Magdeburg l Kurz nach Beginn der kühlen Jahreszeit geht Arztpraxen im Land bereits der Grippeimpfstoff aus. Dabei raten Gesundheitsbehöhrend gerade in Corona-Zeiten dringend zur Impfung.

In der Praxis von Holger Fischer in Quedlinburg gab es gestern kaum noch Impfstoff: „Wir hatten 800 Dosen bestellt, die sind übermorgen alle“, sagte der Hausarzt. Nachschub sei nicht in Sicht. Bei Kollegen in Halle und Magdeburg sei die Lage ähnlich, so Fischer, zugleich Vize-Chef des Hausärzteverbands Sachsen-Anhalt – Stimme von knapp 1000 Ärzten im Land.

Roland Achtzehn, Kinderarzt in Wanzleben, hat erst gar nicht die bestellte Zahl von 1000 Dosen erhalten. Nur 700 seien angekommen, sagte er. 500 davon sind bereits verbraucht. Auch Achtzehn, Chef des Berufsverbands der Kinderärzte im Land, rechnet nicht damit, dass das lange reicht. „Wir versuchen überall nachzuordern, aber es ist schwierig.“

Grund ist zum Einen eine erhöhte Nachfrage: Kamen Patient sonst erst ab Oktober, ließen sich in diesem Jahr viele schon Ende September impfen, sagte Fischer.

Viele folgen damit dem Rat der Politik: „Lassen Sie sich impfen“, empfiehlt etwa Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD). Dies sei während der Corona-Pandemie doppelt wichtig, da Grippe und Covid-19 ähnliche Symptome hätten. „Gleichzeitig eine größere Grippewelle und die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer verkraften“, sagte auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Vor allem Risikogruppen sollten sich impfen lassen. Zu ihnen zählen über 60-Jährige, chronisch Kranke und medizinisches Personal. In Sachsen-Anhalt gilt die Impfempfehlung gar für alle Altersgruppen. Die Kassen zahlen die Impfung mit dem Vierfachwirkstoff in jedem Fall.

Doch reichen die Impfdosen? Spahns Ministerium ist davon überzeugt: Insgesamt seien 26,7 Millionen Impfdosen vorhanden – fast doppelt so viele wie in der vergangenen Saison verabreicht wurden (14 Millionen). Sechs Millionen sollen als nationale Reserve ab November zusätzlich verteilt werden.

Landes-Zahlen gibt es nicht, denn: Jenseits der Bundesreserve ordert jeder Arzt über seine Apotheke. Matthias Arnold, Chef des Landes-Apothekerverbands glaubt, dass der Impfstoff reicht: „Wir haben den Ärzten empfohlen großzügig zu bestellen und auch alles bekommen.“ Auch das Magdeburger Gesundheitsministerium rechnet allenfalls mit begrenzten Lieferengpässen.

Hausarzt Fischer hat allerdings Zweifel: „Wenn ich allein die Risikopatienten zähle, komme ich auf einen Bedarf von mehr als 30 Millionen Dosen“, sagt er. Kinder und Jugendliche seien da noch nicht einmal enthalten. Laut Pharmazeutischer Zeitung bestätigten in einer Umfrage des Apothekerverbands Nordrhein Mitte Oktober 95 Prozent von 280 Apotheken, weder über Großpackungen noch über Einzeldosen zu verfügen.

Experten rechnen derweil mit weniger Grippe-Fällen als in früheren Jahren. Grund seien neben der hohen Impfnachfrage die Hygiene-Auflagen gegen Corona, sagte Achim Kaasch, Chef-Mikrobiologe am Uniklinikum Magdeburg. Auch mit Reisen verbundene Infektionen seien seit Corona rückläufig, darunter das tropische Dengue-Fieber. Die Fallzahl sank von bundesweit 926 im Jahr 2019 auf bislang 190 in diesem Jahr.