Magdeburg l Marius Lauer, kurzgeschorene Haare, Tunnel im Ohr und eine Vielzahl von Tattoos am Körper, flitzt durch die Räume seines Unternehmens „Rock it Science Entertainment“ in der Neuen Neustadt in Magdeburg. Noch ist hier einiges im Aufbau, der Umzug ist nicht lange her. Am wichtigsten aber: Die beiden Studios sind im Top-Zustand. Sie sind die Wirkungsstätte des 35-Jährigen. Lauer ist seit 2017 hauptberuflich als E-Sport-Kommentator im Einsatz. Wo in vergleichbaren Firmen mitunter ein Heer vom Mitarbeitern für die Übertragungen am Start ist, begnügt Lauer sich mit fünf Vollzeit-Mitarbeitern. Manchmal ist weniger mehr, meint er. Dem Produkt sieht man es nicht an. Die Buchhaltung hat Lauers Mutter übernommen.

Auf seinem Youtube-Kanal kommentiert der Mann mit dem markanten dunklen Bart unter seinem Pseudonym „verdipwnz“ Turniere. Eigentlich nicht anders als bei einer konventionellen Sportübertragung. Anstatt Fußball oder Handball stehen im E-Sport Spiele wie Counter Strike oder League of Legends (LoL) auf dem Programm. Strategisches Denken, schnelle Reaktionen und Durchhaltevermögen brauchen die Spieler, wenn sie sich in Teams auf ihre Missionen begeben. Im Stream verfolgen die Duelle schon mal mehrere tausend Zuschauer. Als sogenannter Shoutcaster behält er mit seinen Kommentaren den Überblick über das Geschehen. Seine Stimme ist der Taktgeber bei den Aufeinandertreffen.

Elektronischer Sport – für viele Menschen ist das noch immer unbekanntes Terrain. Für Lauer ist E-Sport das Lebenselixier. Beim Kommentieren heißt sein Spezialgebiet: „Tom Clancy’s Rainbow Six: Siege“. Da kommentierte er sogar die Weltmeisterschaft. Mit seiner Firma kümmert sich der Wahl-Magdeburger um die Entwicklung und Durchführung von E-Sport-Turnieren, außerdem ist er als Berater aktiv. Wenn er nicht gerade auf seinem Kanal präsent ist, begleitet er Live-Veranstaltungen deutschlandweit, seit dem vergangenen Jahr moderiert er zudem ein Magazin beim Pay-TV-Sender „eSports1“. Für den Job setzte er sich bei einem Casting unter mehr als hundert Teilnehmern durch. Der bescheiden wirkende Lauer – in der E-Sport-Szene ist er nicht erst seither deutschlandweit ein Begriff. Der E-Sport hierzulande boomt – und wird dabei immer professioneller. Der Umsatz wuchs von 8,3 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 62,5 Millionen Euro 2018. 2023 dürfte die Gaming-Branche laut einer Studie des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC) bereits einen Umsatz von 144 Millionen Euro erzielen.

Bilder

Enorme Preisgelder

Neben den Umsätzen wachsen die Zuschauerzahlen. 443 Millionen Menschen weltweit schauten laut einer Studie 2019 zumindest gelegentlich E-Sport-Events. Von einigenSportpuristen belächelt, füllt der digitale Sport Multifunktionsarenen in Deutschland und fesselt Zehntausende Fans vor den heimischen Screens. Weltweit verfolgen große Turniere mitunter 20 000 Zuschauer und mehr vor Ort. Enorm sind die Preisgelder. Beim „The International“, der WM im Fantasy-Strategiespiel „Dota 2“ in Shanghai, ging es im vergangenen Jahr um nicht weniger als 32 Millionen US-Dollar.

Auch in Sachsen-Anhalt bekommt E-Sport zunehmend Resonanz. Zu einem Live-Event wie der Wintermeisterschaft der Electronic Sports League (ESL) – der Königsklasse des deutschen E-Sports – kamen 2019 rund 1500 Zuschauer zur Messe Magdeburg. Tausende waren per Stream zugegen. Auch Marius Lauer war dabei. Das erste Turnier dieser Art in Mitteldeutschland – „es war ein voller Erfolg“, so Lauers Eindruck. Erfolgreiche Gamer hat das Land auch schon hervorgebracht. Der Magdeburger Niklas Krellenberg war lange einer der besten deutschen E-Sport-Racing-Profis. Im Spiel „World Rallye Championship“ wurde er Weltmeister. Für den Sieg gab es ein Auto im Wert von 20 000 Euro. Mittlerweile hat Krellenberg den Profi-Sport an den Nagel gehängt. Nach dem Studium arbeitet er als Projekt-Manager bei Porsche – und kümmert sich um E-Sport-spezifische Themen.

Ebenfalls aus Magdeburg kommt Lucas Reich (24). Er ist einer von Europas besten Spielern im Tactical Shooter „Tom Clancy‘s Rainbow Six: Siege“. Reich ist Profi, er spielt für eine der führenden E-Sport-Organisationen, das Team Vitality. Seine Wurzeln hat der wettkampfmäßige E-Sport Ende der 50er Jahre mit Entwicklung der ersten Mehrspieler-Games. Ein erstes E-Sport-Turnier fand in den 80er Jahren in den USA statt. In Deutschland entwickelte sich die Szene unter anderem aus den Netzwerk-Partys der 90er Jahre.

Vorbild Frank Buschmann

Marius Lauer hat als Jugendlicher mit dem Zocken angefangen, los ging es mit Counter Strike. Über die Jahre ließ ihn die Begeisterung nie los. Dass er in der Branche mal hauptberuflich arbeiten würde, hätte sich der gebürtige Berliner da nicht vorstellen können. Nach einer Ausbildung zum IT-Assistenten schmiss er sein Studium der Informatik, zog vor sieben Jahren nach Magdeburg, um als Administrator bei Bosch zu arbeiten. Die ersten Jobs waren Zufallsprodukte, sagt er. Seit 2007 kommentiert Lauer semi-professionell Events. In den vergangenen Jahren entwickelte er sich und seine Firma immer mehr zur Marke. Lauers Vorbild heißt Frank Buschmann. Bei dem Fernsehmoderator und Sportreporter wird es nie langweilig, sagt Lauer. Die beiden Stile lassen sich vergleichen. „Er kommentiert mit großer Flamme. Man spürt bei ihm den Enthusiasmus für den Sport“, sagt Martin Müller, ein anderer Wegbereiter für den E-Sport in Sachsen-Anhalt.

Müller ist Vorsitzender von „Magdeburg eSports“, mit rund 180 Mitgliedern der größte Verein für E-Sport in Deutschland. Wie Kommentator Lauer ist er überzeugt: Sachsen-Anhalt hat das Zeug zum E-Sport-Land. Müller ist Projektleiter des kürzlich gestarteten E-Sport Hub Sachsen-Anhalt (siehe Interview unten). Ziel: Einen Knotenpunkt für E-Sport schaffen. Veranstaltungen mit nationaler und internationaler Reichweite sollen stattfinden. Firmen, die nach Geschäftsideen und Projekten im E-Sport suchen, können Unterstützung erhalten. Das Land Sachsen-Anhalt hat das Potenzial der Branche erkannt. Es fördert den Aufbau des Kristallisationspunkts für elektronischen Sport mit 200 000 Euro.

Für Sachsen-Anhalts Digital-Staatssekretär Thomas Wünsch ist Gaming längst kein Randphänomen mehr, wie er kürzlich bei der Projekt-Vorstellung betonte.Kreative Unternehmen und Spieleentwickler – sie sollen eine Anlaufstelle bekommen. Die Entwicklung der Strukturen und der Szene könne einer jungen, gut entwickelten Stadt wie Magdeburg guttun, findet der Staatssekretär. Nicht zuletzt seien Meisterschaften und Messen Wirtschaftsfaktoren.

Fitness ist wichtig

Momentan sind Live-Events aufgrund der Corona-Pandemie kein Thema. Online wird zwar weiterhin gezockt. Größere Veranstaltungen sind unmöglich. „Corona ist Fluch und Segen zugleich“, sagt Martin Müller. Deutlich mehr Menschen suchten nach Ablenkung in den eigenen vier Wänden. E-Sport wie auch Streaming haben in der Krise gute Zuwachsraten. Die Zuschauerzahlen bei einer Plattform wie Twitch verdoppelten sich in den vergangenen Wochen. In der coronabedingten Pause der Bundesliga fanden sich Fußball-Profis und E-Sportler bei der „Bundesliga Home Challenge“ zusammen. Auch diese Duelle auf dem virtuellen Rasen von „Fifa20“ bescherten der Branche Aufmerksamkeit bei wieder neuen Zielgruppen.

Mit normalem Profi-Fußball hat Lauer nicht viel am Hut. Die Inszenierung sei ihm zu bombastisch geworden. Auch Sportspiele sind nicht seine Spezialdisziplin. Kommentieren kann er aber so ziemlich alles, sagt der 35-Jährige. Und privat ist beim Magdeburger ohnehin fast jeden Tag Sport angesagt. Er hat zum Ausgleich und um fit zu bleiben Crossfit für sich entdeckt, eine Trainingsmethode, die verschiedene Fitnessdiziplinen miteinander kombiniert. Fitness ist wichtig, schließlich dauern Turniere mehrere Stunden. Bei „Rainbow Six“ beharkten sich die Teams schon mal mehr als zehn Stunden. Das sei dann „mentale und körperliche Zerstörung“ für alle Beteiligten, sagt Lauer und lacht.

Dass E-Sport im Kommen ist – daran besteht kein Zweifel, sagt Lauer. Sein Traum: eine bei einem E-Sport-Event voll besetzte Getec-Arena in Magdeburg. Dort eine Großveranstaltung begleiten zu können – „wäre doch nicht schlecht“, sagt er.