Magdeburg l Als Ralf Zierau in die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Magdeburger Innenstadt gezogen ist, nahm er die alte, buchefarbene Schrankwand gleich mit. Darin reihte der 82-Jährige Kristallglas an Kristallglas nebeneinander auf. So arrangiert, dass sie durch das Vitrinenglas beim Betreten des Wohnzimmers sofort ins Auge fallen. „Als ich Mausi vor zwei Jahren zum ersten Mal zu mir nach oben geholt habe, habe ich ihr die Gläser gezeigt“, erzählt Zierau. Er hebt mit feuchten Augen den Zeigefinger und fügt an: „Mausi meinte: ‚Aus West-Berlin.‘ Bingo!“ Zierau lächelt. „Mausi“, das ist seine Frau Sigrid. Ihre Erinnerungen sind so zerbrechlich wie die Kristallgläser in der alten Buche-Schrankwand.

Die 82-Jährige lebt seit zweieinhalb Jahren im Hedwig-Pfeiffer-Haus, dem Demenzzentrum der Pfeifferschen Stiftung. Heute ist sie schwer dement. Die Erinnerungen an die Zeit, in der sie als junge Frau Kristallgläser aus Berlin mit nach Hause gebracht hat, sind zum Relikt des frühen Krankenstadiums geworden. Je mehr die Krankheit fortschreitet, desto blasser werden die Erinnerungen und geringer die motorischen Fähigkeiten. Und desto schwerer wurde es auch für Zierau, seine Frau zu Hause zu betreuen. „Das ging alles ganz plötzlich und hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt er. Das Loslassen fiel schwer. Also folgte er seiner Frau kurze Zeit später und zog in eine von mehreren Wohnungen für Angehörige, drei Etagen darüber.

Es ist Freitagmorgen. In der offenen Küche im Wohnbereich I wird gerade das Mittagessen vorbereitet. Es riecht nach gekochten Kartoffeln, nach gehaltvoller Soße, genau so wie beim Betreten von Omas Küche. Für jeden ein anderer und doch irgendwie universeller Geruch. Von der Küche aus sieht man auf die Sitzecke, die mit Couch, Kissen, Schrankwand und Fernseher an ein heimisches Wohnzimmer erinnert. Ralf Zierau geht an der Küche vorbei, biegt links ab und öffnet die Tür zum Zimmer seiner Frau. „Guten Morgen Mausi, na wie geht‘s dir heute?“, fragt Zierau. Er streichelt ihre Hand und setzt sich zu ihr ans Bett. Sigrid schaut ihn an.

1968 ziehen beide nach Magdeburg

Aus den Augen seiner Frau könne er ganz viel ablesen, so sei das nun mal nach 59 Ehejahren, sagt Zierau. Was für ihn die Liebe bedeute? „Ich will meine Kräfte möglichst erhalten, damit ich so lange wie möglich für meine Frau da sein kann. Das ist für mich die Liebe“, sagt Zierau, holt tief Luft und hebt fast entschuldigend die Arme. „Alles andere wäre nur Geschwätz.“ Ihre Kräfte wollten beide nutzen, um den Lebensabend zusammen in der gemeinsamen Wohnung im Magdeburger Stadtteil Cracau zu genießen. Aber man wisse eben nie, was das Leben für einen parat hält, so Zierau.

Er war Offizier bei den DDR-Luftstreitkräften, als er mit 20 Jahren seine Sigrid in Bautzen kennenlernte. Sie, gelernte Fleischereifachverkäuferin, kam aus bürgerlichem Hause. „Als ich mich auf eine Beziehung mit ihr eingelassen habe, habe ich somit auch gegen die Prinzipien der damaligen Zeit verstoßen“, so Zierau. Also sei er versetzt worden. Doch „Mausi“ folgte ihm nach Cottbus, wurde zahnärztliche Helferin. 1968 zogen beide nach Magdeburg. Während Zierau Geschäftsführer eines Sanitätshauses wurde, war seine Frau lange Zeit die einzige Krankenschwester mit dem Schwerpunkt Traumatologie. Finanziell abgesichert, wurden die Zieraus Eltern zweier Töchter. „Sigrid ist vor ihrer Krankheit eine sehr offene Frau gewesen, die nie Probleme hatte, Menschen kennenzulernen. Da war immer ganz viel Positives um sie herum“, sagt Zierau.

Auch hier, an ihrem Bett, lächelt er seine Ehefrau an, hält ihre Hand und erzählt mit ihr. „Hast du heute gefrühstückt, Mausi?“, fragt Zierau. Zierau verfolgt jede kleine Reaktion im Gesicht seiner Frau aufmerksam. An den Wänden hat er Familienbilder aufgehangen, Blumen stehen auf dem Tisch und auch die Stühle hat Zierau mitgebracht, um so viele Erinnerungen wie irgendwie möglich wachzuhalten.

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An die Zeit, in der die Demenz die ersten Vorboten sendete, erinnert er sich noch sehr gut. Mit Wortfindungsstörungen fing vor sieben Jahren alles an. „Bei unserem letzten gemeinsamen Urlaub in Cala Millor, unserem Lieblingsferienort, habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt“, sagt Zierau. Seine Frau ist öfter in die falsche Richtung gelaufen, hatte Orientierungsschwierigkeiten. Zurück in Deutschland, musste die 82-Jährige wegen einer Wirbelkanalverengung operiert werden. Die Narkose hätte alles noch schlimmer gemacht. „Dann kam der 21. November 2016“, sagt Zierau. Er benötigt zwei Anläufe, um weiterzureden. Seine Frau sei an jenem Tag gestürzt. So schwer, dass sie zehn Tage im Krankenhaus bleiben musste. „Danach war ihre Sprache weg.“ Auf der Suche nach einer Kurzzeitbetreuung erhielt Zieraus Frau einen Platz im Hedwig-Pfeiffer-Haus. Doch irgendwann waren die Hürden daheim zu groß und die Vollzeibetreuung unausweichlich. „Das Loslassen fällt den Ehepartnern besonders schwer. Da gibt‘s moralische Verpflichtungen, eine große Liebe und auch Druck von außen“, erklärt Heimleiterin Anne Wedlich. Oft würden Außenstehende nicht sehen, wie viel Kraft die Betreuung den Angehörigen abverlangt.

30 Demenzkranke in zwei Wohnbereichen

Jeden Tag ist Zierau bei seiner Frau. Am Morgen ist er bei den Laufübungen, der Physiotherapie und der Lymphdrainage dabei, am Nachmittag holt er seine Frau zu sich nach oben in die Wohnung, verbringt mit ihr Zeit. „Am Abend bringe ich ihr öfter frisches Obst oder etwas anderes, da essen wir zusammen“, sagt er. Für Zierau sind die Pfleger und „Schwester Anne“, wie er die Pflegedienstleiterin nennt, zur zweiten Familie geworden. Auch wenn das Loslassen nie ganz gelungen ist, ist er sehr froh, dass seine Frau im Hedwig-Pfeiffer-Haus einen Platz bekommen hat. Da es keine Fluktuation beim Personal gebe, kenne er die Pflegerinnen gut. „Hier werden die Betroffenen auch mal in den Arm genommen“, sagt Zierau. Auch er selbst finde manchmal Halt, dann, wenn er am Morgen wieder einmal traurig aufwache.

„Wir wollen, dass die Angehörigen am Leben der Bewohner teilhaben“, sagt Wedlich. Für Kinder sei es oft schwerer, die eigene Mutter oder den Vater vor allem im Endstadium der Krankheit zu erleben, nicht mehr erkannt zu werden. „Einige kommen dann nicht mehr zu Besuch, was man auch respektieren muss“, so Wedlich. Die Liebe der Zieraus, das sei eine ganz besondere. Auch die Töchter kämen jede Woche vorbei, verbringen Zeit mit ihrer Mama. „Dieses Glück haben nicht alle Bewohner“, so Wedlich. Seit 2012 leitet sie das Demenzzentrum mit 25 Mitarbeitern in Magdeburg.

Hier leben 30 Betroffene mit mittelschwerer und schwerer Demenz, aufgeteilt auf zwei Wohnbereiche. Da Demenzkranke keine Toleranzgrenze gegenüber anderen hätten, sei es enorm wichtig, dass die Wohngruppen homogen sind. Oft müssen Bewohner umziehen, weil sich die Stadien der Erkrankung unterschiedlich entwickeln. Es kommt zu Aggressionen und Konflikten. Der Bedarf an Personal ergibt sich aus den einzelnen Pflegegraden. „Die neu eingeführten Pflegegrade haben für Menschen mit schwerer Demenz keine Verbesserung gebracht“, sagt Wedlich.

Fünf Pflegegrade seit 2017

Am 1. Januar 2017 wurden die bisherigen drei Pflegestufen durch fünf neue Pflegegrade ersetzt. Die große Pflege-Reform mit dem Pflegestärkungsgesetz II sollte zur Gleichberechtigung aller Pflegebedürftigen führen. Orientierte sich die Pflegebedürftigkeit von Demenzkranken bis zur Reform vor allem an der körperlichen Verfassung der Betroffenen, werden nun mehr Kriterien, unter anderem auch die geistigen Beeinträchtigungen und die Mobilität, bewertet. „Die meisten Demenzkranken sind noch mobil. Sie benötigen jedoch oft eine Eins-zu-Eins-Betreuung, da sie einen enormen Bedarf an Zuwendung haben“, sagt Wedlich. Demnach müsste die überwiegende Anzahl der Bewohner den höchsten Pflegegrad erhalten, „aber das ist nicht der Fall“, so Wedlich. Häufig jonglieren die Pflegekräfte zwischen den Patienten, so dass die eigentlich nötige individuelle Betreuung oft zu kurz käme.

Zierau nickt, er stimmt „Schwester Anne“ zu. Er und Wedlich kennen sich bestens, lachen viel zusammen. „Das ist hier besonders wichtig“, so Zierau. Auch er reiche einem Bewohner mal das Essen an, versucht mit ihnen zu interagieren. So habe er alle Stadien der Krankheit miterlebt. Bis zum Ende. Unweigerlich wird er immer wieder daran erinnert, dass auch er irgendwann diesem Ende entgegensehen muss. „Wenn man heiratet, heißt es immer ‚In guten wie in schlechten Zeiten‘, aber an die schlechten Zeiten, an die denkt ja niemand“, sagt Zierau. Im normalen Leben schiebe man die einfach zur Seite, aber das sei hier unmöglich.

„Mausi, ich komme heute Nachmittag wieder“, sagt Zierau und küsst seine Frau auf die Stirn. Um 14.30 Uhr wird er wieder an ihrem Bett stehen, sie zu sich nach oben holen und die Zeit verbringen, die dieser besonderen Liebe noch bleibt.