin ich die 30 Kilometer im Affenzahn gefahren. Das hat mich stark gemacht.“

Genauso haben ihn die riesige Euphorie und Begeisterung, die seine Erfolge damals unter den Menschen im Land entfacht hat, nachhaltig geprägt: „Ich war dankbar und wollte etwas zurückgeben. Ich wollte zeigen, was machbar ist, wenn man nur will. Und ich sah mich in der Pflicht, immer alles zu geben und ein anständiger Kerl zu sein, das Vorbild, das man von mir erwartete.“

Nach der Wende hätte er mit den Wölfen heulen und so vielleicht aus seiner riesigen Popularität Kapital schlagen können. Doch „Täve“ Schur, der in seiner Karriere nie ein Rennen aufgegeben hat, kann und will seine DDR-Vergangenheit nicht leugnen: „Ich vergesse niemals, woher ich komme.“ Auch politisch behält er nach wie vor Haltung: „Die Marktwirtschaft, in der es nur um Macht und Moneten geht, entspricht nicht meinen Idealen. Ich bleibe ein Linker. Und wem das nicht passt, der lässt es.“