Stendal l Mitte Januar hat der Landkreis Stendal auf eigene Faust 330 Bedienstete aus Polizeivollzug und -verwaltung impfen lassen. Sie kamen aus der gesamten Polizeiinspektion Stendal. Der Kreis Stendal begründete die Impfung mit Polizisten von Gommern bis Havelberg mit einem „Feldversuch“.

Allerdings: Polizisten sind in der Impfabfolge noch gar nicht an der Reihe. Sie gehören – sofern sie nicht schwer krank oder sehr alt sind – zur zweiten Prioritätsgruppe im Impfplan. Sie dürfen erst geimpft werden, wenn Hochbetagten, Schwerkranke und das medizinische Personal vollständig versorgt sind.

Der Vorgang müsse umgehend aufgeklärt werden, forderte gestern der Landtagsabgeordnete Wulf Gallert (Linke). Wenn durch eine solche Aktion mehr als ein Zehntel der bisher im Kreis Stendal geimpften Personen „entgegen der Priorisierung und somit der rechtlichen Verbindlichkeit geimpft wird, wirft dies insbesondere bei den über 80-jährigen Menschen im Kreis zu Recht Fragen auf. Sie sind durch die Corona-Pandemie in ihrer Gesundheit am stärksten gefährdet und kämpfen händeringend um einen Impftermin. Das aktuelle Vorgehen ist diesen Menschen schwer vermittelbar.“

Das Innenministerium verwies auf Anfrage auf den Landkreis. Dessen Sprecherin Sabrina Lamcha teilte gestern mit: „Die praktische Umsetzung einer neuen Impfstrategie, deutlich mehr Personen zu impfen, wurde getestet. Die Auslastung einer dezen­tralen Impfstrecke mit hoher Durchlauffrequenz konnte getestet werden. Dieser Feldversuch verlief reibungslos, die Kapazitäten wurden passend eingesetzt, die Erkenntnisse sind im Masterplan ,Dezentrale Impfstrategie’ berücksichtigt.“

„Ich bin ungehalten, wie das zum Teil läuft.“

Ministerin Petra Grimm-Benne, SPD

Den Impfstoff zwackte der Kreis nach eigenen Angaben aus der Reserve ab, die er eigentlich für die Zweitimpfungen bereits geimpfter Menschen vorhalten müsste. Der solle wieder aufgefüllt werden, sobald die Polizisten im Impfplan an der Reihe seien, hieß es.

Ministerin Grimm-Benne reagierte empört auf die Vorgänge. Sie habe den Kreis zu einer Stellungnahme aufgefordert. Die Verteilung des knappen Impfstoffs sei ein „sehr, sehr sensibler Bereich“, sagte sie. „Ich bin ungehalten, wie das zum Teil läuft.“ Man dürfe nicht „mit Vitamin B zu einer schnelleren Impfung kommen“, sagte sie. Werde gegen den Impfplan verstoßen, „werde ich ziemlich hart durchgreifen“.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert Strafen für die Verletzung der Reihenfolge bei den Corona-Impfungen. „Die Begründung ist immer gleich: Der überschüssige Impfstoff hätte ansonsten weggeworfen werden müssen“, sagte Vorstand Eugen Brysch. „Damit in der Praxis die Impfverordnung konsequent angewandt wird, müssen Verstöße sanktioniert werden.“ Seite 4