Burg l Frühjahr 1942. Dr. Rudolf Kießwetter zieht in einer Spritze eine Substanz auf, die aus einem Eitergemisch besteht. Das injiziert der 41-jährige Mann im weißen Kittel einem polnischen Pfarrer in den Oberschenkel.

Es dauert nicht lange, da eitern die Wunden. Die Schmerzen werden immer größer. Und nun kommt Kießwetter, der später von Häftlingen als „kleines nervöses Männchen“ beschrieben wird, erneut ins Spiel. Er verabreicht seinem Opfer sogenannte Schüßler-Salze: Kalium, Ferrum, Natrium, Magnesium und Calcium phosphoricum sowie Silicea.

Hintergrund ist, dass Sul-fonamide, die sehr teuer sind und mit denen immer mehr Kriegsverwundete behandelt werden müssen, durch die weitaus preiswerteren „Schüßler-Salze“ zu ersetzen.

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Zeitzeuge erinnert sich

Ein Zeitzeuge, der österreichische KZ-Häftling Rudolf Kalmar, wird sich später erinnern: Die Probanden, „Träger schwer eiternder Wunden, wurden mit allen möglichen buntfarbigen Pillen aus irgendeinem homöopathischem Laboratorium abgefüllt“.

Er beschreibt auch das Auftreten der Ärzte: „Sie stapften gelegentlich gestiefelt und gespornt durch die Krankensäle, um dort herumzubrüllen, weil zu spät ,Achtung!‘ gerufen worden war oder weil sich einer der Patienten nicht vorschriftsmäßig im Bett aufgerichtet hatte.“

56 Versuchspersonen Kießwetters starben während der „Studien“ gleich, 30 weitere erlagen später den Folgen der biochemischen Experimente, schreibt Florian G. Mildenberger in seinem Fachbuch „Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte im Nationalsozialismus“.

Beherztes Eingreifen

Dass es nicht noch mehr Todesopfer gegeben hat, sei einzig und allein dem „beherzten Eingreifen eines Krankenpflegers“ zu verdanken gewesen, „der Sulfonamide an anderer Stelle entwendet und den Priestern injiziert hatte“ so Mildenberger weiter.

Den „Misserfolg“ bei den menschlichen Experimente meldete Ernst-Robert Grawitz, Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, „Reichsarzt SS und Polizei“ am 23. August 1942 an Himmler: „Als bisheriges Ergebnis ist zunächst festzustellen, dass der ungünstige Verlauf bei kaum einer der schweren Erkrankungen durch die chemischen Mittel aufgehalten werden konnte. Sämtliche Sepsisfälle (Blutvergiftung) kamen ad exitum.“

Ab 1939 in der Nazi-Partei

Der biochemische Arzt Kießwetter, der damals in Magdeburg lebte, war nach der ersten Testreihe, die von SS-Ärzten durchgeführt worden war, auf Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler nach Dachau beordert worden.

Kießwetter hatte in den 1920er Jahren in Berlin Medizin studiert, sein Studium, weil er knapp bei Kasse war, jedoch unterbrechen müssen. Nach Abschluss des Medizinstudiums promovierte er 1929.

Innerhalb der biochemischen Fachgruppe war er 1937 durch ein populärwissenschafliches Lehrbuch bekannt geworden. Darin präsentierte er den „deutschen Volksgenossen“ die Biochemie. In dieser Schrift behauptete er bereits, Infektionskrankheiten jeglicher Art mit „Ferrum phosphoricum“ (Eisenphosphat) kurieren zu können.

Kießwetter veröffentlicht Aufsatz

1939 trat der Arzt in die NSDAP ein. Drei Jahre später untersuchte er in zwei Abschnitten in Dachau, inwieweit biochemische Verdünnungen wirksam sind, um Infektionskrankheiten zu therapieren.

Obwohl seine unmenschlichen Experimente an KZ-Häftlingen selbst vom SS-Reichsarzt als „erfolglos“ abgetan wurden, veröffentlichte Kießwetter am Ende der Versuchsreihe völlig verblendet einen Aufsatz. Darin sang er den biochemischen Heilmitteln ein Loblied und pries sie wider besseres Wissen als Heilmittel gegen Infektionskrankheiten über den grünen Klee. Sein Eisenphosphat sei das ideale Fiebermittel, „das wir bei allen Infektionskrankheiten geben können“.

1943 wurde Kießwetter zur Wehrmacht eingezogen. Von dort wurde er noch vor Kriegsende entlassen, um als niedergelassener Arzt in Burg die medizinische Situation während des Krieges zu verbessern.

Die an diesen Versuchen beteiligten SS-Ärzte wurden nach dem Krieg als Kriegsverbrecher verurteilt. Allerdings beschäftigte sich das alliierte Gericht nicht mit den hier genannten Versuchen, dafür waren es wohl zu wenige Tote. Aber die Herren hatten ja noch genügend auf dem Kerbholz. Ernst-Rudolf Grawitz sprengte sich mit seiner Familie in den letzten Kriegstagen in seiner Villa in Berlin mit einer Handgranate in die Luft.

Spuren des Nazi-Arztes verweht

Rudolf Kießwetter kam um eine Anklage herum. In die Karten spielte ihm wohl dabei die Namensgleichheit mit einem höheren SS-Offizier, der zur Verantwortung gezogen wurde.

Kießwetter praktizierte viele Jahre lang als niedergelassener Arzt in Burg. Dort sind die Spuren des Nazi-Arztes, der 1992 starb, über die Jahre hinweg verweht. Selbst, wo er seine Praxis hatte, ist inzwischen nicht mehr bekannt.

Florian G. Mildenberger hat sich im Zuge seiner Studie über den Zentralverein homöopathischer Ärzte im Nationalsozialismus auf die Suche in Burg begeben. „Im Kreisarchiv habe ich herausgefunden, dass Kießwetter verheiratet war, seine Frau sich aber in den 1960er Jahren scheiden ließ“, berichtet der Wissenschaftler für Medizingeschichte. „Ob er heute noch Nachkommen in Burg hat, blieb allerdings im Verborgenen.“

Mildenberger, der bei der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart arbeitet, hörte sich in Burg um. Dort erfuhr er jedoch kaum etwas Erhellendes zum Fall „Kießwetter“. Nur so viel: Der Arzt sei ein „großartiger Mensch“ gewesen. „Kein Klugschwätzer, keiner, der rübergemacht“ sei. „Die meisten Rentner, mit denen ich sprach, stritten ab, dass Kießwetter irgendetwas mit den Faschisten zu tun gehabt habe.“

Eine Legende gestrickt?

Der Autor geht davon aus, dass sich der Arzt „eine Legende gestrickt und seine Zeit im KZ als Häftling umgelogen hat. Lediglich eine ältere Frau habe sich erinnert, dass Kießwetter Tagebuch geführt hat „und manchmal im Suff anders geredet hat als sonst“.

„Es geht mir nicht darum, die Nachfahren anzuschwärzen. Was ich möchte“, so Mildennberg, „ist, dass seine Aufzeichnungen in ein Archiv kommen.“